Predigttext und Predigt zum Gedenktag der Augsburgischen Konfession - 25. Juni 2017.

Den Gottesdienst hielt Pfarrer Thomas Lorenz im Pfarrgarten in Offenbau.

Das Wochenlied: EG 250;

Titel: Ich lobe dich von ganzer Seelen

Der Predigttext ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus:
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984,
durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung.
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart.
Alle Rechte vorbehalten.
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der Genehmigung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.


Predigttext: Nehemia 8, 1-2. 5-6. 8-12

Versammelte sich das ganze Volk wie ein Mann auf dem Platz vor dem Wassertor und sie sprachen zu Esra, dem Schriftgelehrten, er solle das Buch des Gesetzes des Mose holen, das der HERR Israel geboten hat.
Und Esra, der Priester, brachte das Gesetz vor die Gemeinde, Männer und Frauen und alle, die es verstehen konnten, am ersten Tage des siebenten Monats
Und Esra tat das Buch auf vor aller Augen, denn er überragte alles Volk; und als er's auftat, stand alles Volk auf.
Und Esra lobte den HERRN, den großen Gott. Und alles Volk antwortete: »Amen! Amen!«, und sie hoben ihre Hände empor und neigten sich und beteten den HERRN an mit dem Antlitz zur Erde.
Und sie legten das Buch des Gesetzes Gottes klar und verständlich aus, sodass man verstand, was gelesen worden war.
Und Nehemia, der Statthalter, und Esra, der Priester und Schriftgelehrte, und die Leviten, die das Volk unterwiesen, sprachen zu allem Volk: Dieser Tag ist heilig dem HERRN, eurem Gott; darum seid nicht traurig und weint nicht! Denn alles Volk weinte, als sie die Worte des Gesetzes hörten.
Darum sprach er zu ihnen: Geht hin und esst fette Speisen und trinkt süße Getränke und sendet davon auch denen, die nichts für sich bereitet haben; denn dieser Tag ist heilig unserm Herrn. Und seid nicht bekümmert; denn die Freude am HERRN ist eure Stärke.
Und die Leviten trösteten alles Volk und sprachen: Seid still, denn der Tag ist heilig; seid nicht bekümmert!
Und alles Volk ging hin, um zu essen, zu trinken und davon auszuteilen und ein großes Freudenfest zu machen; denn sie hatten die Worte verstanden, die man ihnen kundgetan hatte.

Es gilt das gesprochene Wort!


Liebe Gemeinde!

Unsere Gottesdienste gelten gewöhnlich nicht als Orte der ganz großen Gefühle. Dass Menschen im Kino vor Rührung weinen, ist keine Seltenheit. Im Kirchenraum kommt das dagegen kaum vor. Bei Konzerten kann man Menschen das Glück und die Freude, die sie empfinden, aus den Gesichtern ablesen. Wenn wir hier zusammen sind, blicken wir, wenn wir uns umschauen, häufig in unbewegte Gesichter. Und so ist es nicht verwunderlich, dass das evangelische Christentum den Ruf hat, eine eher verkopfte Angelegenheit zu sein.

Gottesdienste, in denen Menschen ihre Gefühle zeigen können, werden dann schnell als "Happy Clappy" abgetan. Und selbst wenn wir Evangelischen lachen, scheint der Kopf immer mit dabei zu sein. Kürzlich wurde ein Schauspieler und Theaterintendant der Sache nach so zitiert: "Der Katholik lacht mit dem Bauch, der Protestant mit dem Kopf."

Umso überraschender kommt nun dieser Bibeltext aus dem Nehemiabuch daher. Wir hören davon, dass Gottes Wort, sein Gesetz, nach langer Zeit wieder öffentlich verlesen wird. Und das rührt die Menschen zu Tränen.

Mag sein, dass es sie packt, weil sie diese alten Worte nach langer, schwerer Zeit im Exil das erste Mal wieder hören.

