Predigttext und Predigt zum 6. Sonntag nach Trinitatis - 23. Juli 2017.

Den Gottesdienst hielt Pfarrer Thomas Lorenz.

Das Wochenlied: EG 293;

Titel: Lobt Gott den Herrn, ihr Heiden all

Der Predigttext ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus:
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984,
durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung.
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart.
Alle Rechte vorbehalten.
Ein Nachdruck des revidierten Textes der Lutherbibel sowie jede andere Verwertung
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der Genehmigung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.


Predigttext: 5.Mose 7,6-12

Mose sprach zum Volk Israel:
Du bist ein heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott,
dich hat der Herr, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums
aus allen Völkern, die auf Erden sind.
Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker - denn du bist das kleinste unter allen Völkern -, sondern weil er euch geliebt hat
und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat.
Darum hat er euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten.
So sollst du nun wissen, dass der Herr, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten,
und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen.
So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.
Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der Herr, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat.

Es gilt das gesprochene Wort!


Liebe Gemeinde!

Eine Wildgans wurde auf einige zahme Gänse aufmerksam, so erzählt Søren Kierkegaard in einem berühmten Gleichnis (Text in: E. Hirsch, Die Umformung …, S. 342f.). Sie ließ sich in ihrem Hof nieder. Sie versuchte den zahmen Gänsen das Fliegen beizubringen. Anfangs fanden's die zahmen Gänse ganz unterhaltsam, doch bald wurden sie die Idee leid, sich in die Lüfte zu erheben. "Ach, und leider hatte die Wildgans sich zu sehr mit den zahmen Gänsen eingelassen, sie hatten mit der Zeit Macht über sie bekommen, sodass ihre Worte ihr etwas waren - kurz, das Ende vom Liede war: die Wildgans wurde eine zahme Gans."

Vorsicht, ihr wahren Christen, will der Scharfdenker Kierkegaard sagen, dass ihr euch nicht denen anpasst, die nur Namenschristen sind. Ihnen fehlt das Eigentliche des Christseins: die Loslösung vom alten Leben, die Verbindung mit Christus, der Anfang eines neuen Lebens. Vorsicht, durch Anpassung verliert ihr alles!

Vor Anpassung warnt auch der Gottesmann Mose in 5. Mose 7, einem Abschnitt seiner gewaltigen Rede, die das Gottesvolk auf den Einzug ins versprochene Land vorbereitet. In jenem Land siedeln sieben Völker, die andere Götter verehren.

Es könnte sein, dass die Landeroberer vor den geheimnisvollen Anbetungsstätten beeindruckt stehen bleiben. Es könnte sein, dass die Israeliten anfangen, im Götzenkult ihr Heil zu suchen.

Das wäre der Anfang vom Ende. Denn Gott ist nicht bereit, seine Hand über ein Volk zu halten, das viele Götter verehrt und heidnische Sitten übernimmt. So die eindeutige Botschaft des Mose.

Eine Botschaft auch für uns, für das neue Gottesvolk. Wir ziehen zwar nicht ins Land Kanaan ein. Aber wir wohnen in einem Land, in dem die "Götter" Geld, Macht und Genuss hochgehalten werden und man zunehmend lebt, als ob es Gott nicht gebe.

Es könnte sein, dass uns diese Lebenshaltung beeindruckt. Es könnte sein, dass wir aus dem Blick verlieren, was Gott will und gefällt.

Der Anfang vom Ende. Denn Gott hat uns zu etwas anderem berufen. Er hat uns hineingerufen und hineingestellt in die Gemeinde Jesu. Schon durch die Taufe: die kraftvolle Übereignung an Christus. Wissen wir noch, was uns damit zugesagt und zugemutet wird? Zusage und Zumutung, Gabe und Aufgabe, Taufe und Glaube gehören untrennbar zusammen.


1. Ihr Getauften: Wisst ihr noch, was es heißt, dass Gott erwählt?


Ernüchternde Anrede: Israel, "das kleinste unter allen Völkern". Vor Beginn der Weltzeit legt Gott sich auf diese Armseligen fest. Eine große Zukunft schwört er Abraham zu. Er befreit die Chancenlosen mit Gewalt aus Ägypten. Pure Liebe! Muss diese Liebe nicht berühren? Ermutigt sie nicht dazu, ganz und gar Gott anzugehören und ausgesondertes, "heiliges Volk" zu sein? "Ihr seid das auserwählte Geschlecht, das heilige Volk, das Volk des Eigentums" - die Zusage an uns, die wir das Evangelium angenommen, und auf Christus getauft sind.

Wir dürfen wissen, dass Gott unsere Namen in seinem ewigen Erwählungsplan berücksichtigt hat. Obwohl wir dessen nicht wert sind. Er hat dafür gesorgt, dass wir die Christusbotschaft glauben konnten. Er hat uns herausgeführt aus der Herrschaft der Sünde. Er ist entschlossen, uns in ein "himmlisches Land" hineinzuführen.

Das ist Anlass für uns, mehr zu danken und demütiger über uns zu denken. Sind wir uns dessen bewusst, zu einer ganz besonderen, "heiligen" Gruppe zu gehören, die sich von der Gesellschaft notwendigerweise unterscheiden muss?

Halten wir uns zur Gemeinde, auch wenn das schwierig oder unbequem wird?


2. Ihr Getauften: Wisst ihr noch, was es heißt, dass Gott gebietet?


Alle Zehn Gebote und viele weitere Gottesgesetze wiederholt Mose in seiner Rede jenseits des Jordans. Er möchte Israel einprägen, dass es nur dem einen, wahren Gott dienen darf. Für den, der mit Gott im Bunde sein will, ist sein Wille maßgeblich und sein Gebot hundertprozentig verbindlich. Keine unnötigen Schikanen, sondern weise Lebensregeln, die dem Wohl des äußeren und inneren Menschen dienen.

