Predigttext und Predigt zu Exaudi - 28. Mai 2017.

Den Gottesdienst hielt Pfarrer Thomas Lorenz.

Das Wochenlied: EG 128;

Titel: Heilger Geist, du Tröster mein

Der Predigttext ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus:
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984,
durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung.
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart.
Alle Rechte vorbehalten.
Ein Nachdruck des revidierten Textes der Lutherbibel sowie jede andere Verwertung
in elektronischer oder gedruckter Form oder jedem anderen Medium bedarf
der Genehmigung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.


Predigttext: 1. Könige 8, 39

"Du allein kennst das Herz aller Menschenkinder"

"Ist da jemand"

Es gilt das gesprochene Wort!


Liebe Jubilare mit allen Angehörigen, liebe Gäste, liebe Festgemeinde!

Manchmal kommen einem Predigtideen an ungewöhnlichen Orten, zu ungewöhnlichen Zeiten, zu ungewöhnlichen Texten. Es war gestern Nachmittag, auf dem Heimweg vom Hochzeits-Mittagessen. Im Autoradio lief ein Lied. Zum Glück rief unser Jüngster: "Lauter!". Da hörte ich das Lied bewusst. Die Musik gefiel mir, und beim Text dachte ich mir nach dem ersten Refrain: Das ist es! Darüber möchte ich bei der Jubelkonfirmation predigen. Und so habe ich meine ursprünglich geplante Predigt in einen anderen Ordner auf dem Computer verschoben und mich mit dem Lied beschäftigt …

Es ist kein christliches Lied, sondern ein - wie man so sagt - "säkulares", ein "weltliches" Lied, das erst vor gut zwei Monaten (18.3.2017) veröffentlicht wurde. Adel Tawil hat es zusammen mit anderen geschrieben, und er selber singt es auch. Das Lied heißt "Ist da jemand".

Es mag sein, dass dieses Lied - wenn überhaupt - nur welche von den grünen und silbernen Konfirmanden kennen … - Wer kennt es? - Aber es kommt gar nicht darauf an, dass ihr das Lied kennt. Es geht mir ja um den Text. Und wer es nicht kennt und wen es trotzdem interessiert, der kann es sich ja zu Hause auf YouTube anhören oder es sich von seinen Enkeln vorspielen lassen …

"Ist da jemand" erreichte in Deutschland Position 12 der Singlecharts. Obwohl es das Lied nicht auf Platz eins schaffte, war es trotzdem für einen Zeitraum von aktuell immerhin einer Woche das erfolgreichste deutschsprachige Lied in den deutschen Singlecharts.

Die Plattenfirma Universal Music selbst beschrieb das Lied mit folgenden Worten: "Ist da jemand" beschreibe das Lebensgefühl einer ganzer Generationen, deren Welt aus den Fugen geraten zu sein scheint. Es gehe um eine Welt, die mehr Fragen als Antworten und mehr Probleme als Lösungen bereithalte und das in einer Zeit, in der nichts mehr sicher sei und menschliche Bindungen nur noch losen Bekanntschaften zu gleichen scheinen. Unverbindlich und oberflächlich. Das Lied beschreibe aber auch die Hoffnung, die dann entstehe, wenn die Not am größten sei und die Lage am aussichtslosesten erscheine. Tawil singe von der Kraft der inneren Stimme und von der Zuversicht, die in jedem von uns liege, auch dann, wenn man den Glauben an sich selbst schon längst verloren habe. Er singe vom Glauben, der uns weiter gehen lasse; vom Glauben daran, dass die Zukunft eine bessere sein werde und vom Glauben an die Menschheit.

Ja, so versteht also die Plattenfirma das Lied. So versteht es womöglich der Sänger Adel Tawil auch selber. Vielleicht. Sozusagen horizontal. Menschlich. Auf ihn und seine Mitmenschen, auf "die Menschheit" bezogen.

Doch diese horizontale Ebene ist nicht alles. Muss zumindest nicht alles sein. Ich jedenfalls bin überzeugt, dass diese horizontale, rein menschliche Ebene zu wenig ist …

Schauen wir uns nun den Liedtext näher an. Nicht das ganze Lied auf einmal, sondern abschnittweise.

Ohne Ziel läufst du durch die Straßen
Durch die Nacht, kannst wieder mal nicht schlafen
Du stellst dir vor, dass jemand an dich denkt
Es fühlt sich an als wärst du ganz alleine
Auf deinem Weg liegen riesengroße Steine
Und du weißt nicht, wohin du rennst

Ja, wir laufen oft ziellos und planlos durch die Straßen unseres Lebens. Wir fragen uns: Was ist der Sinn? Was ist das Ziel?