Mag sein, dass es daran liegt, dass einzelne Worte sie treffen und sie blitzartig erkennen, dass sie mit sich, mit Gott und dem Leben nicht im Reinen sind.

Dann aber schlägt die Stimmung um: Anstelle von Schluchzen und hochgezogenen Nasen ist nun Lachen zu hören. Menschen finden sich zusammen, tafeln auf, dass die Tische sich biegen: Essen und Trinken in Hülle und Fülle. Sie lassen sich's so richtig gut gehen, weil die Freude, die Freude am Herrn, ihre Stärke ist: strahlende Gesichter, wohin man blickt, ausgelassene Begeisterung, Freude, die sich Bahn bricht.

Wenn wir heute mitten im Reformationsgedenkjahr 2017 den Tag der Augsburger Konfession feiern, dann ist das eine gute Gelegenheit, noch einmal darauf zu schauen, wie Glauben und Gefühle zusammenhängen.

So heißt es in diesem Bekenntnis, an das wir heute besonders denken, zu den Stichworten Umkehr und Glaube: "Nun ist die wahre, rechte Buße eigentlich nichts anderes, als Reue, Leid oder Schrecken über die Sünde zu empfinden, und doch daneben zu glauben an das Evangelium und die Lossprechung, dass die Sünde vergeben und durch Christus Gnade erworben sei. Dieser Glaube tröstet das Herz wieder und gibt ihm Frieden" (CA XII, vgl. EG 906, S. 1569).

Ganz entgegen allen Vorurteilen steckt dieser Text voll von Emotionen. Ja, Gefühle - das können wir Evangelische auch. Reue und Leid empfinden, erschrocken sein, sich getröstet fühlen, ein Herz haben, das Frieden findet. All das gehört zum christlichen Glauben dazu - gerade auch in evangelischer Couleur.

Leicht könnten wir nun auf die Idee kommen, den Spieß einfach umzudrehen und unser Gefühlsleben zum Maßstab für unseren Glauben zu erklären: Und so hat es ja auch immer wieder kirchliche Gruppierungen gegeben, die genau das in den Mittelpunkt gerückt haben: Wer ein wahrer Christ sein will, muss sein Sündersein unter Tränen eingestanden haben. Sonst ist das nichts. Und ohne Glücksgefühle, die der Glaube auslöst, ist es mit diesem nicht weit her.

Das ist zu Recht immer wieder kritisiert worden, nicht zuletzt von den Reformatoren selbst. Denn so suche ich den Halt für meinen Glauben ja nicht in den Worten, mit denen Gott mich anredet, sondern in meinem eigenen Gefühlserleben. Und das ist ein schwankender Grund. Denn Gefühle können trügen, das wissen wir alle. Und die Manipulation von Gefühlen hat in der Kirche erst recht keinen Platz.

Und warum auch? Es ist ja nicht so, als würden wir alle überhaupt nichts fühlen.
Jeder von uns kennt Freude und Erleichterung, Wut und Trauer, Angst und Hoffnung, Ekel und Vertrauen. All diese Gefühle bestimmen unser Leben in einem hohen Maß - viel mehr, als wir es uns oft eingestehen. Nur häufig bringen wir all das nicht mit unserem Glauben zusammen. Aber beides hat miteinander zu tun.

Das lässt sich zwar nicht immer unmittelbar entdecken, aber Gottes Wort erschließt uns hier Zusammenhänge. Bei den Israeliten war es dieses Wort Gottes, das die angestauten Gefühle von Schuld und Scham, von Enttäuschung und Erleichterung anrührte, sodass die Tränen nicht mehr zu stoppen waren. Und es war wieder dieses Wort Gottes, das die Trauer in unbändige Freude verwandelt hat. Gottes Wort trifft eben nicht nur auf unsere Ohren und unser Denken, sondern genauso auch auf unsere Gefühle: Unsere Emotionen werden so angerührt und geweckt. Und andersherum verstehen wir auch besser, warum wir eigentlich fühlen, wie wir fühlen.

