Predigttext und Predigt zum - 15. Januar 2017.

Den Gottesdienst hielt Pfarrer Thomas Lorenz.

Das Wochenlied: EG 341;

Titel: Nun freut euch, lieben Christen g'mein

Der Predigttext ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus:
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984,
durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung.
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart.
Alle Rechte vorbehalten.
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der Genehmigung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.


Predigttext: Matthäus 21,14-17

Es gingen zu Jesus Blinde und Lahme im Tempel, und er heilte sie.
Als aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrien: Hosianna dem Sohn Davids!, entrüsteten sie sich und sprachen zu ihm:
Hörst du auch, was diese sagen?
Jesus antwortete ihnen: Ja! Habt ihr nie gelesen (Psalm 8, 3):
"Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet"?
Und er ließ sie stehen und ging zur Stadt hinaus nach Betanien und blieb dort über Nacht.

Es gilt das gesprochene Wort!


Liebe Gemeinde!

(Ein neuer Gottesdienst)

Helle Aufregung im Tempel. Da wird ein neuer Gottesdienst gefeiert. Die alte Ordnung droht zu zerbrechen. Und mittendrin: Jesus. Kurz zuvor hat er die Händler aus dem Tempel hinausgetrieben: Und jetzt - jetzt fängt der Gottesdienst an. Ein neuer Gottesdienst. Blinde und Lahme versammeln sich als Gemeinde im Tempel. Kinder singen, ja schreien den Lobgesang. Es ist ein Lied für die Ankunft des Messias. Ein Adventslied mitten im Frühjahr. "Macht hoch die Tür …" am 14. Mai.

Irgendeiner hat den verstörenden Vorgang gemeldet. Die Tempelaufsicht ist sofort zur Stelle: die Experten für den Gottesdienst, für die Liturgie und die Theologen. Was sie sehen und hören, lässt sie einen Adrenalinstoß erfahren. Schnell sind alle Gegenmittel aufgefahren, um dem Spuk ein Ende zu bereiten: Wir haben eine jahrhundertealte Tradition. Wir feiern den Gottesdienst so, wie ihn schon König Salomo gefeiert hat. Wir haben die Bestimmungen des alttestamentlichen Gesetzes auf unserer Seite. Und schließlich sind wir doch die Fachleute.

Und so schreiten sie zur Tat: "Jesus, wir müssen unbedingt mit dir reden: Jesus, hörst du, was sie sagen? Jesus, siehst du, wer da schreit? Jesus, weißt du, wer sich da versammelt?"

Jesus sagt nicht viel! Aber mit seinen Worten macht er klar: "Das, was hier geschieht, ist keine Entgleisung, das ist kein Unglück, sondern das ist richtig so. Das ist der Gottesdienst, wie Gott ihn will." Dann lässt er sie stehen und geht zur Stadt hinaus. Der Sturm ist vorüber. Im Tempel kehrt wieder Ruhe ein. Aber: Dort draußen, bei ihm, dort wo er ist, dort wird der Gottesdienst weitergefeiert - aber sie, die Hohenpriester und Schriftgelehrten, sind nicht dabei!

Ein neuer Gottesdienst wird gefeiert - ein neues Lied wird gesungen. Sind wir dabei? Singen wir mit? Dieser Gottesdienst will unser ganzes Leben füllen und prägen.


1. Eine neue Gemeinde

Nach altem Recht gehören sie nicht hierher, die Blinden und die Lahmen. Die Menschen waren überzeugt: Wer blind oder lahm ist, den hat Gott gestraft. Und sie machten den Rückschluss: Wer also mit irgendeiner Krankheit oder Behinderung gestraft ist, der muss ein Gottloser sein. Sicher - das wussten sie auch -, am Ende der Zeit wird Gott die Blinden und Lahmen heilen. Aber jetzt gilt, dass Gott ein heiliger Gott ist und dass solche Menschen nicht in seine Nähe passen.

Nun kommen sie, gerade sie, die Ausgeschlossenen, zu Jesus. Jesus hält die, die Gott am nötigsten haben, nicht mehr fern. Er weist denen, die sich am meisten nach ihm sehnen, nicht mehr die Tür. Jesus verschafft den Elenden den Zugang in Gottes Gegenwart. Im Tempel. Aber noch viel mehr finden sie die Gegenwart Gottes bei ihm. "Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen" (Johannes 6,37b).

Sie sind seine Gemeinde, sie brauchen seine Hilfe, sie kommen zu ihm. Und er heilt sie. Das ist der neue Gottesdienst.

Und wir? Wie halten wir's mit diesem Gottesdienst?

Als Jesus am Kreuz starb, da ist der Vorhang im Tempel zerrissen - als Zeichen dafür, dass der Zugang zu Gott nun frei ist. Alle dürfen kommen und bei ihm Gottes Nähe erleben.

