Predigttext und Predigt zum 2. Sonntag nach Ostern - 30. April 2017.

Den Gottesdienst hielt Pfarrer Thomas Lorenz.

Das Wochenlied: EG 274;

Titel: Der Herr ist mein getreuer Hirt

Der Predigttext ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus:
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984,
durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung.
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart.
Alle Rechte vorbehalten.
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Predigttext: Hesekiel 34,1-2(3-9)10-16.31 (wird während der Predigt verlesen)


Es gilt das gesprochene Wort!


Liebe Gemeinde!

( Hier fehlt der Hirte )

Eine der Färöer-Inseln im Nordatlantik heißt Mykines, auf Deutsch "Mistnase". Dort leben 18 Einwohner, aber 1.200 Schafe (Stand 1.10.2007). Nur zweimal im Jahr werden diese Schafe für die "Wollernte" zusammengetrieben. Während der übrigen Zeit grasen sie das spärliche Gras ab, das zwischen den steilen Felsklippen wächst - und stürzen oft genug in die Tiefe, um irgendwo am Fuß der Klippen zu zerschellen oder gleich in der tosenden Brandung zu verschwinden.

Wenn diese Schafe nur einen Hirten hätten, einen Hirten, der dafür sorgt, dass sie sich nicht zwischen den Klippen verlaufen! Einen Hirten, der dafür sorgt, dass sie auf den schmalen Rasenbändern bleiben, dass sie sich nur dort bewegen, wo es sicher ist und wo sie genug Nahrung finden. Schafe kommen ohne einen Hirten im Leben nicht klar. Sie sehen nur bis zum nächsten schmackhaften Grasbüschel. Ein Schaf, auf sich allein gestellt, denkt nur an das gute Futter, und vor lauter Sorge nach Futter fällt ihm gar nicht auf, wie es sich auf den tödlichen Abgrund zubewegt. Diese Schafe haben nur sorglose Besitzer, die meinen: "Ich überlasse die Schafe sich selbst und kümmere mich nur dann, wenn ich Wolle verkaufen möchte oder feines Schaffleisch auf dem Esstisch haben will."

Des Herrn Wort geschah zu mir:
Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der Herr: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden?
(Aber ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden.
Das Schwache stärkt ihr nicht, und das Kranke heilt ihr nicht,
das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück, und das Verlorene sucht ihr nicht;
das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt.
Und meine Schafe sind zerstreut, weil sie keinen Hirten haben,
und sind allen wilden Tieren zum Fraß geworden und zerstreut.
Sie irren umher auf allen Bergen und auf allen hohen Hügeln und sind über das ganze Land zerstreut, und niemand ist da, der nach ihnen fragt oder auf sie achtet.
Darum hört, ihr Hirten, des Herrn Wort!
So wahr ich lebe, spricht Gott der Herr: Weil meine Schafe zum Raub geworden sind und meine Herde zum Fraß für alle wilden Tiere, weil sie keinen Hirten hatten und meine Hirten nach meiner Herde nicht fragten, sondern die Hirten sich selbst weideten, aber meine Schafe nicht weideten, darum, ihr Hirten, hört des Herrn Wort!)
So spricht Gott der Herr: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden.
Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen.
Denn so spricht Gott der Herr: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war.
Ich will sie aus allen Völkern herausführen und aus allen Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und an allen Plätzen des Landes.
Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels. Ich selbst will meine Schafe weiden und will sie lagern lassen, spricht Gott der Herr.
Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist.
Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der Herr.

( Hier fehlt der Hirte - im Gottesvolk des Alten Bundes )

"Ich habe jetzt endgültig genug von Hirten, die keine sind, weil sie ihre Herde nicht fürsorglich weiden. Sie lassen ihr Volk im Stich und beuten sie obendrein auch noch aus!", lautet Gottes Anklage, die den Königen des Volkes Israel gilt. Das Hirtenbild meint: Der König sollte dabei dem Volk auf dem Weg zu Gott vorangehen und so, mit dem eigenen Vorbild, das Volk mit Gott in Verbindung bringen. Doch sie haben es von Gott weggeführt: Sie haben Israel zu Göttern geführt, die keine sind; statt ihren Lebensdurst am Brunnen des Lebens zu löschen, wurde die Herde zu rissigen Brunnen geführt, die kein Wasser enthalten, wie später Jeremia klagt. Diese Hirten waren eine bittere Enttäuschung und für das Volk eine Katastrophe.