So führt das Lesen der Bibel mitten hinein in unser Leben, nicht nur in unser Denken, sondern eben auch in unser Fühlen. Da hören wir von Menschen wie Petrus, der Jesus verleugnet und vor Scham anfängt zu weinen, als er merkt, was er da angerichtet hat. Und wir können mitfühlen. Ähnliches haben wir auch schon erlebt. Dass wir uns verrannt haben und erst merken, was wir getan haben, als es schon zu spät war.

Oder wir lesen von jemandem wie Zachäus, einem Außenseiter, bei dem Jesus überraschenderweise zu Besuch ist und dessen Freude und Erleichterung sich problemlos nachempfinden lässt. Wie schön ist es, wenn mich andere nicht dauerhaft auf das festlegen, was ich nicht kann, wo ich gescheitert bin. Wie entlastend ist das! Da könnte ich glatt zum Freudensprung ansetzen! Allemal ein guter Anlass, eine kostbare Flasche Wein aufzumachen!

Und andersherum werden unsere ganz vertrauten Gefühle durch Gottes Wort durchsichtig auf das hin, wie wir mit ihm und vor ihm leben. Wer nachts wach liegt, weil er nicht schlafen kann, und wem Angst zu schaffen macht, kann darin entdecken, wie wenig wir selbst unser Leben im Griff haben. Aber genau das ist es ja, was Gott uns sagt: Ihr habt euer Leben nicht unter Kontrolle, aber ich halte euch und helfe euch auf, wenn ihr hingefallen seid.

Oder jemand anderes erlebt einen wunderbaren Sommertag. Alle Sorgen scheinen weit weg zu sein. Dieser Tag ist Erholung und Glück pur. Traumhaft schön! Das Leben ist hell und unbeschwert.

Wer mit solchen Erfahrungen in Gottes Wort auf Entdeckungsreise geht, kann sie deuten: All das passiert nicht einfach so, sondern Gott ist für mich da. Er schenkt mir neben allem Stress, allem Ärger und aller Trauer auch solche Zeiten. Ich kann sie genießen, mich daran freuen - und Gott dafür danken. Wie schön!

Wenn wir so unsere Gefühle von der Bibel her lesen und die Bibel mit unseren Gefühlen zusammenbringen, dann mag es auch passieren, dass wir auch einmal die Fassung verlieren. Zum Beispiel dann, wenn wir uns eingestehen müssen, dass wir im Leben an einer Stelle gescheitert sind oder dass uns Gott aus dem Herzen geraten ist. Das kann schmerzhaft sein - manchmal sogar so sehr, dass uns die Tränen kommen. Denn wir fühlen es ja: Es fehlt uns etwas.

Und ein anderes Mal können wir das Lachen nicht mehr zurückhalten, weil es uns gut geht und wir das Leben genießen und wir erfahren, dass Gott es gut mit uns meint. Da hat auch die Freude ihren guten Platz in der Kirche - lachende Gesichter und ausgelassene Fröhlichkeit.

Denn hier im Gottesdienst begegnen wir Jesus Christus. Hierher zu Jesus Christus können wir kommen, wenn wir uns schamvoll unser Versagen eingestehen müssen.

Hier gehört auch der Dank hin für all das Gute, was uns geschenkt ist. Und von Jesus Christus her können wir erleichtert, fröhlich und mit einem friedlichen Herzen wieder in unseren Alltag gehen. Denn er allein hat alles wieder zwischen Gott und uns zurechtgebracht, was nicht richtig war, sodass wir unseren Frieden mit uns und unserem Leben machen können. Denn das, was wir an Schwerem mitgebracht haben, liegt jetzt hinter uns. Vergeben und vergessen ist es. Und ein ganz neues Leben liegt vor uns. Was für ein wunderbares Gefühl!

AMEN.

Die Kirchengemeinde Eysölden wünscht eine gesegnete Woche!