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Themenpredigt: "Wie ein Fest
nach langer Trauer ... - so ist Versöhnung ..."

Es
gilt das gesprochene Wort!

Isaak und Rebekka bekommen Zwillinge.
Jakob ist der Jüngste. Esau ist der Älteste, der Stammhalter. Selbstverständlich
wird der Segen vom Vater auf den ältesten Sohn übergehen, sollte man annehmen.
Aber was man für selbstverständlich hält, geht bei Gott oft gerade ein
wenig anders.
Nicht der Älteste, sondern der Jüngste ist der Sohn der Verheißung.
Er soll gesegnet werden. Als der Vater, Isaak, dafür offensichtlich blind ist,
greift Rebekka ein. Mit List und Tücke und mit Hilfe seiner Mutter erreicht Jakob
schließlich, daß er gesegnet wird. Er kann es offenbar nicht Gott überlassen.
Jakob betrügt seinen alten Vater, tut so, als wäre er Esau, und erhält
so den Segen.
Es scheint fast, als heilige der Zweck hier die Mittel. Doch das ist nicht der Fall.
Später zeigt sich, daß Jakob für das Unrecht, das er seinem Bruder
Esau und seinem Vater Isaak angetan hat, einen Preis bezahlen muß. Denn versprochen
ist versprochen ..., und Betrug ist Betrug. Das Volk Israel hat oft gegen die Edomiter
kämpfen müssen, das Volk, dessen Stammvater Esau ist.
Jakob muß fliehen. Und böser Tat folgt böser Lohn. Jakob, der jüngste
Sohn, will Rahel heiraten, die jüngste der zwei Töchter des Laban. Aber genau
der Wechseltrick, den er seinem fast blinden Vater geliefert hat, wird jetzt gegen
ihn verwendet. Damals gab er, der jüngere Bruder, sich als der ältere aus.
Diesmal drängt sich die ältere Schwester vor die jüngere. Der Betrüger
wird betrogen. Lea, nicht Rahel, wird Jakobs erste Frau. Die Lektion lautet: Du kannst
vor deinem Bruder fliehen, aber du begegnest immer dir selbst und dem Unrecht, das
du begangen hast.
Nach zwanzig Jahren zieht Jakob zurück nach Kanaan, weil sein Schwiegervater neidisch
ist auf dessen Reichtum. Mit einem unglaublich großen Geschenk, in der Gestalt
seines Viehs, will er wiedergutmachen, was er falsch gemacht hat. Als ob er den Segen
zurückgeben wollte. So steht Jakob seinem Bruder Auge in Auge gegenüber und
erfährt erneut, daß sein Leben gerettet ist: Esau ist zur Versöhnung
bereit. Die Brüder fallen sich weinend in die Arme. Wir sehen es vor uns, wie
das Ende einer Fernsehsendung, in der verlorengegangene Familienmitglieder aufgespürt
werden. Nach Jahren sehen die Zwillingsbrüder sich wieder. Kein Auge bleibt trocken,
so rührend ist es. Sie sind so verschieden, und soviel ist passiert. Sie und ihre
Nachkommen werden ihren eigenen Weg gehen. Aber dieser Moment ist unvergeßlich.
Jakob und Esau werden wieder Brüder. Es ist wie ein Fest nach langer Trauer. So
ist Versöhnung!
Wie sieht es denn damit bei mir aus? Habe ich eine versöhnte Beziehung zu Gott
und meinem Leben? Bin ich in einem versöhnten Verhältnis mit mir selbst und
zu den Menschen um mich herum? Manchmal spüren wir das sofort: O ja, hier brauche
ich noch Versöhnung! Manchmal sind wir uns aber dessen gar nicht bewußt,
sondern erleben nur die Auswirkungen des Nichtversöhntseins:
Vielleicht vergleichen wir uns mit anderen Leuten und denken dabei ständig, weniger
begabt oder beliebt zu sein als sie. Das zeigt, wir sind nicht ausgesöhnt mit
uns selbst, vor allem nicht mit unseren persönlichen Grenzen.
