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Themenpredigt: "Wie du mir, so
ich dir!"

Es
gilt das gesprochene Wort!

Achtung! - Gleich dreimal haben wir in
den Szenen eben gehört und gesehen, wo es an Achtung fehlt ... Und weil das Wort
"Achtung" in zwei verschiedenen Zusammenhängen verwendet werden kann,
hat das Blinklicht signalisiert: "Achtung, hier fehlt die Achtung!"
Achtung! - Wenn wir dieses Wort hören, dann denken wir normalerweise an einen
Ausruf: "Achtung!", oder an eine Durchsage, etwa: "Achtung, Achtung!
Hier spricht die Polizei ...", oder in einem Tonstudio: "Achtung, Aufnahme!"
Wir kennen es von Schildern, etwa an Hochspannungsmasten oder bei Oberleitungen der
Bahn: "Achtung! Hochspannung!" Auch ein gelbes oder blaues Blinklicht kann
ohne Wort genau dieselbe Aussage machen: "Achtung!" Kurzum: "Achtung!",
das ist ein Ruf oder eine Aufschrift, um zur Vorsicht oder Aufmerksamkeit zu mahnen.
Wenn wir in einem Wörterbuch nachschauen, dann steht interessanterweise diese
Bedeutung erst an zweiter Stelle, obwohl den meisten von uns diese Bedeutung wohl am
ehesten in den Sinn kommt.
Klar, wenn wir nachdenken, dann fällt uns schon auch die zweite Bedeutung ein,
hier in diesem "Leben live"-Gottesdienst natürlich sowieso, denn wir
haben ja schon eine Hinführung zu unserem Thema gehört und wir haben in den
Szenen gesehen, was die zweite Bedeutung ist, freilich optisch unterstützt durch
das Blinklicht, welches "Achtung!" signalisiert.
Die zweite Bedeutung von "Achtung" ist "Hochschätzung", "Wertschätzung",
"Respekt". Diesen Sinn des Wortes finden wir in Wendungen wie: "das
gebietet die gegenseitige Achtung", "jemandem Achtung entgegenbringen",
"die Achtung der Kollegen genießen", "vor jemand oder etwas Achtung
haben", "sich allgemeiner Achtung erfreuen", "aus Achtung vor seinen
Eltern", "er ist in unserer Achtung gestiegen, gefallen, gesunken" usw.
Und wenn wir uns das Gegenteil von "Achtung" in diesem Sinn vor Augen führen,
dann wird vollends klar, worum es geht. Das Gegenteil von Achtung nämlich ist
in Abstufung "Geringachtung", "Missachtung" und schließlich
"Verachtung".
Ausgangspunkt für unser Nachdenken über unser Thema "Wie du mir, so
ich dir!" ist ja nicht das übliche Verständnis dieser Wendung, sondern
ein anderes, nämlich so, wie es im Römerbrief, Kapitel 12, Vers 10 ausgedrückt
ist. In der Übersetzung "Hoffnung für alle" heißt es da:
"Gegenseitige Achtung soll euer Zusammenleben bestimmen." Auch wenn die Luther-Übersetzung
hier etwas weniger unserem Sprachgefühl entspricht, so gibt sie doch den Urtext
genauer wieder: "Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor." Wörtlich
heißt das: "in der Ehre (und das heißt: im Erweisen von Ehre) einander
übertreffen".
Nun kann ja jemand sagen: Ist das denn so wichtig, ob es "Ehre" oder "Achtung"
heißt? Darauf kann man nur antworten: Ja. Es ist deshalb so wichtig, weil "Achtung"
in der Bibel zwar Menschen entgegengebracht wird, Achtung aber Gott gegenüber
viel zu schwach wäre. "Achte Gott!" - ein solcher Satz ist in der Bibel
nirgends zu finden. "Achtung" nämlich genügt Gott gegenüber
nicht. Gott sollen wir vielmehr verehren, loben, lieben, anbeten ... Dasselbe Wort,
das hier in Bezug auf Gott verwendet wird, nämlich "Ehre" bzw. "Ehre
erweisen" wird hier für unser Verhalten unseren Mitmenschen gegenüber
verwendet. Und deshalb wird hier schon ein sehr hoher Maßstab angelegt. Paulus
gibt sich nicht damit zufrieden, dass wir unsere Mitmenschen mit "Respekt"
oder "Achtung" behandeln, ein "Seid nett zueinander" ist ihm auf
jeden Fall zu wenig. Nein, er erwartet nicht weniger von uns, als dass wir unsere Mitmenschen
ehren. Natürlich meint Paulus nicht, dass wir Menschen genauso ehren sollen wie
Gott, aber ehren sollen wir sie, nicht bloß achten; es ist schon bemerkenswert,
dass er hier bewusst das Wort gebraucht, das sonst auch auf Gott bezogen wird, und
nicht andere Begriffe, die auch sonst ausschließlich für Menschen verwendet
werden.
