Predigttext und Predigt zu Jubilate - 7. Mai 2017.

Den Gottesdienst hielt Pfarrer Thomas Lorenz.

Das Wochenlied: EG 108;

Titel: Mit Freuden zart zu dieser Fahrt

Der Predigttext ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus:
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984,
durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung.
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart.
Alle Rechte vorbehalten.
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der Genehmigung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.


Predigttext: Johannes 16,16 - 23a (wird während der Predigt verlesen)

Es gilt das gesprochene Wort!


Liebe Gemeinde!

Wie ist das bei dir? Kannst du dich freuen? So richtig? Das ist wunderschön. Ich mich auch. Dann sind wir schon zwei. Vor mir sehe ich sogar Dutzende, die Jesus fröhlich gemacht hat. Die Kirche hat extra einen ganzen Sonntag im Kirchenjahr reserviert, wo es fröhlich zugehen soll, und ihm den Namen Jubilate gegeben: Jubelt!

Auch wenn du nichts zu lachen hast. Wenn du im Gegenteil völlig niedergeschlagen bist. Wenn du sauer bist und bitter. Dann hast du immer noch Grund zur Vorfreude. Jesus eröffnet uns nämlich herrliche Aussichten. Das hat er zunächst mit seinen Freunden, den Jüngern, besprochen. Was sie zu hören bekommen, ist ihnen zunächst rätselhaft. Trotz mehrfacher Nachfrage. Aber dann wird es spannend …

Jesus sprach zu seinen Jüngern:
Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen;
und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen.
Da sprachen einige seiner Jünger untereinander: Was bedeutet das, was er zu uns sagt: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen; und: Ich gehe zum Vater?
Da sprachen sie: Was bedeutet das, was er sagt: Noch eine kleine Weile? Wir wissen nicht, was er redet.
Da merkte Jesus, dass sie ihn fragen wollten, und sprach zu ihnen: Danach fragt ihr euch untereinander, dass ich gesagt habe:
Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen;
und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen?
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden.
Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat sie Schmerzen; denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist.
Und auch ihr habt nun Traurigkeit;
aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen,
und eure Freude soll niemand von euch nehmen.
An dem Tag werdet ihr mich nichts fragen.


Vielleicht fühlen wir uns den Jüngern überlegen. Wir stehen drei Wochen nach Ostern und wissen Bescheid, wo sie noch rätseln. Und fast mitleidig sagen wir: "Sie wussten's ja nicht besser!"

Wie wenn man einen Fußballklassiker sieht als Aufzeichnung. WM-Finale oder Halbfinale. Damals hat man gezittert, inzwischen weiß man längst, wie es ausgegangen ist. Aber die Erinnerung ist noch da, wie man damals empfunden hat.

Stell dir vor, unversehens wird bei der Aufzeichnung dieses Klassikers ein Lauftext eingeblendet. Ein Redakteur oder gar ein Hacker hat den unbemerkt eingeschleust. Kein Werbebanner, sondern eine direkte Frage an den Zuschauer: "Wie sieht es denn bei dir aus? Wofür schlägt dein Herz heute? Was reißt dich mit? Was bringt dich zum Jubeln?"

So fragt Jesus auch. Und zwar uns. "Ich werde euch wiedersehen", damit meint er nicht bloß die Jünger. Damit meint er seine Jünger, nach seiner Auferstehung. Denn die Geschichte ist ja noch nicht zu Ende. Die Weltgeschichte. Die Geschichte von Jesus mit dieser Welt. Spätestens dann, wenn er wiederkommt, zeigt sich, wer dann noch lacht und sich freut. Schauen wir also genau hin, was Jesus meint.

Er spricht von dem Kleinen, von dem Mittelmäßigen, von dem Großen.


1. Das Kleine

"Über ein Kleines, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen." Damit meint er die Zeit. Aber wenn die Zeit klein wird, wird alles andere auch klein. Wenn Jesus demnächst wiederkommt oder wenn der Zeiger deiner Lebensuhr ins Stocken kommt, dann ändert sich schon jetzt alles. Der Kranke, dem der Arzt nur wenige Monate gibt, denkt über wichtig und unwichtig schlagartig anders, als er Jahrzehnte seines Lebens zuvor gedacht hat. Vor der Ewigkeit ist alles andere klein. Alles! Klein!

Vielen erscheint das als kirchliche Panikmache. Für sie ist ein Kirchgang außerhalb von Heiligabend oder einer Hochzeit im Familienkreis Zeitverschwendung. Glaube, Kirche, das hat für sie nur eine kleine, eine ganz kleine Bedeutung.

Groß und zeitintensiv und kräftezehrend ist das andere, vorrangige: die Arbeit. Eine Beziehung knüpfen oder kitten. Kinder. Haus. Garten. Dafür legen sie sich krumm.

Ist das etwa unwichtig? Das kostet doch Zeit und Anstrengung, damit es gut wird und gut bleibt. Ja, in Ordnung. Ich will auch nichts kleiner machen, als es ist. Und eben deshalb musst du dich fragen: Was zählt das alles vor der Ewigkeit?

