Predigttext und Predigt zum 2. Sonntag nach Epiphanias - 14. Januar 2018.

Den Gottesdienst hielt Pfarrer Thomas Lorenz.

Das Wochenlied: EG 398;

Titel: In dir ist Freude

Der Predigttext ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus:
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984,
durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung.
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart.
Alle Rechte vorbehalten.
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der Genehmigung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.


Predigttext: 1.Korinther 2,1-10

Auch ich, liebe Brüder, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen. Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten.
Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.
Wovon wir aber reden, das ist dennoch Weisheit bei den Vollkommenen; nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen.
Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt.
Sondern es ist gekommen, wie geschrieben steht (Jesaja 64,3):
"Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben."
Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit.

Es gilt das gesprochene Wort!


Liebe Gemeinde!


( Die Situation des Apostels Paulus )

"Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig"
(2. Korinther 12,9b). Diese Zusage hat den Apostel getröstet. Ein Versprechen, von dem Paulus weiß, Jesus Christus hat es ihm aufs Herz gelegt. Seine Kraft, die Macht Gottes, ist mächtig in meinem Leben. Seine Gnade. Paulus fühlte sich nämlich gar nicht stark.

Die Situation ist schnell erzählt.

Der große Völkerapostel fühlte sich schwach und haderte mit seinem Schicksal. Er litt sehr unter den Anfechtungen, denen er sich ausgesetzt sah - "Pfahl im Fleisch" nannte er sie selbst. "Jetzt setze ich mein Leben schon für dich ein und für das Evangelium, und warum musst du es mir so schwer machen, warum lässt du zu, dass der Teufel sich ins Fäustchen lacht?"

Dazu kam, dass Paulus wohl nicht der eloquenteste Prediger war, nicht unbedingt ein Musterbeispiel für vollendete Redekunst. Keiner, der die Massen mitriss und das Volk unterhielt und auch nicht die neuesten Philosophien brachte, sondern immer bei seiner Botschaft blieb. "Lass dir an meiner Gnade genügen, meine Kraft ist in den Schwachen mächtig"

Und genau mit diesem Vorwurf: "Du, Paulus, kannst ja nicht einmal aufregend predigen", setzt unser Abschnitt ein. Paulus nimmt diese Kritik auf und erklärt, was ihn in seinem Leben trägt. Der gelehrte und gebildete Rabbi sieht in dieser verrückten Verkehrung der Dinge eine ganz besondere Weisheit verborgen. Gottes Kraft in menschlicher Schwäche.

Der Heiland - ein Kind in der Krippe.

Der Mann von Nazareth - Gottes Sohn.

Der Gekreuzigte - der Erlöser.

Eine besondere Weisheit!


( Zwei Weisheiten )

Paulus schreibt den Korinthern von zwei Weisheiten, denen er in seinem Leben begegnet ist und die sein Leben geprägt haben.

Zum einen ist es die Weisheit, mit der wir mehr oder weniger vertraut umgehen, die menschliche Weisheit. Es ist die Weisheit, mit der man sich in der Welt zurechtfindet und seinen Weg geht inmitten der beruflichen und persönlichen Anforderungen. Es ist die Weisheit, die im Politischen zwischen Lüge und Wahrheit zu unterscheiden versucht und sich gegen Fake News zur Wehr setzt. Nur zwei Buchstaben unterscheiden ja "Fake News", vorgetäuschte Nachrichten oder Falschmeldungen, von "Fact News", Tatsachennachrichten. Das mag ein Hinweis darauf sein, dass man tatsächlich genau hinschauen und hinhören muss …

Und zweitens ist da die besondere Weisheit, die Weisheit Gottes, die Paulus später erst erkannt hat. Von ihr sagt er, dass sie im Verborgenen blüht und erst einmal gar nicht erkennbar ist. Von ihr hört man viel seltener. Wenn sie spricht, dann bevorzugt sie die leiseren Töne. Die erste Weisheit, die menschliche, hält sie bisweilen für unbedarft und naiv.


( Weltliche Weisheit )

Und jetzt kommen wir zu uns. Mit welchen Weisheiten leben wir? Ich denke an die Menschenweisheit: "Der Jugend gehört die Zukunft." Das ist ein hoffnungsvoller Satz, der an die Zukunft glaubt und auf die Zukunft hinlebt. Er traut der Jugend zu, neue Wege zu gehen und nicht wieder die alten Fehler zu machen, die Welt zu gestalten und Lösungsmöglichkeiten für die Herausforderungen zu finden.

Oder denken wir an das Sprichwort: "Den Tüchtigen gehört die Welt." Es ist höchst sinnvoll, sich anzustrengen, es ist wichtig, wenn Kinder etwas lernen, und es ist schön, zu sehen, welche Fortschritte sie machen. Wer Fähigkeiten hat, soll und kann sie einsetzen, so höre ich das Sprichwort. Die Mühe lohnt sich.