Warum ist das so? Nach der Bibel ist die Antwort ganz klar. Wir haben unseren Ursprung verloren. Wir sind nicht mehr die, die wir eigentlich sein sollten. Gott hat uns geschaffen, er hat uns das Leben geschenkt, er hat uns geschaffen als seine Partner, er hat uns dazu geschaffen, dass wir in enger Verbindung mit ihm Leben, dass wir "in ihm" leben, so wie ein Fisch im Wasser lebt. Nur in dieser engen Verbindung mit unserem Schöpfer kann unser Leben wirklich gelingen, kann es am Ziel angelangen. Und Gottes Ziel ist, dass wir auch in Ewigkeit mit ihm verbunden sind.

Doch leider ist diese Verbindung mit Gott gekappt durch die Sünde, unser Ohne-Gott-leben-Wollen. Wir sind von Gott getrennt, getrennt von unserem Ursprung, getrennt von unserem Schöpfer. Doch die Sehnsucht bleibt in uns wach, die Sehnsucht nach Gott bleibt in uns lebendig. "Du stellst dir vor, dass jemand an dich denkt", singt Adel Tawil.

Nicht immer ist uns dieses Getrenntsein von Gott bewusst. Wir können es mit allem möglichen überdecken, zukleistern, es einfach nicht wahrhaben wollen. Doch ab und zu, "Wenn der Himmel ohne Farben ist, Schaust du nach oben und manchmal fragst du dich":

Ist da jemand, der mein Herz versteht?
Und der mit mir bis ans Ende geht?
Ist da jemand, der noch an mich glaubt?
Ist da jemand? Ist da jemand?
Der mir den Schatten von der Seele nimmt?
Und mich sicher nach Hause bringt?
Ist da jemand, der mich wirklich braucht?
Ist da jemand? Ist da jemand?

Das sind die Fragen, die uns unser Herz stellt. Darin liegt die Ahnung, dass es mehr gibt als diese Welt und dieses Leben. Wir sind für Größeres geschaffen als für die paar Jährchen hier auf der Erde. Gott selber hat die Ewigkeit in unser Herz gelegt, und "unser Herz ist unruhig, bis es Ruhe findet in Gott" (Augustinus).

Bis wir zurückfinden zu Gott, unserem Schöpfer, zu unserem Ursprung, von dem wir kommen. Dazu müssen wir aber erst verstehen, wie wir wieder mit unserem Schöpfer in Verbindung kommen können.

Denn Tatsache ist: Unsere Sünde trennt uns von Gott. Und mit Sünde sind nicht einzelne moralische Verfehlungen gemeint, sondern der grundsätzliche Zustand, in dem wir Menschen uns von Natur aus befinden. Der Apostel Paulus sagt es so: "Alle sind Sünder und haben nichts aufzuweisen, was Gott gefallen könnte" (Römer 3,23 HfA)

Wir können viel tun, viel ausprobieren und werden von uns aus doch diese Kluft, die zwischen dem heiligen Gott und uns Sündern besteht, niemals überwinden.

Wenn nun alle Menschen ohne Ausnahme Sünder sind und die Herrlichkeit Gottes verspielt haben und nichts tun können, was die zerbrochene Beziehung zwischen Gott und Mensch heilen könnte, wie können wir dann überhaupt wieder mit Gott in Verbindung kommen?

Wir können es nicht. Aber Gott kann. Und Gott tut es.

Jesus, Gottes Sohn, wird Mensch und nimmt unsere Schuld, unsere Sünde, unser Versagen, unsere Trennung von dem heiligen Gott auf sich, damit für uns der Weg zu Gott wieder frei ist. Damit wir wieder mit Gott in Verbindung kommen können.

Gott hat also alles dafür getan, dass der Zustand der Trennung von Gott für keinen Menschen das letzte Wort haben muss.

Nun liegt also alles an der Beziehung zu Jesus Christus. Jesus ist die ausgestreckte Hand Gottes. Jesus ist der Weg und die Wahrheit und das Leben. Er bringt uns wieder in Verbindung mit Gott. Einen anderen Weg zu Gott gibt es nicht. Nur in Jesus und durch Jesus können wir Gott finden, können wieder zurückfinden zu unserem Ursprung, können so leben, wie Gott es sich ursprünglich für alle seine Menschen gedacht hat. An Jesus entscheidet sich alles. Wer an Jesus glaubt, der hat das ewige Leben. Wer Jesus nicht hat, der hat das Leben nicht, und der Zorn Gottes bleibt auf ihm (nach Johannes 3,36; 1. Johannes 5,12).

In Adel Tawils Lied heißt es dann weiter:

Wenn man nicht mehr danach sucht
Kommt so vieles von allein
Hinter jeder neuen Tür
Kann die Sonne wieder scheinen
Du stehst auf mit jedem neuen Tag
Weil du weißt, dass die Stimme
Die Stimme in dir sagt

Die Stimme in mir, das ist die Stimme des Schöpfers, das ist die Stimme dessen, der mir das Leben geschenkt hat. Es ist diese Stimme, die darum weiß, dass ich nicht in diese Welt geworfen bin, auf mich allein gestellt.

