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Thema: "Glaubhaft leben - lebhaft
glauben"

Es
gilt das gesprochene Wort!

Unser Thema heute ist ein schönes
Wortspiel: "Glaubhaft leben - lebhaft glauben". Und Wortspiele haben es ja
so an sich, daß man sie sich gut einprägen und merken kann. Genau genommen,
geht es aber hier um zwei verschiedene Themen. Und erst wenn wir das je eigene dieser
beiden Themen uns klargemacht haben, dann können wir die Verbindungslinien zwischen
den zwei Themen entdecken.
Das erste Thema heißt: "Glaubhaft leben".
Was ist damit gemeint? Versuchen wir, es sprachlich
"aufzudröseln". Glaubhaft leben, das heißt doch: So leben, daß
einem die anderen das "glauben", einem das "abnehmen". So leben,
daß das, was wir 'rüberbringen wollen, auch tatsächlich vorhanden ist,
daß unser Leben nicht eine Mogelpackung ist, ein einziges großes Schauspiel
mit mehr oder weniger komischen und tragischen Episoden. Ohne Masken leben, oder wenn
das schon nicht möglich ist, weil wir alle ja so gerne Masken tragen: so leben,
daß hinter unserer Maske dasselbe zum Vorschein kommt, was die Maske "verspricht".
Daß das, was wir vorgeben zu sein, deckungsgleich ist mit dem, was wir wirklich
sind und daß das, was wir sagen, mit dem übereinstimmt, wie wir uns verhalten.
Mit einem Wort: "echt" leben, oder, wer es lieber in ein Fremdwort kleidet:
"authentisch" leben.
"Glaubhaft leben" - da geht es um 100prozentige
Echtheit; 90, 80 oder 40 %, das ist zu wenig! Gott sieht unser Herz an, er kennt uns
durch und durch, er kennt auch das, was wir vor anderen verstecken. Es geht bei "glaubhaft
leben" nicht nur um das, was nach außen sichtbar ist. Das macht ja nur einen
kleinen Teil unseres Lebens aus. Es geht zum Beispiel auch um das, wie wir in unseren
kleineren Lebenskreisen unser Leben führen, in unserer Familie, in unserer Ehe,
für uns selbst. Gegenüber der Öffentlichkeit glaubhaft zu leben, ist
das Eine, es ist sozusagen das Minimalziel. Gegenüber mir selber und gegenüber
Gott glaubhaft zu leben, das ist noch einmal eine ganz andere Dimension und eine ganz
andere Herausforderung, die es anzunehmen gilt.
Was "glaubhaft leben" bedeuten kann, das
haben wir an den vier Personen gesehen, die sich uns gerade vorgestellt haben: Martin
Luther (1483-1546), Corrie ten Boom (1892-1983), Martin Luther King (1929-1968) und
Mutter Teresa (1910-1997). Sie alle haben in ihrer Zeit und jede auf ihre Weise ein
Leben geführt, das "glaubhaft" ist. Von der Konfession her sind sie
auch ganz unterschiedlich: Martin Luther wurde, als Reformator der einen Kirche angetreten,
aus dieser ausgeschlossen und "Protestant". Corrie ten Boom gehörte
der Niederländischen Reformierten Kirche an, Martin Luther King war Baptist und
Mutter Teresa römisch-katholische Ordensgründerin. "Glaubhaft leben"
hat nichts mit der Konfession zu tun, sondern vielmehr mit der Hingabe an Gott, mit
der Bereitschaft, sich von Gott für seine Ziele gebrauchen zu lassen.
Aber wir sollen diese Glaubensvorbilder nicht kopieren,
sondern vielmehr kapieren, wodurch ihr Leben glaubhaft geworden ist. Denn Kopieren
wäre in der Tat der Tod aller Glaubhaftigkeit. Glaubhaft sind wir dann, wenn wir
wir selbst sind und Gott uns so gebrauchen und verändern kann, wie er es möchte.
"Glaubhaft leben" hat nämlich auch nichts
mit unserer Leistung zu tun, mit der Anstrengung, gute Werke zu tun. Auf eine Formel
gebracht: "Glaubhaft leben" ist keine Frage des Tuns, sondern eine Frage
des Seins. Wohl wird der Glaube an Jesus Christus gute Früchte hervorbringen,
aber wenn es ein lebendiger Glaube ist, ein "lebhafter" Glaube, dann wird
es "von selber", gewissermaßen automatisch geschehen. So wenig ich
einem Baum befehlen kann, Früchte hervorzubringen, so wenig macht die Aufforderung,
Gutes zu tun, einen Sinn. Ich werde dann Gutes tun, wenn Gott mein Leben bestimmt,
wenn ich mich von Ihm leiten lasse, wenn ich mit Ihm verbunden bin. Die berühmten
und vielzitierten Worte von Jesus aus der Bergpredigt: "An ihren Früchten
sollt ihr sie erkennen" (Mt 7,16=20) sind ja gerade nicht als Aufforderung zu
verstehen, Werke zu tun, sondern als Aufforderung durch die Verbindung mit Gott ein
guter Baum zu sein, der dann die entsprechenden Früchte von selbst hervorbringt.