Nicht unter Zwang, sondern aus Liebe sollen sie "bewahrt", sorgfältig beachtet werden. Durch sie wird sich Israel von den Heidenvölkern positiv abheben.

Eine Gruppe, die sich positiv abhebt, soll die Gemeinde sein. Menschen, die wohltuend anders leben, will Christus aus uns machen. Dazu dienen alle seine Weisungen, etwa in der Bergpredigt. Wer Christus liebt, versucht sein Wort zu halten. Das Gebet: "Dein Wille geschehe" wird wichtig. So entgehen wir der Selbstauflösung des Christentums, das erkennbar ist daran, dass man nicht vom Gottessohn spricht oder Gottes offenbarten Willen nicht mehr anerkennt.

Es lohnt sich, Gottes Willen und damit Gott selbst zu achten. Wir gewinnen Lebensqualität. Gott schenkt Segen bis in die tausendste Generation.


3. Ihr Getauften: Wisst ihr noch, was es heißt, dass Gott bewahrt?

Die Mosepredigt stellt vor die Alternative: als heiliges Volk den Bund bewahren und den Segen gewinnen. Oder Gott entheiligen durch Ungehorsam und infolgedessen Gottes Vergeltung erleben. Die Missachtung des Gotteswillens mitten im Gottesvolk führt zum Bundesbruch.

Gott möchte davor bewahren. Das gilt auch im Gottesvolk des Neuen Bundes.

Wir können den Bund mit Gott brechen und seinem Gericht verfallen (Hebräer 12). Aber als Christusangehörige dürfen wir immer wieder zu Christus zurückkehren und seine Vergebung in Anspruch nehmen.
Die Taufe erinnert uns an seine Vergebungskraft. Und an seinen Willen, uns zu bewahren zum ewigen Leben.

Eine Kurzgeschichte, die das Geschenk der Erwählung, der Belehrung und der Bewahrung veranschaulichen könnte: "Der Junge, der Zweiundzwanzig hieß" von Lindolfo Weingärtner (Das Lied der Amsel, Brunnen-Verlag, S. 42-55); kein Tatsachenbericht, aber nahe am brasilianischen Alltag:

Ein fünfjähriger Junge stirbt. Seine Mutter stürzt in tiefe Trauer. Sie legt seine Spielzeuge auf sein Grab. Einige der Spielzeuge kommen abhanden. Die Mutter entdeckt einen elternlosen Straßenjungen mit Hasenscharte, der damit spielt. Man nennt ihn "Zweiundzwanzig", weil er einmal als 22. Kind in ein Heim eingeliefert wurde. Er haust bei den Obdachlosen unter der Brücke. Die Mutter Angela nimmt ihn zusammen mit ihrem Mann Rui auf an Kindes statt, kann dem Jugendgericht die Genehmigung der Adoption abringen. Die Eltern haben Probleme, mit "22", der eigentlich Jabor heißt, zurechtzukommen, der herumstromert und stiehlt. Der Vater geht mit ihm Fußball spielen und angeln. Eine Operation zur Beseitigung der Hasenscharte wird geplant. Langsam gewöhnt er sich an seine neue Familie. Ab und zu will er noch "Zweiundzwanzig" genannt werden, sagt er der Mutter beim Schlafengehen. Sie stimmt zu: "Es soll bedeuten, dass ich dich zweiundzwanzigmal so lieb habe wie andere Kinder."

Gott hat Israel als sein Volk nicht aufgrund besonderer Vorzüge erwählt. Nein, ganz und gar nicht! Israel galt als die geringste unter allen Nationen: Es zählte beim Marsch nach Ägypten nur eine Handvoll Leute, es war versklavt und es besaß noch kein Land. Gottes Erwählung gründete einzig und allein in seiner Liebe zu diesem Volk (und Liebe lässt sich einfach nicht logisch erklären). Und Gottes Erwählung gründet in seiner Verheißung an Abraham: "Ich will dich zum großen Volk machen" (1.Mose 12,2).

Gott hat sein Volk erwählt. Und deshalb ist es ein besonderes Volk. Deshalb soll es sich unterscheiden von anderen Völkern in dieser Welt. Und Gott wollte, dass sein Volk über das ersterwählte Bundesvolk hinausreicht, er wollte ein Volk des neuen Bundes, zu dem nun auch Nicht-Juden hinzukamen, Menschen aus allen Nationen, die Jesus, den Messias, als ihren Retter angenommen haben und durch die Taufe zu diesem neuen Volk hinzukamen. Grund zur Überheblichkeit gibt es deswegen noch lange nicht, sondern Demut.

Jesus sagt einmal klar und deutlich: "Das Heil kommt von den Juden" (Johannes 4,22b). Und Paulus erinnert daran, dass die Christen aus den Nationen, die sog. "Heidenchristen", diejenigen sind, die in den kostbaren Ölbaum Israel eingepfropft sind und deshalb zum Volk Gottes gehören. Aber die Wurzel ist Israel. Und so kann Paulus den Satz sagen: "Du sollst wissen, dass nicht du die Wurzel trägst, sondern die Wurzel trägt dich" (Römer 11,18b).

Wenn wir uns dessen bewusst sind, was es heißt, dass Gott erwählt, was es heißt, dass Gott gebietet, und was es heißt, dass Gott bewahrt, dann erweisen wir uns unserer Berufung würdig.

AMEN.

Die Kirchengemeinde Eysölden wünscht eine gesegnete Woche!