Predigttext und Predigt zum 2. Weihnachtsfeiertag - 26. Dezember 2017.

Den Gottesdienst hielt Pfarrer Thomas Lorenz.

Das Wochenlied: EG 44;

Titel: O du fröhliche

Der Predigttext ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus:
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984,
durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung.
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart.
Alle Rechte vorbehalten.
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Predigttext: 1.Johannes 3,1-6

Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen - und wir sind es auch! Darum kennt uns die Welt nicht; denn sie kennt ihn nicht.
Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden.
Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.
Und ein jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich, wie auch jener rein ist.
Wer Sünde tut, der tut auch Unrecht, und die Sünde ist das Unrecht. Und ihr wisst, dass er erschienen ist, damit er die Sünden wegnehme, und in ihm ist keine Sünde. Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht; wer sündigt, der hat ihn nicht gesehen und nicht erkannt.

Es gilt das gesprochene Wort!


Liebe Gemeinde!

"Seht!" Mit diesem Wort beginnt unser heutiger Predigttext aus dem ersten Brief des Apostels Johannes. "Sehen" kann man doch nicht befehlen, oder? Entweder man hat die Augen geöffnet, dann sieht man; oder man hat die Augen geschlossen, dann sieht man nicht. Das gilt doch für alle Menschen mit gesunden Augen. Nur wenn jemand blind ist oder sonst irgendwie augenkrank, dann sieht er nichts, oder?

Aber ganz so einfach ist es doch nicht! Man kann nämlich sehr wohl mit gesunden offenen Augen durch die Welt laufen und trotzdem nicht sehen. Man nimmt vielleicht etwas wahr von dem, was um einen ist, aber auf bestimmte Einzelheiten muss man schon genauer schauen, um sie nicht zu übersehen.

Wie viele Kinder mögen wohl gestern Abend an der Hand von Mutter oder Vater ins Weihnachtszimmer gegangen sein, unter den von Lichtern strahlenden Christbaum, vor die Berge von Geschenken. Da gab es was zu sehen. Und die Kinder konnten auch gar nicht genug sehen.

Wenn der Apostel Johannes uns zum Sehen auffordert, dann hat das durchaus seinen Grund. Es ist, wie wenn er uns an der Hand nehmen würde und uns hinführen wollte zum Geheimnis des Christfestes. Damit wir nicht nur das "Äußere" sehen, den Baum, die Geschenke, die Lichter, sondern gewissermaßen "dahinter" das Eigentliche.

"Seht! " Das heißt aber auch. "Jetzt seht einmal weg von dem, was euch zu schaffen macht, was euch bedrückt und bedrängt. Seht weg von euren Enttäuschungen und von dem, was ihr vielleicht an Lasten, Leiden und Schmerzen in diese Festtage mitgebracht habt. Seht hin zu der Krippe und zu dem Kind, das darin liegt. Dort begegnet ihr dem Wunder der Weihnacht, dem Geschenk, das Gott uns allen zugedacht hat. Seht! Dort erkennt ihr die Liebe Gottes zu uns Menschen! Denn Jesus, Gottes Sohn, das Kind in der Krippe, ist Gottes Liebe in Person.

Wenn wir in diesem Zusammenhang das Wort "Liebe" hören und dieses Wort allein mit unseren menschlichen Erfahrungen füllen, dann denken wir viel zu klein. Denn wir sind dem noch lange nicht auf der Spur, was die Bibel meint, wenn sie von Gottes Liebe spricht. Liebe - das ist Gottes bedingungslose Zuwendung zu uns Menschen.

So weit geht diese Liebe, dass Gott selber unser menschliches Wesen auf sich nimmt und in Jesus Christus ganz der Unsere wird. An diesem Jesus, an seinem Weg können wir ablesen, was Gottes Liebe ist: Sie denkt nicht an sich selber, sie sucht nichts für sich, sie pocht nicht auf ihr eigenes Recht. Nein, sie ist ganz für uns Menschen da, denn sie kann loslassen, sich opfern, sich verschenken und verströmen - uns zugute.

All unsere menschlichen Begriffe sind nicht mehr als tastende, oft klägliche Versuche, dem, was Gottes Liebe ist, ein ganz klein wenig näher zu kommen. Und so sagt ja auch bezeichnenderweise der Apostel Johannes nicht: "Versteht doch! Begreift doch!" Nein, er sagt: "Seht!" Man muss einfach hingehen und hinsehen, wenn man das Wunder der Weihnacht, und das heißt: das Wunder der Liebe Gottes, erkennen und in sich aufnehmen will. Unser Verstand kann nicht ergründen und beschreiben, was Liebe ist, zwischen zwei Menschen nicht und von Gott her erst recht nicht.

Der Liederdichter Christian Fürchtegott Gellert (1715-1769) lebte in der Zeit der sog. "Aufklärung". Es war eine Zeit, die der unseren gar nicht so unähnlich war und die Vernunft zum Maß aller Dinge machte. Gellert aber hat sich inmitten dieser Zeit und entgegen dem damaligen Trend das kindliche Staunen über die Wunder Gottes bewahrt und in seinem Weihnachtslied gedichtet: "Wenn ich dies Wunder fassen will, / so steht mein Geist vor Ehrfurcht still; / er betet an und er ermisst, / dass Gottes Lieb unendlich ist."

In der Geburt Jesu hat Gott unübersehbar und unüberhörbar uns Menschen deutlich gemacht: Ich habe euch nicht vergessen. Ich komme zu euch. Ich will mit euch gehen, euch vorangehen, über Höhen und durch Tiefen, an Tagen, die ihr fröhlich und entspannt erlebt, und in Zeiten, wo ihr euch einsam fühlt und euch das Leben viel Kummer bereitet. Ich lasse euch nicht allein!