Trotz vieler Prophetenworte blieben die Könige auf ihrer selbstsüchtigen Linie; sie weideten weiterhin vor allem sich selbst, indem sie sich vom Volk mit üppigen Abgaben ein schönes Leben finanzierten. Sie verführten das Volk immer wieder zur Untreue, indem sie die Götter der starken Nachbarn in den Tempel einluden. Dabei war es doch die Verbindung mit Gott, die Israel zum Volk Gottes machte, die ihm Leben gab. Für die Schafherde Israel waren die Könige nicht Hirten, sondern Wölfe. Das Resultat war der Untergang des Staates Juda und die Verschleppung in ein fernes Land.

Gott klagt dem Propheten Hesekiel gegenüber, dass die Menschen wie Schafe einen Hüter mit Weitblick gebraucht hätten, aber dummerweise den Bock zum Gärtner und zum Schäfer machten: Der hat selber den Weg zum Wasser und zum Futter nicht gekannt, konnte damit auch die Schafe nicht zum Futter führen; anstatt die Herde zu versorgen, hat er sie vergiftet; anstatt die Schafe vor dem Raubtier zu bewahren, ist er selbst zum Raubtier geworden und schlug sich den Bauch voll mit denen, die er hätte schützen sollen! Nicht zu sicheren Weideplätzen, nein, geradewegs in den tödlichen Abgrund haben diese Hirten ihre Schafe geführt.

Der Prophet Jesaja bringt es auf den Punkt: "Wir gingen alle in die Irre - wie Schafe, die keinen Hirten haben!" (Jesaja 53,6). Hier fehlte der Hirte! An dieser Situation hat sich nichts geändert, als Jesus mehr als 600 Jahre später vor der Volksmasse steht, die seiner Predigt lauscht. Auch von ihr heißt es da: "[…] Jesus […] sah die große Menge; und sie jammerte ihn, denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben" (Markus 6,34 par).


( Hier fehlt der Hirte - in unserer Welt und im Gottesvolk des Neuen Bundes )


An dieser Situation hat sich auch in unserer Zeit nicht viel geändert. Auch heute noch gehen viele Menschen durchs Leben, alleingelassen mit ihrer Schuld, alleingelassen mit der Frage nach Gott, alleingelassen und noch dazu auf viele falsche Fährten geschickt auf ihrer Suche nach Leben. Es gibt so viele Ideologien, politische Konzepte und Religionen, die locken mit Versprechungen, die immer darauf abzielen: "Komm zu uns! Mach bei uns mit, und du bekommst das beste Futter für ein gutes Leben; wir führen dich auf rechter Straße um unseres Namens willen und führen dich zum frischen Wasser!"

Doch wer dem folgt, fühlt sich bestenfalls irgendwann alleingelassen und erleidet im schlimmsten Fall bösen Schiff- oder Schafbruch, weil ihm zu spät aufging, dass diese Hirten selber Hüter gebraucht hätten und gar nicht in der Lage waren, den Weg auch nur für sich zu finden geschweige denn für andere; die letztlich nicht das Wohl der Mitschafe sahen, sondern nur ihr eigenes Wohl im Sinn hatten und sich an den Schafen nur bereicherten. Es fehlt der wahre Hirte mit Weitblick!