Aber auch heute gibt es manches, was uns abhält, mit unserer Not zu ihm zu kommen. Menschen kommen nicht, weil sie meinen, seine Hilfe gar nicht zu brauchen.

Und die anderen meinen, mit ihrem Leben und ihren Problemen selber fertigwerden zu müssen.

Und schließlich gibt es die, die meinen, so wie sie sind, mit ihrer Schuld dürften sie nicht kommen.

Lassen wir uns doch nicht mehr abhalten! Jesus kennt doch unsere Not: Er weiß um den Schmerz, der uns quält, er kennt die Einsamkeit, die uns plagt; er kennt den Streit, mit dem wir nicht fertigwerden. Ja, er versteht unsere Schwermut, die kein Mensch versteht. Und er will heilen. Vielleicht sogar äußerlich. Aber ganz sicher im Herzen.


2. Ein neuer Chor

Es war ein ungewöhnlicher Chor, der hier sang: Kinder. Nach der guten alten Ordnung hatten auch sie hier nichts verloren. Für das Lob Gottes kann das Beste doch nur gut genug sein: ein Tempelchor mit ausgebildeten Stimmen - eine klarer als die andere. Und: Gott richtig loben kann doch nur der, der begriffen hat, um was es geht. Der mit dem Verstand nachvollziehen kann, was er singt. Gott loben - das können nur Mündige, aber keine Unmündigen.

Statt kunstfertigem Lobgesang war ein "Lobgeschrei" zu hören. Den theologischen Inhalt ihres Liedes haben die Kinder mit ihrem Verstand wohl auch nicht erfasst. Sie haben die Worte beim Einzug von Jesus in Jerusalem gehört - und jetzt singen sie es einfach nach.

Aber Jesus hört sich diesen Lobgesang an. Er weist die schrägen Töne nicht zurück, er nimmt dieses Loblied an. Er fragt nicht nach der Würdigkeit oder Mündigkeit der singenden Kinder. Denn er weiß, wo dieses Lob herkommt: "Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet!" (Psalm 8,3).

Natürlich ist für Gott das Beste nur gut genug. Natürlich soll auch im Posaunenchor fleißig geübt werden, und im "Leben live"-Musikteam, natürlich geben unsere Organisten ihr Bestes … Aber das Entscheidende ist am Ende nicht unser Können, auch nicht unsere Würdigkeit, sondern dass es von Herzen kommt. Dass mein Herz diesem Herrn gehört und dass es angesteckt ist von der Liebe zu diesem Herrn, dem mein Lob gebührt. Auf das Herz kommt es an. Und das soll Gott gehören.

Und auch das wird bei uns nicht anders sein als bei den Kindern: Gottes Lob will gerade auch dort laut werden, wo wir nicht alles begreifen. Natürlich sollen wir beim Glauben nicht unseren Verstand ausschalten. Wir sollen nachdenken und verstehen.

Aber: Wir werden das Wunder der Liebe Gottes nie ganz begreifen können. Das Staunen wird immer bleiben. So will Gott unser Lob. Gerade dort, wo ich's nicht begreife, und auch dort, wo ich sein Handeln nicht verstehe, gerade auch dort wird Gottes Lob zu einer Kraft in mir werden, die mich aufrichtet und tröstet.


3. Ein neues Lied

Sie kannten dieses Lied gut, die Hohepriester und Schriftgelehrten. Es drückte die tiefe Sehnsucht nach dem Messias, nach Gottes Retter aus. Aber nun, als diese Kinder dieses Lied sangen, da war gar nichts von der sehnsüchtigen Erwartung zu spüren. Die sangen, als wäre der Messias schon da, als stünde er in ihrer Mitte. Als wäre Jesus der Messias.

Hosianna! - "Hilf doch!" (Psalm 118,25). Diese Bitte war an keinen anderen als an diesen unscheinbaren Mann gerichtet. Nichts sah man von seiner Macht - nichts von der Herrlichkeit des Messias. Und sie verehren ihn doch.

Und Jesus? Er hört diesen Ruf. Er steht zu diesem Ruf. Ja, er erfüllt diesen Ruf. Jesus - Jeschua -, dieser Name, dieser Mann ist die Antwort auf diesen Ruf: "Der Herr hilft!" Auch wenn seine Herrlichkeit den Augen verborgen ist.

Er ist der, der helfen kann. Er ist der, der helfen will. Er ist der, dem wir unser ganzes Leben anvertrauen können. Auch wenn wir heute von seiner großen Macht noch nicht viel sehen. Auch wenn Krieg und Not die Welt - und unser Leben - noch zerreißt.

Wir wollen ihm vertrauen und von ihm allein unsere Hilfe erwarten.

AMEN.

Die Kirchengemeinde Eysölden wünscht eine gesegnete Woche!