Dasselbe bringt der Apostel Paulus mit etwas anderen Worten in seinem Brief an die
Epheser zum Ausdruck, wenn er denen, die mit Jesus Christus leben, schreibt: "Wir
sind sein Werk, durch Jesus Christus neu geschaffen, um Gutes zu tun. Damit erfüllen
wir nur, was Gott schon immer mit uns vorhatte" (Eph 2,10b).
Schon einige Male war bisher von "Glauben"
die Rede. Und damit sind wir beim zweiten Thema, das in dem Wortspiel "Glaubhaft
leben - lebhaft glauben" anklingt, nämlich: "Lebhaft glauben".
Damit ist ganz offensichtlich etwas anderes gemeint
als mit "glaubhaft leben"! Denn das Tätigkeitswort, auf dem das besondere
Augenmerk liegt, heißt hier "glauben". Ja, "glauben"! "Glauben",
das ist doch das Wort der Kirche, das Wort der Bibel, das Wort der Religion, oder?
Wir müssen hier zunächst klären, was
Glaube überhaupt ist, und vor allem: was er nicht ist! Vielleicht hast du es schon
zig-mal gehört, seit dem Religionsunterricht in der Schule, im Präparandenunterricht,
in Predigten usw. Aber ich bin überzeugt davon, daß man es gar nicht oft
genug wiederholen und sich einprägen kann. Denn leider trifft man in Gesprächen
mehr Mißverständnisse des Glaubens an als das, was Glaube wirklich ist und
sein soll.
Ich will deshalb zunächst ein paar weit verbreitete
Mißverständnisse nennen mit dem Ziel, diese Mißverständnisse
bewußt zu machen und letztlich auszuräumen.
Mißverständnis Nr. 1 in puncto "Glauben"
rührt von dem gewöhnlichen Sprachgebrauch her. Natürlich liegt es nahe,
beim Glauben an Gott an das zu denken, wie wir das Wort "glauben" gewöhnlich
gebrauchen - aber es bleibt trotzdem falsch, und dieses Mißverständnis führt
uns am weitesten weg vom echten Glauben. Wie gebrauchen wir denn sonst das Wort "glauben"?
Wir sagen zum Beispiel: "Ich glaube, morgen regnet's" oder: "Ich glaube,
Mutter Teresa starb 1998." "Glauben heißt: nicht wissen", so wird
dann oft gesagt. Und genau so verwenden wir dieses Wort im Alltag. Am letzten Beispiel
sehen wir, daß das, was wir manchmal "glauben", oft auch nicht stimmt,
denn Mutter Teresa starb 1997!
Das zweite Mißverständnis lautet: Glauben
heißt "etwas für wahr halten". Glaube ist dann die verstandesmäßige
Unterwerfung unter Meinungen und Behauptungen, die andere aufgestellt haben, zum Beispiel
"die Kirche". Glaube bedeutet dann: die Dogmen und Glaubenssätze einer
übergeordneten Instanz namens "Kirche" anerkennen und befolgen. Auch
wenn man mit einem solchen Verständnis von Glauben vielleicht nicht ganz so daneben
liegt wie mit dem ersten Mißverständnis, weil echter Glaube durchaus auch
etwas mit "für wahr halten" zu tun hat, allerdings erst in zweiter,
dritter oder vierter Linie und keinesfalls in der Hauptsache. Doch, wie heißt
es so schön: "Knapp daneben ist auch vorbei!"
Das dritte Mißverständnis in puncto Glauben
ist weit verbreitet und äußerst schwerwiegend. Es ist die Gleichsetzung
von christlichem Glauben und Religion: "Glaube ist gleich Religion". Dieses
Mißverständnis zeigt sich in dem Satz, den man oft zu hören bekommt:
"An irgend etwas muß der Mensch ja glauben." Hier werden mit dem Wort
"glauben" alle Versuche, Bemühungen und Anstrengungen bezeichnet, mit
denen ein Mensch darauf aus ist, sich "rückzubinden" ("re-ligio"
heißt wörtlich "Rück-Bindung") an ein "höheres
Wesen" und mit diesem Wesen, das als "Gott" oder "Götter"
bezeichnet wird, im Reinen zu sein. Religion ist immer eine Bewegung von unten nach
oben: Der Mensch versucht, zu Gott zu kommen, der Mensch versucht, durch Übungen
und bestimmte Techniken, Gott "gnädig zu stimmen", Gott auf seine Seite
zu ziehen. Glaube in diesem Sinn ist vor allem: etwas leisten, möglichst viel
tun, um Gott Eindruck zu machen, durch gute Werke Gott zu überzeugen, was für
ein toller Typ man doch ist.
Nun wissen wir also ziemlich genau, was "glauben"
nicht heißt. Bleibt die Frage: Was ist dann eigentlich Glaube? Immerhin geht
es ja hier nicht um spitzfindige Wortklaubereien und überflüssige Haarspalterei,
sondern um Leben und Tod. Ja, ihr habt richtig gehört: Wie anders wäre sonst
das Wort im Alten Testament zu verstehen: "Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht"
(Jes 7,9) oder das Jesuswort:"Wer glaubt und getauft wird, der wird selig werden,
wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden" (Mk 16,16)?
