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Themenpredigt: "... damit die
Richtung stimmt"

Es
gilt das gesprochene Wort!

Schon interessant, wie so ein Baum beschnitten
wird. Mag sein, dass es für manche von euch alles längst bekannt ist, "kalter
Kaffee" sozusagen; andere dagegen haben hier womöglich etwas ganz Neues erfahren
und viel dazugelernt. Ich selber gehöre zweifellos zu letzteren.
Der Zweck des "Pflanzschnittes" ist es, dem Baum das Wachsen zu ermöglichen.
Ums Wachsen geht es. Ums Wachsen geht es auch in unserem Leben. Unser Leben ist dem
Wesen nach auf Wachstum angelegt. Von der ersten Sekunde unseres menschlichen Lebens,
wenn Eizelle und Samenzelle verschmelzen, entsteht ein neuer Mensch. Von diesem Augenblick
an ist der Mensch ein Mensch, muss nicht erst noch zu einem Menschen werden. (Das ist
ja auch der Grund, warum Christen es niemals hinnehmen können, dass ein Mensch
vor der Geburt getötet wird, sei es bei der Abtreibung, sei es bei der Vernichtung
gezüchteter Stammzellen.) Vom ersten Augenblick des Lebens "entwickelt"
sich der Mensch nicht zum Menschen, sondern als Mensch. Und rein körperlich betrachtet,
wächst er dann: als Baby, als Kind, als Jugendlicher, wird größer und
größer, bis er "ausgewachsen", bis er "erwachsen" ist.
Was für das menschliche Leben gilt, gilt für alles Leben: Tiere, Pflanzen.
Auch sie wachsen.
Wachstum ist also ein Kennzeichen allen Lebens. Etwas, was der, von dem alles Leben
kommt, Gott, der Schöpfer, so wollte.
Freilich, das körperliche, physische Wachstum, was ja letztlich ein größenmäßiges
Wachsen bedeutet, kommt irgendwann an ein Ende. Trotzdem aber ist Wachstum ein Grundbedürfnis
von uns Menschen. Und es ist keineswegs so, dass Erwachsene nicht mehr wachsen wollten.
Hier geht es um ein Wachsen jenseits des körperlichen, größenmäßigen
Wachsens. Es ist gerade ein Merkmal gesunden Lebens, eines gesunden Geistes, gesunder
Gefühle, dass wir nicht auf dem Stand von heute stehen bleiben wollen, dass wir
Neues wollen, offen sind für neue Erfahrungen. Wenn es sich jemand so sehr im
Jetzt, im Ist-Zustand eingerichtet hat, dass er jegliche Veränderung rundweg ausschließt,
stimmt das sehr bedenklich.
Ist euch schon mal aufgefallen, wie oft in der Werbung das Wörtchen "mehr"
vorkommt, geschrieben mit e-h'? "Mehr erleben. Alles erfahren" (Bertelsmann-Verlag),
"Mehr als Genuss (Frosta), "Mehr für mich" (Schwab), "Viel
viel mehr erreichen" (RTV), "Mode, Marken und mehr"(Reno), "OBI
ist mehr. Mehr als genial" ... Fast 200 Werbeslogans spuckt die Internet-Datenbank
"slogans.de" aus, die dieses unscheinbare und doch so emotionsgeladene Wörtchen
"mehr" enthalten!
Auch die Filmindustrie bedient diesen Wunsch nach "mehr". Warum sonst könnten
immer wieder Filme Kassenschlager werden, in denen Menschen Übermenschliches fertigbringen,
in denen die Grenzen des Menschseins überwunden scheinen?
Dasselbe ist bei Büchern festzustellen. Hättet ihr gedacht, dass beim größten
Internet-Buchhändler allein unter der Kategorie "Ratgeber" sage und
schreibe 522 Buchtitel mit dem Wörtchen "mehr" aufgelistet sind (im
Ganzen sind es weit über 4000!)?
Eine Vielzahl von Fortbildungs- und Seminarmaßnahmen hat ebenfalls genau dies
zum Thema. Wenn etwa gestandene Manager barfuß über Glasscherben oder bestbezahlte
Profi-Fußballer über glühende Kohlen laufen, dann soll dies ja dazu
dienen, das in ihnen schlummernde Potenzial zu entfalten und nach Möglichkeit
zu erhöhen.