Vielleicht denkt Adel Tawil an Menschen, wenn er singt:

Da ist jemand, der dein Herz versteht
Und der mit dir bis ans Ende geht
Wenn du selber nicht mehr an dich glaubst
Dann ist da jemand, ist da jemand!
Der dir den Schatten von der Seele nimmt
Und dich sicher nach Hause bringt
Immer wenn du es am meisten brauchst
Dann ist da jemand, ist da jemand!

Ich bin mir sicher, dass kein Mensch diese Erwartung erfüllen kann. Wenn wir das von Menschen erhoffen und erwarten, dann sind Enttäuschung und Ernüchterung vorprogrammiert.

"Da ist jemand, der dein Herz versteht" - welcher Mensch könnte wirklich mein Herz verstehen, mein Innerstes kennen? Jenes Herz, das die Bibel "ein trotzig und verzagt Ding" (Jeremia 17,9) nennt? Jenes Herz, dessen "Dichten und Trachten" "böse von Jugend auf" (1. Mose 8,21) ist?

Niemand. Kenne ich doch selber oft mein Herz nicht.

Dieses Herz kennt allein Gott. "Du allein kennst das Herz aller Menschenkinder" , so bekennt es Salomo (1. Könige 8, 39). Und der hat es von seinem Vater David vorher schon eingeschärft bekommen: "Der Herr erforscht alle Herzen und versteht alles Dichten und Trachten der Gedanken. Wirst du ihn suchen, so wirst du ihn finden …" (1. Chronik 28,9).

Da ist jemand,
"der mit dir bis ans Ende geht".

Wer geht mit mir bis ans Ende? Menschen verlassen mich. Ich selber muss Menschen zurücklassen. Ich kann weder garantieren, dass ich mit anderen bis ans Ende gehen kann, noch können andere garantieren, dass sie mit mir bis ans Ende gehen können.

Wer aber wirklich mit mir bis ans Ende geht, das ist Jesus, der versprochen hat: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt." Und wenn ich diesem Herrn vertraue, wenn ich mein Leben ihm anvertraue, dann bedeutet das scheinbare Ende nicht das tatsächliche Ende. Das Ende des irdischen Lebens ist dann nicht das Ende überhaupt. Ja, der Tod ist dann lediglich Durchgang zu einem Leben ohne Ende, in der Gemeinschaft mit meinem Gott, der mich geschaffen und erlöst hat.

"Wenn du selber nicht mehr an dich glaubst
Dann ist da jemand, ist da jemand!"

Ja, da ist jemand, der "an dich glaubt". Denn Gott gibt dich nicht auf. Solange du lebst, hält er dir die Tür weit offen. Solange du lebst, wartet er mit offenen Armen auf dich. Wenn du ihm vertraust, wird dein Leben gesegnet sein. Es wird nicht alles so sein, wie du es dir vorstellst und wie du es dir wünschst. Aber ein Leben in der Gemeinschaft mit Gott ist niemals planlos, ziellos und sinnlos. Es ist vielmehr das einzige "Leben", das sich wirklich lohnt, das einzige "Leben", das diesen Namen verdient, das mehr ist als bloß existieren. Denn Jesus ist gekommen, damit wir "das Leben und volle Genüge" (Johannes 10,10) haben.

Da ist jemand,
"Der dir den Schatten von der Seele nimmt
Und dich sicher nach Hause bringt"

Welcher Mensch könnte den Schatten von der Seele nehmen? Welcher Mensch könnte garantieren, dass er uns sicher nach Hause bringt? Schon für unser irdisches Zuhause kann das niemand garantieren, hören wir es doch immer wieder: "absolute Sicherheit gibt es nicht". Aber es gibt noch ein anderes Zuhause, das noch viel wichtiger ist als unser Zuhause hier auf dieser Erde. Dieses ewige Zuhause gilt es im Blick zu behalten, "dass nicht vergessen werde, was man so gern vergisst, dass diese arme Erde nicht unsre Heimat ist". In dieses ewige Zuhause kann uns aber kein Mensch sicher bringen. In dieses ewige Zuhause bringt uns allein Jesus. Er ist es, der uns das Heimatrecht dort erkauft hat durch seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung. Nun kann er zu denen, die an ihn glauben sagen: "In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn's nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten?" (Johannes 14,2).

Da ist jemand, der dein Herz versteht
Und der mit dir bis ans Ende geht
Wenn du selber nicht mehr an dich glaubst
Dann ist da jemand, ist da jemand!
Der dir den Schatten von der Seele nimmt
Und dich sicher nach Hause bringt
Immer wenn du es am meisten brauchst
Dann ist da jemand, ist da jemand!

Ja, dieser "jemand" ist Jesus Christus. Er bringt uns sicher durchs Leben und sicher ans Ziel. Glaub an ihn, schenk ihm dein Leben. Das ist es, worauf es im Leben - und im Sterben - letztlich ankommt.

AMEN.

Die Kirchengemeinde Eysölden wünscht eine gesegnete Woche!