Beim biblischen Verständnis von Glauben schwingen
zwei Bedeutungen mit, die beide gleich wichtig sind. Das im Alten Testament hauptsächlich
verwendete Wort für "glauben", 0/! [amán], bedeutet eigentlich:
"einen Pflock einschlagen". Gemeint ist ein Zeltpflock. Denn zur Zeit des
Alten Testaments gab es viele Nomaden, die keine festen Häuser hatten. Aber ihre
Zelte mußten trotzdem fest verankert sein, damit nicht der erstbeste Windstoß
sie wegblasen konnte. Und damit ist klar: Glauben hat etwas mit Festigkeit, mit unerschütterlicher
Gewißheit zu tun. Glauben heißt: Ich schlage die Zeltpflöcke meines
Lebens bei dem lebendigen Gott ein. Allein in Ihm will ich meine Gewißheit, meine
Sicherheit und meine Geborgenheit haben, weil ich weiß, daß auf ihn Verlaß
ist. Glauben ist deshalb das Gegenteil von "nicht wissen". Ja, es bedeutet
"wissen". Am Ende seines ersten Briefes faßt der Apostel Johannes noch
einmal zusammen: "Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wißt, daß
ihr das ewige Leben habt, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes" (1. Joh
5,13). Johannes schreibt nicht: "... damit ihr vermutet, daß ihr das ewige
Leben habt ..." oder: "... damit ihr glaubt, daß ihr das ewige Leben
habt ..." oder: "... damit ihr hoffen könnt, daß ihr das ewige
Leben habt ...", nein, er schreibt: "... damit ihr wißt, daß
ihr das ewige Leben habt ...". Er ist absolut sicher, daß die, die an den
Sohn Gottes glauben, das ewige Leben haben, und er möchte eben diese Gewißheit
auch weitergeben. Von wegen: Glauben heißt "nicht wissen" ...
Und damit sind wir bei der zweiten Bedeutung des Wortes
"Glauben". Das im Neuen Testament fast ausschließlich verwendete Wort,
B4FJ,b,4< [pisteúein], leitet sich von dem Wort "Treue" ab und
bedeutet "vertrauen", in einer persönlichen Liebes- und Treuebeziehung
zu Gott leben, es ist nahezu deckungsgleich mit dem Wort "lieben". Ja, es
geht beim Glauben nicht um Sätze, die wir anerkennen, es geht darum, den lebendigen
Gott, den dreieinigen Gott, den Vater, Jesus, den Heiligen Geist, kennenzulernen, persönlich
kennenzulernen und ihn, Gott, zu lieben, in einer persönlichen Beziehung mit ihm
zu leben. Es ist kein Zufall, daß das höchste und größte Gebot
dazu auffordert, Gott zu lieben, und zwar ganz und gar, mit allem, was wir sind und
haben, mit allen Stärken und allen Schwächen, Ihn über alles andere
zu erheben.
Und ihn lieben können wir nur, "weil er uns
zuerst geliebt hat" (1. Joh 4,19). Weil er zu uns gekommen ist, als Mensch in
Jesus Christus. Nur weil Gott heruntergekommen ist, weil er von oben nach unten gekommen
ist, deshalb können an ihn glauben, ihn lieben, ihm vertrauen. Solcher Glaube
ist das Gegenteil von "Religion", solcher Glaube ist nicht der krampfhafte
Versuch, zu Gott zu kommen, sondern solcher Glaube lebt davon, daß Gott zu uns
kommt, daß er selber die Gemeinschaft mit uns sucht, daß er bei uns ist
und mit uns lebt, ja sogar: in uns lebt.
"Lebhaft glauben" bedeutet dann: diese Liebesbeziehung
zu dem lebendigen Gott mit Leben zu füllen, "die Sehnsucht leben", wie
ein Buchtitel lautet. Diese Beziehung zu Gott nicht auf bestimmte Zeiten und Orte zu
beschränken, sondern Gott Raum geben in unserem Leben, alle Phantasie einsetzen,
kreativ werden, damit unser Glaube nicht tot ist, sondern von prallem Leben erfüllt
ist, von dem Leben, das nur Er, Gott selbst geben kann, weil er selbst das Leben ist.
"Glaubhaft leben - lebhaft glauben", das
können wir nur in der engen Verbindung mit dem lebendigen Gott, auf den Glaube
ausgerichtet ist und von dem her er mit Leben gefüllt ist. In einer lebendigen
Beziehung mit dem lebendigen Gott zu leben, das können wir, weil er selbst uns
diese Beziehung ermöglicht und anbietet. Wenn wir uns darauf einlassen, dann braucht
"Glaubhaft leben - lebhaft glauben" kein frommer Wunsch zu bleiben.
Amen.

Die Kirchengemeinde
Eysölden wünscht einen gesegneten Sonntag!
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