Was dir heute so wichtig ist: Ist das auch noch wichtig, wenn Jesus wiederkommt und du vor ihm stehst?

Großes wird Klein, Kleines wird Groß. Wenn du dir selbst groß und wichtig vorkommen solltest. Im Anblick der Ewigkeit wirst du sehr klein. Die Ewigkeit, wenn sie hereinbricht in unsere Zeit bei der Wiederkunft Jesu, wird allem eine neue Wertigkeit geben.

Das liegt an der Zeit. Das Vergangene wird hell angestrahlt und noch einmal ganz neu bewertet. Einen schwachen Eindruck davon bekommen wir, wenn einstige Prominente den Parteivorsitz niederlegen, den Schlüssel abgeben vom Dienstwagen, vom Vereinsheim, von Schloss Bellevue. Manche tauchen später noch mal kurz auf im Dschungelcamp oder als Kommentator im Privatsender Sky. Oder sie kriegen kurz vor dem 70. Geburtstag noch einmal eine Einladung zur Verleihung der Goldenen Kamera für ihre Lebensleistung. Sie waren mal groß. Jetzt sind sie unbedeutend, vielen Jüngeren gänzlich unbekannt. Schwer genug, sich damit abzufinden.

Vor kurzem stand in einer Todesanzeige beim Namen "Historiker und langjähriger Kurator" hervor. Was macht uns aus? Titel und Trophäen?

Jürgen Werth hat vor seinem Abgang als Chef des Evangeliumsrundfunks mit diesem Phänomen jongliert, vielleicht auch persönlich gehadert. In einem Beitrag sinniert er über ein Reservat für Ex-Wichtige. Für pensionierte Direktoren, Vorsitzende, Geschäftsführer. Die nie etwas anderes gelernt haben, als wichtig zu sein. In dieser kleinen Spezialwelt dürfen sie weiter diskutieren und lamentieren. Können neue Vereine gründen. Vorstände und Vorsitzende und Beisitzende wählen. Dieses Edelreservat für ehemalige Chefs brauche einen hohen Zaun, damit sie nicht rauskönnen, um ihre Nachfolger mit ungebetenen Ratschlägen an der Arbeit zu hindern oder um die Welt mit ihren Geschichten von gestern zu langweilen.

Denn die Gegenwartskultur nimmt nur das Aktuelle wichtig. Das Gestrige und Vorgestrige wird abgewertet.

Gott misst anders. Seine Größenordnung misst umgekehrt die Gegenwart am Vergangenen, an der Heiligen Schrift. Und damit nicht nur am Vergangenen, sondern am Bleibenden, genauer, am Ewigen.

Die Welt verachtet und missachtet das Vergangene; gestrig oder gar vorgestrig gilt als überholt und uninteressant. Der lebendige Gott dagegen holt am Jüngsten Tag alles Vergangene wieder ans Licht und stellt das Wertvolle davon heraus. Er reduziert das Aktuelle als höchst vergänglich. Es wird auf den wahren und häufig belanglosen Kern reduziert. Da wird das vermeintlich Große dieser Welt auf seine wirkliche Größe zurechtgestutzt. Selbst was wir an guten Zeiten verlängern möchten, an schlechten Zeiten verkürzen, erscheint in einem ganz neuen Licht.

In der frühen Kirchengeschichte gerieten die Christen wieder einmal in eine Verfolgung. Soldaten des Kaisers drangen zum Bischofssitz von Athanasius im ägyptischen Alexandria vor. Es war mitten im Gottesdienst. Die Gemeinde bangte um ihren Leiter. Athanasius ließ nicht einmal die Psalmlesung unterbrechen. Er blieb seelenruhig auf seinem Bischofstuhl sitzen. Sein Kommentar: Nubiculum est! "Nubus" heißt "Wolke", "nubiculus" ist die Verniedlichung: "Es ist nur ein Wölkchen!" Bald vorbei.

Sogar wenn es an die Existenz geht: Jesus wird uns wiedersehen. Das macht gelassen.


2. Das Mittelmäßige

Wie gehen wir um mit Trauer und Not? Sie ist ja da. "Ihr habt nun Traurigkeit" , sagt Jesus. Auch Christen haben keinen Anspruch auf Glück und happy clappy.

Wie kommen wir also durchs Leben? Sich arrangieren? Jesus und die Welt? Das kann nicht gut gehen. Das gibt nicht Klein, das gibt nicht Groß. Daraus wird nur eine miese Mittelmäßigkeit. Die produziert Traurigkeit, und zwar eine selbst gemachte.