Bei all diesen Maßnahmen ist zweifellos viel Fragwürdiges dabei. Stichwort
"Esoterik". Spätestens, wenn man sich geistig bestimmten Einflüssen
und Mächten öffnet, oft auch unbewusst, dann wird es höchst gefährlich,
dann geraten wir auf eine schiefe Bahn, auf der es kein Halten mehr gibt. Denn diese
Mächte sind ja nicht Einbildung, sondern höchst real, wenn auch unsichtbar.
Aber sie wollen uns nur zerstören, geistig, körperlich und seelisch; vor
allem aber wollen sie verhindern, dass wir eine persönliche Beziehung zu Gott
haben.
Auch manche Redewendungen lassen das durchblicken: Etwa, dass jemand "über
sich hinauswachsen" will, andere wollen "Grenzen überschreiten",
wieder ein anderer will "seinen Horizont weiten". Und dann ist oft auch einfach
vom "Wachsen" die Rede. "Ich will wachsen." Menschen wollen wachsen.
Wie aber wollen sie wachsen? Und worin? Und vor allem auch: wohin? Diese Fragen bleiben
meist unbeantwortet.
Wachsen, das ist eine Sehnsucht, die tief in uns Menschen steckt, ein Wunsch, den nahezu
jeder Mensch in der einen oder anderen Form verspürt. Und diese Sehnsucht ist
nicht verwerflich, sie ist nicht böse oder schlecht. Denn diese Sehnsucht hat
der Schöpfer in uns hineingelegt. Darin unterscheiden wir Menschen uns auch von
anderem Leben. Wie gesagt, alles Leben ist auf Wachstum angelegt. Auch Tiere und Pflanzen
wachsen. Es ist aber immer nur ein physisches, ein größenmäßiges
Wachsen.
Nur der Mensch, Gottes Ebenbild, trägt in sich eine Sehnsucht nach Wachstum. Hier
zeigt sich etwas von Gottes Wesen. Weil Gott so groß und allmächtig ist,
deshalb tragen wir Menschen diese Sehnsucht in uns zu wachsen. Und wenn Gott selber
diese Sehnsucht in uns hineingelegt hat, dann ist diese grundsätzlich erst einmal
positiv. Die Frage ist nur, was wir mit dieser Sehnsucht machen, und vor allem: womit
wir versuchen, diese Sehnsucht nach "mehr", diese Sehnsucht nach Wachstum,
zu stillen.
Wenn wir nicht ohne Plan, ohne Ziel und ohne Richtung wachsen wollen, dann müssen
wir danach fragen, wie sich unser Schöpfer das gedacht hat. Wenn er diese Sehnsucht
in uns hineingelegt hat, dann weiß auch er am besten, wie diese Sehnsucht gestillt
werden kann.
In der Bibel, im Wort Gottes, ist viel von "Wachsen" die Rede. Und interessanterweise
wird das menschliche Leben oft mit dem Wachsen einer Pflanze verglichen. So zum Beispiel
im Psalm 1, den wir vorhin gehört - und auch gesungen! - haben. Dieser Psalm nimmt
ja im Psalter eine Sonderstellung ein: Er ist gewissermaßen das "Vorwort"
zu den restlichen 149 Psalmen. Wie wichtig so ein Vorwort, eine "Präambel"
ist, das haben wir zuletzt bei der Diskussion über die neue europäische Verfassung
gemerkt, wo es ja um einen Bezug auf Gott in der Präambel ging. In diesem Psalm
heißt es von dem, der Gott vertraut und sein Wort lebt: "Der ist wie ein
Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und
seine Blätter verwelken nicht. Und was er macht, das gerät wohl" (Psalm
1,3). Sehr schön ist das auch in Psalm 98 ausgedrückt: "Der Gerechte
wird grünen wie ein Palmbaum, er wird wachsen wie eine Zeder auf dem Libanon.
Die gepflanzt sind im Hause des Herrn, werden in den Vorhöfen unsres Gottes grünen.
Und wenn sie auch alt werden, werden sie dennoch blühen, fruchtbar und frisch
sein, dass sie verkündigen, wie der Herr es recht macht; er ist mein Fels, und
kein Unrecht ist an ihm" (Psalm 92,13-16).
Auch im Neuen Testament finden sich Worte über das Wachsen. So berichtet etwa
der Evangelist Lukas von Jesus, nachdem er von dessen Geburt und ersten Lebenstagen
erzählt hat: "Das Kind aber wuchs und wurde stark, voller Weisheit, und Gottes
Gnade war bei ihm" (Lukas 2,40).