Auch heute noch gibt es Hirten im Gottesvolk, die die Herde Gottes zu Gott führen und mit seinem Wort ernähren sollen. Und das Gegenteil davon tun: Sie säen Zweifel an Gottes Wort, anstatt die ihnen anvertraute Herde damit zu ernähren, nämlich zu trösten, zu ermahnen, zu stärken. Anstatt so Gott und Herde zusammenzubringen, verstärken sie die Entfremdung, die zwischen der Kirche und dem Herrn der Kirche beständig droht. Auch hier fehlt der Hirte!


( Hier ist der gute Hirte - Jesus )

In diese Situation hinein ruft Jesus: "Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Der bezahlte Knecht aber, dem die Schafe nicht gehören, lässt die Schafe im Stich und flieht, wenn er den Wolf kommen sieht; und der Wolf reißt sie und jagt sie auseinander. Er flieht, wie er nur ein bezahlter Knecht ist und ihm an den Schafen nichts liegt. Ich bin der gute Hirte; ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne; und ich gebe mein Leben hin für die Schafe. […] Ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden niemals zugrunde gehen, und niemand wird sie meiner Hand entreißen."

Wer ist nun dieser gute Hirte Jesus? Jesus kommt zunächst auf den Knecht zu sprechen, den ein reicher Schafzüchter dafür bezahlt, dass er ihm die Dreckarbeit abnimmt. Diese "Mietlinge", wie sie die Lutherbibel nennt, werden nicht eben als übertrieben fürsorglich dargestellt: Zwielichtige Burschen sind das, ganz nach dem Strickmuster der früheren Hirten, die Könige Israels, über die Gott in Hesekiel 34 nur den Kopf schütteln kann. Sie bereichern sich höchstens an der ihnen anvertrauten Herde. Jedenfalls werden sie nicht den Helden spielen, wenn Gefahr im Verzug ist: Ganz im Gegenteil, sie werden als Erste ihr Heil in der Flucht suchen und die Herde ganz dem Schicksal überlassen. Mit fremdem Eigentum ist man gern freigiebig. Oft genug tun solche Hirten sogar das, was Hesekiel anklagt: Sie füttern die Wölfe an, um ihnen dann die Schafe ihrer Herde anzubieten.

Was in unserem Land für die Wiederansiedlung der Wölfe durchaus verdienstvoll wäre, ist im übertragenen Sinn unseres Bibelwortes natürlich eine Katastrophe.

Hirten - lateinisch: pastores -, Pfarrer, die ihre Schafe mit Gott in Verbindung bringen sollen und auch das entsprechende Vertrauen ihrer "Schafe" genießen, tun alles, um sie effektiv von Gott fernzuhalten. Verführerisch christlich klingende Verirr-Lehre ist gefährlicher als eine solche, die von vornherein atheistisch daherkommt.

Darum wird der veruntreuende Hirte in unserem Bibelwort als gefährlicher und gerichtswürdiger angesehen als der Wolf selbst.

"Ich bin der gute Hirte", hält Jesus diesem schlechten Hirtenbeispiel entgegen. So stellt er sich vor. Für unsere modernen Ohren lässt sich nur noch schwer nachvollziehen, welche Autorität, welche Kraft in diesem "Ich bin …" steckt: In Jesus wird Gott den Menschen ganz nahe, in Jesus tritt Gott selbst auf den Plan. Erinnern wir uns an das, was Gott seinem Volk durch Hesekiel ausrichten lässt: "Eure Hirten haben euch ausgebeutet und im Stich gelassen. So soll das nicht mehr weitergehen! Ich vertraue meine Herde nicht länger unzuverlässigen und selbstsüchtigen Lohnhirten an; ich werde selbst meine Herde weiden. Ich selbst werde mich jetzt eurer annehmen, ich selbst will euer Hirte sein."

Das Hirtenamt soll also zur "Chefsache" werden. Und nun sagt Jesus: "Ich bin der gute Hirte im Gegensatz zu den Lohnhirten." Er ist der von Gott eingesetzte Hirte, mehr noch: In ihm wird Gott selbst der gute Hirte seines Volkes, wie im Buch Hesekiel versprochen. "Ich und der Vater sind eins", sagt Jesus darum.

