Predigttext und Predigt zum 2. Advent - 10. Dezember 2017.

Den Gottesdienst hielt Pfarrer Thomas Lorenz.

Das Wochenlied: EG 6;

Titel: Ihr lieben Christen, freut euch nun

Der Predigttext ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus:
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984,
durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung.
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart.
Alle Rechte vorbehalten.
Ein Nachdruck des revidierten Textes der Lutherbibel sowie jede andere Verwertung
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der Genehmigung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.


Predigttext: Jesaja 63,15 - 64,3 (wird wäjrend der Predigt verlesen)

Es gilt das gesprochene Wort!


Liebe Gemeinde!

Zu diesen Tagen und Wochen, zumal in verkürzter Adventszeit, gehören Überraschungen. Da werden Zimmer abgeschlossen, weil sich dahinter Geheimnisvolles vollzieht. Viele Klebe-Rollen und Geschenkpapier gehen dafür drauf. Kinder nehmen es ganz besonders wichtig.

Im Grunde ist es ja doch immer dieselbe Leier: "Alle Jahre wieder kommt das
Christuskind" - lockt das noch Gefühle hervor, wenn das in den Kaufhäusern oder auf den Adventsmärkten zwischen gestrickten Socken, Glühwein und Bratwürsten und Lebkuchen aus den Lautsprechern klingelingelingt? Und das alles in einer untergehenden Welt und einer sich selbst kaputt machenden Menschheit?

Was ist denn die eigentliche Überraschung, die den Menschen wirklich aufhorchen lässt, die ihn wirklich interessiert und die ihn bereit macht, anderes dafür stehen und liegen zu lassen? Schauen wir mal in den Predigttext für heute und fragen uns: Wie war das damals, als Jesaja etwa im letzten Drittel des 8. Jahrhunderts vor Christus über die Straßen und Märkte ging, was schnappte er für Themen und Ängste bei den Menschen auf?

So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, Herr, bist unser Vater; "Unser Erlöser", das ist von alters her dein Name. Warum lässt du uns, Herr, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind! Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten. Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde. Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten - und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! - und das man von alters her nicht vernommen hat. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren.


Drei Gedanken dazu:


1. Der Hundebiss

Das Gebet des Volkes Israel beginnt, trotz Anklagerufe, mit Loben und Danken. Sie erkennen: Es ist der lebendige Gott, der uns auf den Fersen ist. Sie spüren sozusagen den heißen Atem seiner Liebe im Nacken! Sie waren ihm, wieder einmal, davongelaufen! Aber Gott hat sein Volk mit harter Hand auf dem Weg ins Verderben gestoppt! Es gibt eben viele Situationen, bei denen Gott uns die Schwierigkeiten nicht wegräumt, sondern oft Hindernisse aufbaut, damit wir mal stehen bleiben.

Gerne reden wir ja von den Führungen des Guten Hirten. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass jeder Schäfer einen scharfen Hund dabeihat, damit die dummen Schafe nicht von der guten Weide weglaufen. Schon manchem Schaf hat der Biss des Hundes das Leben gerettet.

Israel war damals wie ein gebissenes Schaf. Und in den Stunden, in denen uns Gott alles aus der Hand schlägt, fühlen wir uns oft verzweifelt und verlassen, weil wir den Herrn nicht sehen können. Dann geht es uns wie dem Propheten, der es Gott ins Gesicht schreit: "Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab!" Und wie geht es uns in diesen adventlichen Tagen? Wie oft in diesen Tagen wird die Hektik beklagt: Geschenke suchen; was werden wir essen an den Feiertagen? Wo feiern die pflegebedürftigen Eltern? Vor Weihnachten sollte noch das Zimmer gestrichen werden, im Beruf geht es drunter und drüber, weil alles noch vor dem Fest fertig sein muss! Und dergleichen mehr!

Wie kann die Hand Gottes bei uns aussehen? Das kann eine Krankheit sein, die einen daran erinnert, Gott noch stärker zu vertrauen und ihn gerade im Leiden zu erleben. Familien schrecken Todesfälle auf, man trifft sich nur noch auf dem Friedhof … In Volk und Gesellschaft können es Katastrophen sein, die ins Nachdenken bringen: Überschwemmungen, abrutschende Hänge voller Schlamm, aber auch Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertrinken, weil sie auf unzureichenden Booten unterwegs sind.

Die größte Katastrophe bei uns aber ist der moralische Werteverfall und eine galoppierend fortschreitende Gottlosigkeit unter den Menschen.

Der Biss des Hundes tut weh! Aber er kann in der Begegnung mit dem leben digen Gott zur ewigen Freude werden.Wer sich wie ein Kind vertrauensvoll in die Hand des Vaters legen kann, wird die Freude erleben, die Jesus im Leben auslöst.
Er kommt, es ist Advent.


2. Die Religionen

Wer offene Ohren hat, der hört den Schrei aus vielen Religionen zum Himmel aufsteigen: "Gott, zeig dich doch! Zerreiß den Himmel und komm herab und mach dich sichtbar!" Aber Gott ist - und er bleibt - ein unsichtbarer, verborgener Gott. Die Athener haben damals dem "unbekannten Gott" einen Altar gebaut, sozusagen mal für alle Fälle (Apostelgeschichte 17,23)!