Bemerkenswert sind aber vor allem die vielen Aussagen, in denen nicht einfach "irgendein"
Wachsen genannt wird, sondern in denen dieses Wachsen einen konkreten Bezug und auch
ein Ziel hat. Sehen wir sie uns ein wenig näher an.
In der Apostelgeschichte des Lukas (12,24) finden wir die Bemerkung: "Das Wort
Gottes wuchs und breitete sich aus." Was aber hat das mit menschlichem Wachstum
zu tun, wenn Gottes Wort wächst? Sehr viel! Damit ist ja nicht einfach gemeint,
dass immer mehr Wort Gottes verkündigt wurde, sondern vielmehr, dass immer mehr
Menschen an Gottes Wort glaubten. Und an Gottes Wort glauben, diesem immer mehr Raum
in unserem Leben geben, das hat konkrete Folgen. Insofern wirkt sich das Wachstum des
Wortes Gottes auch unmittelbar auf unser Leben aus.
Im 2. Korintherbrief heißt es, dass Gott "die Früchte unserer Gerechtigkeit
wachsen" lässt. Wachstum ist dort bezogen auf die Bereitschaft zu teilen
und von unserem Geld abzugeben: "Gott aber, der dem Sämann Saat und Brot
schenkt, wird auch euch Saatgut geben. Er wird es wachsen lassen und dafür sorgen,
dass eure Opferbereitschaft Früchte trägt." (2. Korinther 9,10 HfA).
Vom Wachsen des Glaubens ist an mehreren Stellen die Rede (2.Kor 10,15; 2.Thess 1,3
u.a.). "Glauben" heißt ja Vertrauen zu Gott, und dieses Vertrauen kann
gestärkt werden, kann zunehmen, kann tiefer werden.
Ähnlich verhält es sich mit dem Wachsen in der Erkenntnis (Kol 1,6; 2.Petr
3,18 u.a.). "Erkenntnis" ist in der Bibel niemals etwas, was nur mit dem
Kopf, mit dem Verstand zu tun hat, sondern mit dem Herzen. Gott persönlich kennenlernen,
sein Wesen, seinen Charakter, seine Art, seinen Willen, seine Pläne und Ziele.
Und das immer mehr, immer besser.
Schließlich sollen wir wachsen in der Gnade. Das bedeutet: Wir sollen uns immer
mehr abhängig wissen von Gott und - um es mit einem Wort des früheren Landesbischofs
Hermann Bezzel (1861-1917) zu sagen - diese Abhängigkeit als Glück verstehen.
Wir dürfen aus seiner Vergebung leben und dies tagtäglich erfahren.
Das alles ist gleichsam zusammengefasst und zugespitzt in einem Wort aus dem Epheserbrief.
Dort fordert der Apostel Paulus die Gemeinde und sich selbst auf: "Lasst uns aber
wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das
Haupt ist, Christus" (Epheser 4,15). Oder, wie es in einer neueren Übersetzung
wiedergegeben wird: "Wir wollen an der Wahrheit des Evangeliums festhalten. Und
durch die Liebe soll all unser Glauben und Handeln sich immer mehr an Christus ausrichten,
der das Haupt seiner Gemeinde ist."
Hier ist das Ziel klar benannt. Die Richtung muss stimmen! Jesus Christus allein kann
die Richtung sein, zu der hin es sich zu wachsen lohnt, die Richtung, die uns wirklich
im Leben weiterbringt, die unsere Grenzen überwinden kann, die uns neue Horizonte
öffnet. "Damit die Richtung stimmt", kommt alles darauf an, dass wir
uns ihm, Jesus Christus, vorbehaltlos und ganz anvertrauen. Sonst bleibt alles Wachsen
ohne Sinn, ohne Ziel und ohne Plan, und wir werden am Ende vor einem Scherbenhaufen
stehen, vor dem Scherbenhaufen unserer ungestillten Wünsche und Sehnsüchte,
vor dem Scherbenhaufen unserer unerfüllten Wünsche nach Wachstum.
"Immer mehr" - das ist das entscheidende Stichwort. Der christliche Liedermacher
Lothar Kosse hat das einmal mit wenigen Worten sehr schön zum Ausdruck gebracht:
"Immer mehr von dir, immer mehr, immer mehr sein wie Du, immer mehr. Immer mehr
deine Worte verstehn, deine Werke tun, o Herr, immer mehr."