Wenn Jesus selbst Hirte seiner Herde, seines Volkes ist, tut er auch das, was der untadelige Hirte tut, der seine Aufgabe wirklich ernst nimmt: Er trennt nicht von Gott, verführt nicht von ihm weg. Er verbindet jeden mit Gott, der zu seiner Herde gehört. Dazu lässt der Gute Hirte eigens sein Leben für seine Schafe: Sein Tod am Kreuz löscht die Schuld aus, die Gott misstraut, die vor Gott davonläuft, die eben von Gott trennt. Der Hirte Jesus versorgt uns ohne die Hintergedanken, die selbst der beste menschliche Hirte hat; Gott will uns nicht an die Wolle, sondern hat nur unser Wohl im Sinn!


( Hier ist der Gute Hirte - in meinem und deinem Leben )

Ich gestehe es ganz offen: Ich brauche den Hirten mit Weitsicht! Vielleicht ist das jetzt wirklich nur mein Problem, aber mich beschleicht doch der Verdacht, dass es vielen anderen Leuten auch so geht. Mal ganz ehrlich: Weißt du ganz genau, was in einem Jahr ist? Oder in zehn? Weißt du, wie es nach der Schule weitergeht? Wie das aussehen wird und ob es gelingen wird bei dem Wechsel in das Berufsleben? Oder nach dem Beruf? Kennst du deine Zukunft wirklich? Ich vertraue und empfehle den Hirten mit Weitsicht!

Glaube Jesus! Vertraue dich Jesus an und bitte ihn, der Hirt deines Lebens zu sein! Das Schaf ist in der Nähe des Hirten in Sicherheit und bei der richtigen Nahrung. Lass den Hirten in dein Leben hinein und vertraue ihm deine Führung an!

"Meine Schafe hören meine Stimme, und sie folgen mir, und ich gebe ihnen das ewige Leben." Orientiere dein Leben an der Stimme des Guten Hirten! Bleib an Jesus dran! Suche doch Trost und Hilfe im Gebet und in der Bibel. Du wirst den Guten Hirten dort finden und seine Hilfe und seine Führung erleben.

Er kann uns durch das Leben führen. Zielgerecht zu guten Weidegründen und zum frischen Wasser. Der gute Hirte weiß genau, was die Schafe wann brauchen.

So ist das auch, wenn wir Jesus zum Hirten haben. Er weiß, was wir brauchen und wann wir es brauchen und gibt es uns immer zur richtigen Zeit. Das mit der
richtigen Zeit kann für uns natürlich auch einmal zur Geduldsprobe, zur Vertrauensprobe werden. Aber da sei dir ganz sicher: Jesus kommt nie zu spät.

Er kann uns durch das Leben führen. Um die Abgründe herum, die dich bedrohen. Wenn ich so auf manche Ereignisse in meinem Leben zurückschaue, dann erkenne ich erst: Mensch, was da hätte passieren können, was lauerten da für Fallen, welche Folgen hätten bestimmte Situationen haben können. Und da kann ich Jesus nur danken und sagen: "Guter Hirte, hab Dank, dass du so gut warst, als du mich vor dieser oder jener Gefahr bewahrt hast!"

Diese Bewahrung gilt selbst am ultimativen Abgrund, dem Tod. Jesus verspricht: "Meine Schafe hören meine Stimme, und sie folgen mir, und ich gebe ihnen das ewige Leben." Wer sich dem wahren Hirten nach Gottes Herzen anvertraut, wer dem Hirten folgt, für den ist der Sturz in den Abgrund nicht das Ende. Der Hirte führt uns durchs finstere Tal, durchs finstere Tal der Todesnacht hindurch zum Licht der Auferstehung. Wer sich dem Hirten anvertraut, der kann in keiner anderen Zukunft landen als im Happy End, nämlich im ewigen Leben. Nicht in den ewigen Jagdgründen, sondern in den ewigen Weidegründen.

AMEN.

Die Kirchengemeinde Eysölden wünscht eine gesegnete Woche!