Aber weil wir Menschen nicht von diesem Gott loskommen, haben wir uns aufgemacht, ihn zu suchen! Hände strecken sich aus nach dem verborgenen Gott - in die Nebelwand hinein! Das sind die Religionen der Völker, die traditionellen und die modernen, allen gemeinsam ist diese Sehnsucht, bei Gott zur Ruhe zu kommen und ihm angemessen zu dienen. In allen Hautfarben recken sich die Hände nach Gott. Jeder Kontinent kennt seine eigenen artgerechten Religionen, und alle basteln an ihren Göttern, die dadurch zu Feinden des lebendigen Gottes werden: "… dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten …" (64,1).

Aber all diese Versuche, Gott zu finden, greifen ins Leere. Die Menschen gleichen Kindern, die wissen: Auf dem hohen Schlafzimmerschrank befinden sich die Überraschungen für Weihnachten. Sie recken ihre Hände in die Höhe, aber sie kommen nicht ran. Das liegt nicht an Gott! Das liegt an uns. Wir sind zu weit weg von ihm! Millionen von Herzen schreien, wie es hier steht: "Gott, wo bist du? Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Schau doch herab aus deiner Höhe! Warum lässt du uns denn so weit abirren vom rechten Weg? Warum lässt du es zu, dass unsere Herzen so hart werden gegen dich? Warum lässt du uns denn in solche Katastrophen stürzen? Warum lassen sich denn so viele in unserer Gemeinde von deinem Wort nicht ansprechen? Warum verfallen wir alle Jahre wieder in diesen elenden Vorweihnachts-Geschenkeschlacht-Plätzchenback-Verwandtschaftszufriedenstellungs-Stress? HERR, wir sind geworden wie solche, über denen nie dein Name ausgesprochen wurde! Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab …" (vgl. 63,15.17.19).

Ich wünsche uns, mich eingeschlossen, dass wir wieder neu spüren lernen, dass die Botschaft der Bibel an dieser Stelle nicht zu Ende ist.

Denn Gott offenbart sich als Vater. Als echter Vater, als liebender Vater, nicht mit den Fehlern von uns irdischen Vätern. Das gibt es in keiner anderen Religion, wo man rufen kann: "Du bist unser Vater!".

In allen Religionen müssen die Menschen selbst für ihre Erlösung sorgen. Nur die Bibel zeigt, dass man zu Gott rufen kann: "Du bist unser Erlöser." In Jesus löst er uns die Fesseln von Sünde und Tod. Wir haben einen lebendigen Heiland, der von den Toten auferstanden ist. Aber wie kommt der zu uns?

Noch ein Drittes:


3. Kinderüberraschung

Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, der Herr des unendlichen Kosmos und der Herr über das Leben und den Tod, der Ewige, er hat das Schreien der Menschen gehört! Er hat den Himmel zerrissen! Er ist herabgekommen und schenkt uns - eine Kinderüberraschung in Jesus Christus, seinem Sohn! Er wird geboren im Stall von Bethlehem.

Es gibt noch Familien, die in gemeinsamer Vorfreude Kinder oder Enkelkinder erwarten, die eine echte Kinder-Überraschung wünschen. Man will es absichtlich nicht wissen, ob es Junge wird oder Mädchen. Aber eins weiß man genau: Es wird ein kleines, ganz zuckersüßes Kind sein, wie alle Eltern und Großeltern das erleben.

Problem: Kinder bleiben nicht klein und zuckersüß, sondern werden groß und manche sind dann zumindest zeitweise gar nicht mehr so süß. Und genau das, liebe Leute, war bei Gottes Sohn anders. Er blieb die Liebe, er blieb die Freundlichkeit, er blieb ohne Sünde, und so wurde er "unser Erlöser, das ist von alters her sein Name"! Jesus Christus, wir können ihm vertrauen!

Jesaja hat noch ein paar schöne und starke Bilder für uns: Wenn Gott in diesem Kind in die Krippe herabfährt, dann ist das "wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht". Kannst du dir vorstellen, wenn du nachher das Knödelwasser aufsetzt, dass der Herd es nicht zum Kochen bringt? Da muss schon das Feuer ausgehen oder der Strom ausfallen! Aber der Strom der Güte Gottes fließt noch, solange diese Erde steht. Und das Feuer seiner Liebe ist noch nicht erloschen.

Darf ich einmal so direkt und salopp sagen: Da brennt uns Menschen sozusagen das göttliche Feuer unterm Hintern, und es erwärmt uns nicht? Ihr Lieben, das kann's ja wohl nicht sein!

Das ist doch die gute Nachricht des kommenden Festes: Jesus ist die Antwort auf alles Sehnen und Hoffen der Menschen. Aus dem Nebel der Verborgenheit Gottes taucht Jesus auf. Wir brauchen uns nicht auf den Weg zu ihm zu machen! Er ist schon längst da! Und das wird die entscheidende Wende in unserem Leben sein, dass wir uns zu Jesus, dem Sohn Gottes, umdrehen!

"Erlöser ist sein Name von alters her!" Und: "Sanftmütigkeit ist sein Gefährt, sein Königskron ist Heiligkeit, sein Zepter ist Barmherzigkeit, all unsre Not zum End er bringt… Er ist die rechte Freudensonn, bringt mit sich lauter Freud und Wonn … So kommt der König auch zu euch, ja, Heil und Leben mit zugleich!" (Georg Weißel [1623] 1642 - EG 1,2.3).

AMEN.

Die Kirchengemeinde Eysölden wünscht eine gesegnete Adventszeit!