Um wachsen zu können, sind bestimmte Bedingungen erforderlich. Solche "Wachstumsbedingungen"
gibt es nicht nur bei Pflanzen, sondern genauso für uns Menschen. Und damit sind
wir wieder beim "Pflanzschnitt", der uns vorhin so eindrucksvoll vorgeführt
wurde. Gewiss, es gibt weit mehr Wachstumsbedingungen: etwa Sonne, Wasser, Mineralstoffe,
und sie allen können ein Gleichnis sein für die Bedingungen für menschliches
Wachsen. Das würde hier aber zu weit führen. So wollen wir hier nur den Pflanzschnitt
ein wenig näher betrachten.
Es ist ja schon eigenartig und zunächst nur schwer verständlich, dass ein
anfänglich so schönes Bäumchen darart zugeschnitten wird. Und so manchem
hat vielleicht das Herz geblutet, als er sich einen Bäumchen gekauft hat und mit
ansehen musste, dass der Fachmann bis auf wenige Äste alles weggeschnitten hat
und sich sagen lassen musste, wozu diese Radikalkur gut sei. Das geschehe nicht aus
Freude an der Zerstörung, sondern vielmehr mit dem einen Ziel: das optimale Wachstum
zu ermöglichen. Und erst Jahre später hat sich diese fachmännische Beurteilung
als richtig erwiesen, als ein prachtvoller Baum daraus geworden ist.
So ist es auch in unserem Leben. Wenn wir wirklich wachsen wollen, dann kann nicht
alles so bleiben, wie es ist. Da muss manches weggeschnitten werden, was das Wachstum
behindert, schlechte Gewohnheiten, negative Charaktereigenschaften, Sünde, mit
anderen Worten: alles, was uns von Gott trennt. Freilich sollen wir - im Bild gesprochen
- nicht selber an uns herumschnippeln, sondern den Fachmann ranlassen. Der Fachmann
ist der, der uns gemacht hat: der lebendige Gott. Jesus selber erklärt das einmal
seinen Jüngern, also denen, die ihm nachfolgen, in der berühmten Bildrede
vom Weinstock. Ich will hier nicht auf alle Einzelheiten dieser bedeutsamen Rede eingehen,
sondern nur den einen Aspekt herausgreifen, in dem es ums Zuschneiden, ums Beschneiden
geht, gleich am Anfang. Jesus sagt: "Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater
ist der Weingärtner, der alle unfruchtbaren Triebe abschneidet. Aber die fruchttragenden
Reben beschneidet er sorgfältig, damit sie noch mehr Frucht bringen" (Johannes
15,1-2 HfA).
Denn das ist letztlich Sinn und Ziel unseres Lebens, darum sollen wir wachsen: damit
wir Frucht bringen. Jesus sagt: "Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich
habe euch erwählt und bestimmt, daß ihr hingeht und Frucht bringt und eure
Frucht bleibt, damit, wenn ihr den Vater bittet in meinem Namen, er's euch gebe"
(Johannes 15,16). In der Ewigkeit, in der vollendeten neuen Welt Gottes, werden die
Bäume zwölfmal im Jahr Frucht tragen, da gibt es Frucht in Hülle und
Fülle (Offenbarung 22,2). Hier in unserem Leben ist es nicht selbstverständlich,
dass wir Frucht bringen, aus uns heraus schon gar nicht. Ja, wir können nur in
der engen Verbindung mit Jesus Frucht bringen. "Ich bin der Weinstock, ihr seid
die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich
könnt ihr nichts tun" (Johannes 15,5).
Ich schließe mit einem Lied von Manfred Siebald. Es ist eigentlich ein Gebet,
mit dem wir uns an Jesus wenden:
Komm in unser dürres Leben. Jesus, nur wenn Du es füllst,
kann es wachsen, kann es blühen, Früchte tragen, die Du willst.
Komm in unser trocknes Denken, das verkümmert ist und klein.
Hilf uns, mehr vor Dir zu staunen, und dann wird es größer sein.
Komm in unsre welken Worte, die nur rascheln ohne Saft.
Hilf uns, mehr vor Dir zu schweigen, und dann gib den Worten Kraft.
Komm in unser schwaches Handeln, das so oft im Keim erstickt.
Hilf uns, mehr vor Dir zu ruhen; mach uns mutig und geschickt.
Komm in unser dürres Leben. Jesus, nur wenn Du es füllst,
kann es wachsen, kann es blühen, Früchte tragen, die Du willst.
Amen.

Die Kirchengemeinde
Eysölden wünscht einen gesegneten Sonntag!
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