Oder wir haben innerlich das Gefühl, daß wir in unserem Leben zu kurz gekommen
sind. Etwas Entscheidendes fehlt uns zu einem erfüllten Leben, und wir reiben
uns daran wund. Es fällt uns schwer, zu unserer Lebenssituation Ja zu sagen.
Es kann auch sein, daß sich in uns eine Bitterkeit gegenüber einer Person
festgesetzt hat. Sobald wir an sie denken, kommen die alten Gefühle der Verletzung
und der Wut wieder hoch.
Oder es fällt uns schwer, der Vaterliebe Gottes zu vertrauen. Da sind insgeheim
Anklagen gegenüber Gott in unserem Herzen, wie er eine Enttäuschung in unserem
Leben zulassen konnte. Wir gehen innerlich auf Distanz.
Vielleicht denken wir, Gott kann uns unmöglich noch lieben, weil wir so versagt
haben. Wir können der Gnade Gottes nicht wirklich glauben.
Mangelnde Versöhnung hat viele Auswirkungen. Wo wir nicht versöhnt sind,
macht sich Angst in irgendeiner Form breit. Da gibt es innere und äußere
Kämpfe, Unzufriedenheit, Bitterkeit, Streit ... Nicht nur unser persönliches
Leben, sondern unsere ganze Welt ist davon geprägt!
Wenn wir aber versöhnt leben, spüren wir inneren Frieden und haben Anschluß
an eine große Kraftquelle. Wir können gelassener mit uns selbst und anderen
Menschen umgehen und sie in ihrer Verschiedenheit annehmen. Wir vertrauen Gottes Liebe
und seinem guten Weg mit uns.
Was ist eigentlich Versöhnung? Versöhnung bedeutet die Wiederherstellung
eines guten Verhältnisses zwischen Feinden. Versöhnung ist also dort nötig,
wo eine Beziehung gestört ist durch Verletzung, Enttäuschung, Kampf oder
sogar Feindschaft gegeneinander.
Versöhnung ist das Thema der Bibel! Denn wir alle haben letztlich deshalb Versöhnung
nötig, weil die Sünde eine Entzweiung hervorgebracht hat, die durch die ganze
Welt geht. Zuerst entzweite sie die Liebesbeziehung zwischen Gott und dem Menschen.
Der Mensch wollte unabhängig von Gott sein, und damit zerbrach die ursprüngliche
Gemeinschaft zwischen Gott und seinen Menschen. Und diese Entzweiung setzt sich in
den zwischenmenschlichen Beziehungen fort, im persönlichen Umfeld wie in der Gesellschaft
und zwischen Völkern. Wie viele grausame Kriege wurden in der Geschichte schon
geführt! Die Spaltung geht schließlich durch den Menschen selbst. Er ist
in sich selbst zerrissen.
Aber die gute Botschaft ist: Jesus ist gekommen, um diese Entzweiung der Sünde
zu überwinden! Er hat uns durch sein Sterben am Kreuz wieder mit Gott versöhnt.
Und damit ist auch Versöhnung untereinander möglich und Versöhnung mit
uns selbst.
2. Korinther 5, 17+18: "Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das
Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Aber das alles von Gott, der uns mit
sich selber versöhnt hat durch Christus und uns die Botschaft der Versöhung
aufgetragen hat."
Was heißt das konkret für unser Leben?
1. Versöhnt leben mit Gott
2. Versöhnt sein mit sich selbst
3. Versöhnung mit anderen Menschen
Auf die beiden ersten Bereiche will ich heute nicht näher eingehen, das mag bei
bei anderer Gelegenheit dran sein. Also nun zum Thema: "Versöhnung mit anderen
Menschen". Wenn wir mit Gott und mit uns selbst versöhnt leben, dann haben
wir bereits die besten Vorbedingungen, um auch mit anderen Menschen gut klarzukommen.
Denn oft sind es ja unsere eigenen wunden Punkte, die uns in Konflikte mit anderen
bringen. "Solange wir aus unseren Wunden heraus reagieren, handeln wir destruktiv
und zerstören letztlich andere, unsere Beziehungen und uns selbst" (Frank
Fabiano).