Enthält diese Aufforderung also schon vom Wort her einen ungeheuer hohen Anspruch,
so wird das noch "getoppt" durch die Wendung "einer übertreffe
den anderen in der Ehrerbietung". Mit diesem Wort "übertreffen",
das übrigens nur an dieser einzigen Stelle Römer 12,10 im Neuen Testament
zu finden ist, fordert Paulus gewissermaßen zu einem Wettstreit auf, zu einem
Wettkampf wie im Sport: der eine soll den anderen übertreffen, aber er soll ihn
darin übertreffen, wie er dem anderen Ehre erweist.
Was hindert uns denn, unseren Mitmenschen, vor allem aber unseren Glaubensgeschwistern,
diese Ehre entgegenzubringen? Dazu ein paar Gedanken.
Je unverbindlicher und distanzierter eine mitmenschliche Beziehung ist, desto leichter
fällt es auf den ersten Blick, diese geforderte Ehre zu erweisen. Allerdings ist
das oft ein Trugschluss. Denn wir meinen oft, mit "friedlich, schiedlich nebeneinander
herleben" würden wir schon dem andern Ehre erweisen. Dabei kann solches scheinbar
gute Miteinander nur eine besonders subtile (das heißt schwer zu durchschauende)
Form von Missachtung sein. Umgekehrt: Je enger man mit dem anderen verbunden ist, desto
schwieriger wird es, diese Herausforderung, den anderen zu ehren, anzunehmen. Denn
dann kennt man seine Ecken und Kanten besser, nicht nur die Schokoladenseiten, sondern
auch die die Schwächen und Fehler. Das ist ja auch in einer Liebesbeziehung von
Mann und Frau ganz ähnlich. Am Anfang sieht man großzügig hinweg über
viele Dinge, die einen nüchtern betrachtet am anderen stören würden.
Nun bemerkt man sie, und nachdem die Blindheit des Verliebtseins vorbei ist, werden
eben diese Schwächen des Partners zu einer Herausforderung. Was für die Liebesbeziehung
gilt, gilt entsprechend abgeschwächt auch für andere mehr oder weniger enge
Beziehungen.
Paulus redet ja hier in erster Linie von unserem Verhalten zu anderen Menschen, die
ebenfalls an Jesus glauben, ihm vertrauen und mit ihm leben. Brüder und Schwestern,
das sind Menschen, die keiner sich selber aussuchen würde. Freunde sucht man sich
aus, aber Brüder und Schwestern - die sucht man sich nicht aus. Das sind Menschen,
die mir von Gott vorgesetzt worden sind. Und ausgerechnet bei diesen Menschen soll
die Liebe noch dazu herzlich sein! Ausgerechnet die! O, es gibt viele, viele gute Gründe,
solche zu meiden, die uns dermaßen in Verlegenheit bringen.
Brüder und Schwestern schaffen es besonders leicht, einen in die Lage zu bringen,
dass man nur noch schreien kann: "Herr, ich kann es nicht! Hilf mir doch!"
Gott hört den Schrei des ehrlichen Herzens, der aus der echten Sehnsucht kommt,
so zu sein, wie er ist. Er tut das Wunder und baut das Haus aus lebendigen Steinen...
Und wenn das Haus steht, dann fließt auf einmal Liebe ganz von selber hin und
her zwischen denen, die zu diesem Haus gehören. Dann wird es ganz von selber gehen,
dass die Starken die Schwachen emporziehen. Dann wird es ganz von selber gehen, dass
der eine den anderen hochheben möchte ...
Ist euch schon einmal aufgefallen, dass wir an anderen besonders gern das kritisieren,
womit wir selber Probleme haben, womit wir selber kämpfen? Noch schlimmer aber
ist es, wenn wir es nicht kritisieren, das heißt offen ansprechen (und ich meine
damit natürlich direkt dem anderen gegenüber, nicht "hintenrum",
nicht über Dritte ...), sondern uns "unseren Teil denken" und den anderen
forthin das spüren lassen in Form von Geringachtung oder gar Missachtung.
Hier hilft ein ganz einfacher Ratschlag schon sehr viel, ein Sprichwort: "Was
du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu." Es sagt
lediglich in Reimform negativ das aus, was Jesus in der Bergpredigt positiv so ausdrückte:
"Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!"
(Matthäus 7,12). Es wird auch die "Goldene Regel" genannt. Wenn wir
uns an dem orientieren, was wir uns für uns selber wünschen, dann ist schon
viel gewonnen.