"Seht, welch eine Liebe!" Wir sind nicht einem blinden Schicksal ausgeliefert. Wir werden nicht wie ein Blatt vom Wind dahin und dorthin geweht. Wir sind von Gott geliebt. Und wer geliebt ist, der ist eine Person. Denn Sachen, Dinge und Überzeugungen kann man achten und schätzen. Personen aber liebt man. Und wer geliebt ist, hat einen Wert.

Das, liebe Gemeinde, ist die Botschaft des Christfestes: "Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen"

Im Normalfall weiß ein Kind, wohin es gehört. Wenn die Familienverhältnisse stimmen, dann hat es eine Heimat, hat es Eltern, die für das Kind sorgen und die sich um seinen Weg und um seine Zukunft Gedanken machen.

Wir wissen, dass es heute auch ganz andere Verhältnisse gibt; Familien, die nicht mehr beisammen sind, wobei die Kinder dann meistes die Haupt-Leidtragenden sind. Auch das gibt es: hungernde, flüchtende Kinder, Kinder ohne Heimat, ohne Schutz, ohne Geborgenheit.

Wenn Jesus uns zu Kindern Gottes machen will, dann bricht hier Gott mitten hinein in unsere menschliche Einsamkeit. Wir sind in Gottes Augen keine "Nobodys", keine "Niemande", die nichts gelten und auf die man nur achtet, solange sie Leistung bringen. Gottes Kind werden dürfen, das bedeutet: Wir Menschen sind wertgeachtet vor Gott. Wir, die wir uns heute oft nur als nichtige Nummern vorkommen im Räderwerk unserer automatisierten Welt. Wir, die wir beliebig und auswechselbar erscheinen, wenn es um das Wegrationalisieren von Arbeitsplätzen geht. Wie viel an Würde des Menschen bleibt heute auf der Strecke! Es sind ja nicht nur wirtschaftliche und soziale Probleme, die uns bedrängen. Es sind zutiefst menschliche Existenzfragen, Fragen, die das Selbstwertgefühl von Menschen berühren.

Und nun diese Botschaft: Wir sind Gott etwas wert. Nicht nur etwas! Wir sind Gott sein Bestes wert: seinen Sohn Jesus Christus. Ihn hat er Mensch werden lassen. Gott hat uns damit eine Würde verliehen, die keine Entlassung und keine Zurückstufung antasten kann. Denn seit Jesus kam, liegt die Würde eines Menschen nicht in dem, was er leistet, sondern darin, dass Gott ihn liebt. Gottes Liebe schenkt uns eine eigene Würde.

Und wie werden wir Gottes Kinder? Unsere Taufe allein macht uns nicht "automatisch" zu Gotteskindern. Da gehört noch etwas dazu: "Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden" (Markus 16,16). Kinder Gottes werden wir, indem wir dem Kind in der Krippe unser Leben geben, indem wir Jesus Christus vertrauen, uns selber mit allem, was zu uns gehört, anvertrauen.

Gottes Liebe zielt ja auch auf Veränderung. Begegnungen bewirken Veränderungen. Man merkt es jungen Menschen an, wenn sie verliebt sind. Da bleiben sie nicht, wie sie bisher waren. Da ändert sich manches in ihrem Leben, vom äußeren Erscheinungsbild bis zum Verhalten und zu den Lebensgewohnheiten. Was tut man nicht alles, um sich der Liebe, die man erfährt oder die man erhofft, würdig zu erweisen und sie zu erwidern!

Begegnungen bewirken Veränderungen. Was im zwischenmenschlichen Bereich schon gilt, gilt nun erst recht für die Begegnung mit dem Kind in der Krippe. Wer ihm und seiner Liebe begegnet, wem aufgeht, was es bedeutet, zu Gott gehören und in seiner Nähe leben zu dürfen, der wird nicht bleiben wollen und bleiben können, wie er oder sie immer waren. Nein, das Leben wird sich ändern. Denn es folgt nun neuen Impulsen und baut auf andere Werte.

Wer zu Gottes Familie gehört, wird sich bemühen, Gottes Wort ernstzunehmen, auf seine Gebote zu achten, seine Liebe nicht nur für sich selbst zu behalten, sondern sie an andere weiterzugeben. In seinem Leben und Verhalten wird etwas von dem zu spüren sein, was Jesus an neuer Gesinnung in diese Welt gebracht hat. Dass man auf Versöhnung setzt statt auf Entzweiung. Dass man Grenzen überschreitet, die von Vorurteilen gezogen sind. Dass wir in diesen weihnachtlichen Tagen unsere Herzen und Hände öffnen für Menschen in Not, Menschen ohne Heimat, für Menschen ohne Hoffnung.

Begegnungen wirken Verwandlungen. Als Gottes Kinder leben, das bedeutet auch, dass ich Gott nicht mehr kränken und verletzen will. Das, was Gott zutiefst verletzt, ist unsere Sünde, unsere Abwendung von ihm. Wer Gott liebt wird wünschen, dass alle Bereiche seine Lebens Gott zugewandt sind. Er wird daran arbeiten, dass alle Wünsche und Pläne seines eigenen Herzens mit Gottes Plänen übereinstimmen.

Heute an Weihnachten soll der Mensch begreifen, was Gott für ihn getan hat, was er an ihm jetzt tun will und wie er in Zukunft in seinem Leben der Herr sein möchte. Weihnachtsfreude wird zur wahren Freude, wenn wir Gottes Liebe erkennen, die uns zu Gottes Kindern macht.

AMEN.

Die Kirchengemeinde Eysölden wünscht eine gesegnete weihnachtliche Freudenzeit!