Jesus sagte, daß wir erst den Balken aus unserem eigenen Auge ziehen sollen,
bevor wir den Splitter aus dem Auge des anderen ziehen (Mt 7,3ff). Das heißt,
Dinge, die uns an uns selbst nicht gefallen, sehen wir übergroß bei anderen
Leuten und kritisieren sie entsprechend.
Wenn mich z. B. Wehleidigkeit bei anderen Leuten sehr stark stört, vielleicht
bin ich es ja selbst? Oder wenn ich sehr genau darauf achte, ob jemand auf Anerkennung
aus ist, vielleicht ist sie mir insgeheim auch besonders wichtig?
Bei der Versöhnung mit anderen Menschen kommt es darauf an, meinen eigenen Verantwortungsteil
zu erkennen: Was kann ich zur Versöhnung beitragen, nicht, wie müßte
der andere sich verändern? "Soweit es an euch liegt, haltet mit allen Menschen
Frieden" (Röm 12,18). Zur Versöhnung gehören dann allerdings beide
Seiten.
Es gibt unzählige Möglichkeiten von Spannungen und Konflikten in unserem
Leben: kleine alltägliche Reibungsflächen in der Ehe, Familie, am Arbeitsplatz,
aber auch hartnäckige Konflikte mit tiefgehenden Verletzungen. Je näher wir
uns stehen, um so verletzlicher sind wir. Versöhnt zu leben heißt nicht,
daß wir überhaupt keine Spannungen und Verletzungen mehr erleben, sondern
daß wir versuchen, in guter, konstruktiver Weise damit umzugehen. Zu einem versöhnlichen
Umgang mit anderen Menschen gehört:
... daß wir keine Bitterkeit und Groll gegen jemand hegen;
... daß wir vergebungsbereit sind;
... daß wir uns aktiv um gute Beziehungen bemühen.
Wie sehen konkrete Schritte aus, wenn wir in einen Konflikt geraten und verletzt werden?
Die Sachebene anschauen
Welche verschiedenen Meinungen und Interessen treffen hier aufeinander? Auf dieser
Ebene können wir die unterschiedlichen Argumente gegeneinander abwägen und
eine Einigung, eventuell mit einem Kompromiß, suchen. Die Situation ist allerdings
meist komplizierter, weil die persönliche Ebene aufs engste mit der sachlichen
Ebene verknüpft ist. Das geschieht schon deshalb, weil sich unsere Meinung nicht
von unserer Person lösen läßt. Auch in theologischen Auseinandersetzungen
schwingen meist persönliche Glaubenserfahrungen mit, die unser Leben geprägt
haben, so daß wir nicht rein sachlich bleiben können. Außerdem stehen
wir immer in einer Beziehung mit dem anderen. Auf dieser Beziehungsebene spielt sich
oft das Wesentliche ab. Deshalb ist es wichtig, herauszufinden:
Um was geht es eigentlich?
Hier lohnt es sich, ganz ehrlich zu werden, vor allem sich selbst gegenüber. Geht
es mir etwa um Anerkennung oder darum, daß ich das Sagen haben möchte? Da
wird z. B. über moderne Musik im Gottesdienst diskutiert, und diese Diskussion
wird ziemlich hitzig. Im Grunde geht es nämlich um die Frage, ob die Jüngeren
oder die Älteren in der Gemeinde das Sagen haben. Es ist eigentlich ein Generationenkonflikt,
in der jede Altersgruppe die Sorge hat, zu wenig beachtet zu werden.
Vom anderen her denken lernen
Manchmal bin ich ganz überrascht über die heftige Reaktion von jemanden und
kann sie gar nicht einordnen. Erst wenn ich versuche, die Situation mit seinen Augen
zu sehen, wird mir manches klar. Ab und zu geht einem erst im Gespräch mit dem
anderen auf, welche persönlichen Hintergründe zu seiner Reaktion geführt
hatten. Darauf wäre ich alleine nie gekommen! Deshalb ist es gut, dem anderen
die Möglichkeit zu geben, in Ruhe seine Sicht der Dinge zu erklären.