Wer im negativen Sinn nach der Redensart "Wie du mir, so ich dir" lebt, der
macht sich damit nämlich völlig vom anderen abhängig, seine Orientierung
ist ganz auf das Gegenüber, auf den Mitmenschen ausgerichtet. Und deshalb müssen
wir uns immer wieder fragen: An wem will ich mich orientieren? Nur an mir selber, an
dem, was ich für mich wünsche?
Freilich, das ist allemal noch besser, als sich an dem Gegenüber zu orientieren,
dessen Verhalten ich eigentlich ablehne. Aber sollte ich mich nicht lieber doch an
Vorbildern orientieren, also an Menschen, deren Verhalten ich vorbildlich und nachahmenswert
finde?
Ja, mehr noch. Ich sollte fragen: Was ist mein größtes Vorbild? Wir haben
vorhin die Lesung aus dem Philipperbrief gehört. Der letzte Vers lautet (in der
Übersetzung "Hoffnung für alle") ganz schlicht: "Orientiert
euch an Jesus Christus." Jesus Christus ist der, an dem wir uns orientieren sollen,
dessen Verhalten uns Vorbild ist. Er ist sogar der, bei dem wir Verhalten und Person
nicht trennen müssen, was ja bei Menschen oft unabdingbar ist. Denn bei Menschen
ist es allenfalls sinnvoll, ein bestimmtes Verhalten von ihnen nachzuahmen, nicht aber
sie als Person. Bei Jesus Christus ist eine solche Unterscheidung sinnlos, denn bei
ihm stimmen Person, Wort und Tat 100?prozentig überein.
Und wenn wir dann die Frage stellen "Was würde Jesus tun?", so wie es
manche jungen Leute als Armband tragen ("What would Jesus do?"), dann ergibt
sich die Antwort von selbst.
Da finde ich dann auch das Vorbild, wie ich mit den ganz besonders "harten Brocken"
zu Rande komme, wie ich mit den besonders schweren Herausforderungen der Ehrerbietung
umgehen kann. Menschen, die mir übel wollen, Menschen, die hinter meinem Rücken
nur schlecht über mich reden, Menschen, die mir Böses getan haben und fortwährend
tun. Da ist schon ein "Seid nett zueinander" schier unmöglich. Und "Ehre
erweisen"? Dieser Person? Absolut unvorstellbar! Aber Jesus hat es uns vorgelebt,
und er will uns die Kraft geben, auch jemanden wertzuschätzen, der es in meinen
Augen nicht wert ist.
Und so kann ich diese negative Redensart ummünzen in eine positive, in eine, die
mir eine sinnvolle und hilfreiche Handlungsanweisung gibt. "Wie du mir, so ich
dir" - das "Du" in diesem Satz ist dann nicht mehr der andere, sondern
Gott, Jesus. "Wie Gott mir, so ich dir!" wäre dann die Folgerung. Und
dann würde diese Wendung nicht mehr Rache und Vergeltung ausdrücken, sondern
vielmehr Ehrerbietung, Hochschätzung, Wertschätzung, Respekt. Was für
ein Unterschied!
Denn der tiefste und eigentliche Grund, warum wir einander Ehre erweisen sollen, ist
ja, dass Gott uns Ehre erweist, ja mehr noch: dass er uns liebt, und das, obwohl wir
so sind, wie wir sind. Wenn Gott, der in seiner Heiligkeit Lichtjahre über unserem
kleinkarierten, lieblosen Verhalten steht, uns wertschätzt, uns Ehre erweist,
ja sogar liebt - sollten wir dann unseren Mitmenschen nicht auch Ehre erweisen, sie
so behandeln, wie Gott es mit uns und ihnen tut?
Freilich, wir werden immer wieder merken, dass wir an unsere Grenzen stoßen.
Aber da, wo wir nicht fähig sind, da fangen Gottes Möglichkeiten erst richtig
an. Wenn wir nicht erfüllt sind von Gottes Liebe zu uns, dann können wir
auch unseren Mitmenschen keine wirkliche Ehre erweisen, und wenn, dann nur krampfhaft,
ohne wirkliche innere Überzeugung. Aber weil Gott uns zuerst geliebt und geachtet
hat, können wir uns selbst - und auf dieser Grundlage und unter dieser Voraussetzung
- dann auch die anderen lieben und ehren. Wenn ER für uns zur sprudelnden Quelle
an Liebe und Wertschätzung wird, dann wird diese Beziehung zu Gott Auswirkungen
auf unseren gegenseitigen Umgang haben. "Wie Gott mir, so ich dir!"
Amen.

Die Kirchengemeinde
Eysölden wünscht einen gesegneten Sonntag!
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