Wenn Jesus nicht das erste und das letzte Wort hat bei uns, machen sich andere Kräfte breit. Bitterkeit etwa, mit der wir nicht fertigwerden. Wenn wir nicht vergeben wollen und nicht vergeben können. Das macht in der Regel den anderen nichts, aber schadet uns selber. Geknebelt durch den Groll. Gebunden an den inneren Schwur, die kalte Schulter zu zeigen und ja nicht schwach zu werden. Und dann nörgeln wir noch gegen Gott: Wie kannst du nur? Warum lässt du das zu? Warum musste das ausgerechnet mir passieren?

Ja, es gibt mehr als zehn Möglichkeiten, sich unglücklich zu machen. Das ist eine selbst gemachte Trauer. Mit der ist Jesus nicht im Geringsten einverstanden.

Daneben gibt es die Trauer, die ihren Ursprung im Himmel hat. Die ist uns verordnet. Jesus sagt: "Ihr werdet traurig sein!" Aber hat Paulus nicht geschrieben: "Freuet euch in dem Herrn allewege?" Wer hat nun recht?

Die Lösung ist ganz einfach: Dazwischen liegt Ostern! Ohne den auferstandenen Herrn gibt es nur Trauer. Mit dem Auferstandenen gibt es Freude in der Trauer.

Himmel und Erde können sich nicht nur berühren. Sie überschneiden sich. Christen gehören zum Himmel und zur Erde. Beide Bereiche überlappen sich. Christen sind mit einem Bein auf der Erde und mit dem anderen schon im Himmel. Was sage ich, Bein? Christen sind mit dem Herzen schon im Himmel.

Und der Körper ist noch hier. Wie jetzt? Unser Herz hängt doch auch an diesem Leben, an dieser Welt. Was nun? Ein halbes Herz im Himmel, ein halbes Herz auf der Erde? Machen Christen alles nur mit halbem Herzen? Freuen sich nicht richtig über die Erde, freuen sich nicht richtig auf den Himmel?

Schrecklich wäre das. Nichts Halbes und nichts Ganzes. So kann man doch nicht leben. Das ist geistliche Schizophrenie. Zu solch verkrampften Christen hat Jesus uns nicht berufen. Wir haben doch nur ein Herz. Und das soll Jesus gehören.

Ich rede jetzt von den Christen. Mit Jesus ist der Himmel in ihrem Herzen eingezogen. Mit diesem himmlischen Herzen sind sie noch in dieser Welt. Leben unter den Bedingungen dieser Welt. Sie sind hier nicht mehr zu Hause, leben aber noch hier.

Wir teilen unsere Sorgen und Pläne, unsere Siege und Niederlagen mit Jesus. Und leben somit anders als viele in unserer Umgebung. Wo jene traurig sind, sagen wir, das ist vergänglich, lass fahren dahin. Wo jene sich begeistern, sagen wir auch: Das ist vergänglich, häng dein Herz nicht daran. Wenn wir dagegen traurig sind, dann oft anders auf den Gebieten, wo Jesus uns fern ist oder fern scheint. So ist Jesus bei uns die Ursache der himmlischen Trauer, und er ist die Lösung für unsere irdische Trauer. - Damit sind wir schon beim Dritten:


3. Das Große

"Ich will euch wiedersehen"
, verspricht Jesus. Versprochen ist versprochen! Wiedersehen heißt, dass man ihm schon vorher einmal begegnet ist. Stimmt. Christen können ein Lied davon singen. Sie wissen, was es bedeutet, dass Jesus ihnen am Kreuz ihre Schuld abgenommen hat. Dass Jesus ihnen in der Auferstehung neues Leben geschenkt hat. Und sie glauben ihm aufs Wort, dass er wiederkommen wird, wie versprochen.

So leben Christen mit Kreuz, Ostern und Wiederkunft. Das eine schiebt uns, das andere zieht uns. Kreuz und Ostern setzen uns in Gang und schieben uns nach vorn. Die Wiederkunft von Jesus zieht uns zu ihm hin.

So gehen wir schwanger mit der Freude. Das Neue ist schon in uns. Das Alte ist nicht mehr attraktiv. Diese alte Welt, das kann uns nicht mehr faszinieren. Wir gehen ja mit der neuen Welt Gottes schwanger. Jetzt haben wir noch viele Fragen. Dann nicht mehr. Wenn Jesus wiederkehrt, dann kommt heraus, was in uns steckt. Die Freude, die uns keiner mehr nehmen kann. Jetzt werden noch Tränen geweint. Zeichen der Trauer und der Sehnsucht. Noch gibt es Kummer. Aber schon jetzt kümmert sich Jesus um uns. Und am Ende wird sich erfüllen, was die Schrift voraussagt: "Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein. Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten …" (Psalm 126).

Bis dahin dürfen wir uns einüben in die Ewigkeit. Einüben in Freude, einüben in Liebe. Wie lange? "Noch eine kleine Weile."

Also dann zeigt mal, dass ihr schwanger seid. In diesem Sinn auch die Männer! Schwanger vor Freude. Noch eine kleine Weile - dann kommt es sowieso heraus.

AMEN.

Die Kirchengemeinde Eysölden wünscht eine gesegnete Woche!