Meine Gefühle wahrnehmen und zulassen
Als Christen haben wir schnell ein schlechtes Gewissen, wenn wir wütend werden,
und wir versuchen, den Zorn zu unterdrücken. Aber wenn wir ihn nur verdrängen,
arbeitet er doch in uns weiter. Deshalb ist es besser, sich die Gefühle von Wut
und Schmerz zuzugestehen. Entscheidend ist nur, was ich weiter damit mache: daß
ich sie weder ungefiltert herauslasse und dem anderen Dinge an den Kopf werfe, die
ich hinterher bereue, noch, daß ich mich ins Schneckenhaus zurückziehe.
Wille zur Vergebung
Zu dem konstruktiven Weg gehört die Bereitschaft zur Vergebung. Ich gebe das Unrecht
bewußt an Gott ab und entlasse den anderen aus meiner Anklage. Denn ich überlasse
Gott das Richten.
Bei kleineren Verletzungen kann das schnell und unkompliziert gehen, mit einem kurzen
inneren Gebet. Bei schwereren Dingen ist das ein längerer Prozeß, der seine
Zeit braucht, z. B. bei Verletzungen durch Ablehnung in der Kindheit oder bei Mißbrauch.
Hier ist es gut, das Ganze nochmal genau anzusehen - am besten mit einem Seelsorger
zusammen: Was genau hat der andere angetan? Was hatte das für Folgen für
mich? Welche Gefühle löst das bei mir aus?
Wenn dann die Zeit reif ist, können wir dieses Unrecht, das uns angetan wurde,
an Gott abgeben. Das ist kein verkrampfter Kraftakt. Sondern die Fähigkeit zu
vergeben, kommt aus der Barmherzigkeit Gottes, die ich selbst erlebe. Gottes Vergebung
läßt sich nicht von der zwischenmenschlichen Vergebung trennen: "Vergib
uns unsere Schuld, wie auch wir denen vergeben, die uns Unrecht getan haben" (Mt
6,12). Gott versteht, wenn wir manchmal noch nicht vergeben können, aber ihm ist
es wichtig, daß wir vergeben wollen.
Liebevolle Konfrontation
Je nach Konflikttyp kostet es manchmal Mut, eine Sache anzusprechen. Aber es lohnt
sich, das Gespräch zu suchen. Als Maßstab dafür, in welcher Weise ich
den anderen anspreche, kann ich mich fragen:
Hilft die Art und Weise, wie ich das tue, die Beziehung wiederherzustellen?
Hilft sie, das Unrecht anzugehen?
Ist sie zum Besten der anderen Person?
Dabei sind sog. Ich-Botschaften, in denen ich meine verletzten Gefühle äußere,
hilfreicher als Du-Botschaften, mit denen ich den anderen mit Vorwürfen überschütte.
Zu einer wirklichen Versöhnung gehören natürlich beide Seiten. Ich kann
sie nicht erzwingen. Aber ich kann meinen Teil der Verantwortung konsequent wahrnehmen
und das Übrige Jesus überlassen, ihm auch die innere Belastung über
die noch ungelöste Situation geben.
Versöhnt zu leben ist eine Aufgabe, die sich jeden Tag neu stellt. Es geht nicht
um einen Rückzug in eine heile Welt oder um einen falschen Frieden, bei dem wir
das Böse um uns herum ausblenden. Als Christen sind wir auch zum Kampf aufgerufen,
aber an der richtigen Stelle. Wir sollen z. B. darum ringen, daß noch viele Menschen
zu Gott finden. Wenn wir versöhnt leben, geht unsere Energie nicht in den falschen
Kämpfen verloren, sondern wir bekommen Freiraum, um uns mit aller Kraft für
Gottes Reich einzusetzen. Versöhnung tut gut - in jeder Beziehung!
Amen.

Die Kirchengemeinde
Eysölden wünscht einen gesegneten Sonntag!
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