Und den Spruch kennen ihr auch: "Aus Schaden wird man klug." Man lernt aus seinen Fehlern. Einmal war man zu gutgläubig, das nächste Mal ist man bestimmt vorsichtiger. Schließlich will man sich ja nicht länger ausnutzen lassen, nur weil man wieder nachgegeben hat.

"Der Jugend gehört die Zukunft", "den Tüchtigen gehört die Welt", "aus Schaden wird man klug", so spricht die Lebensweisheit. Und sie hat ja auch recht, die Lebensregeln haben sich bewährt und für gewöhnlich können wir damit auch gut leben. Für gewöhnlich.

Leben kann man mit diesen Weisheiten so lange, wie man dazugehört. Zur Jugend, der die Zukunft gehört, zu den Tüchtigen, denen die Welt gehört, zu den Lebensklugen, die aus Fehlern lernen. Aber solche Weisheiten der Welt, solche Allerwelts-Weisheiten haben immer auch Schattenseiten und Grenzen:

Wenn die Zukunft für die Jugend reserviert ist, dann werden die Älteren Stück für Stück abserviert.

Wenn die Tüchtigen, die Macher, die Welt besitzen, wo bleiben dann diejenigen, die gerade nicht gefragt sind mit ihren Fähigkeiten, erst recht die, die nicht mitkommen?

Und es mag ja auch sein, dass mancher aus Schaden klug wird. Viele aber werden aus Schaden bitter, misstrauisch sich und anderen gegenüber. Nein, sie lügt nicht, die Menschenweisheit, aber es ist eine unbarmherzige Weisheit. Die Weisheit der Welt fordert einen hohen Preis. Sie taugt so lange, wie ich dabei bin. Sie trägt so weit, wie die eigene Kraft reicht. Und diese Kraft reicht nicht ewig. Die eigene Kraft verbraucht sich.

"Ich bin mit meiner Weisheit am Ende", so klingt der Stoßseufzer von Eltern, die alles versucht haben und dennoch ihrem Kind nicht helfen konnten in einer schwierigen Situation.

Ich bin mit meiner Weisheit am Ende, wenn ich mich mit einem Menschen versöhnen möchte, er aber alle Brücken, die ich zu bauen versuche, wieder abbricht.

Was ist, wenn die Arbeitsagentur der 22-jährigen Frau, Mittelschulabschluss, trotz Vollbeschäftigung wieder und wieder bedeutet: Mit unserer Weisheit sind wir am Ende. Für jemanden, der langsam ist und nur eingeschränkt arbeiten kann, haben wir keine Verwendung.

Was ist, wenn ein Arzt dir sagt: "Ich bin mit meiner Weisheit am Ende, ich kann Ihnen nicht mehr helfen"?

Wir kommen vielleicht nicht oft, aber wir kommen dann und wann ans Ende unserer menschlichen Weisheit. Und was trägt dann? Was trägt durch eine solche Situation hindurch? Was trägt weiter, wenn wir nicht weiterwissen, wenn unsere Kraft nicht mehr reicht?


( Gottes Weisheit … )

Paulus spricht von der Weisheit Gottes, die ihn in seiner Krise getragen hat. Sie verzichtet auf Parolen und auf lebenskluge Ratschläge. Eher kommt sie in kleinen Wörtern unter, die sich zwischen die Lebenserfahrungen schieben. Sie sagt "obwohl" oder "dennoch", wenn nach menschlichem Maß Leben scheitert. Wenn nichts mehr zu machen ist, dann klagt und bittet sie.

Diese Weisheit hat ein anderes Gesicht als die menschliche Weisheit. Es ist nicht das Gesicht eines Erfolgreichen, und makellos ist es auch nicht. In diesem Gesicht spiegeln sich die Sorgen, die Ängste und die Verletzlichkeiten von Menschen, die an die Grenzen ihrer Möglichkeiten gelangt sind.

Dieses Gesicht wendet sich nicht von mir ab, wenn ich am Boden bin, es hält meine Schwäche aus. Es ist das Gesicht eines Menschen, der bei denen bleibt, die sich nichts mehr ausrechnen und die keinen Mut und Mumm mehr haben. Es ist das Gesicht eines Menschen, dessen kurzes Leben gewaltsam abgebrochen wurde. Die Weisheit Gottes leuchtet auf im Antlitz des Jesus von Nazareth. In der Weisheit Gottes blickt er uns an, sieht uns in unseren Schwächen, in unserer Schuld.


( … in Jesus )

In Jesus, dem Gekreuzigten, erfahren wir Gott und seine Nähe. Leiden und Schwäche ist Gott nicht fern, weil er selbst in seinem Sohn Jesus am Kreuz schwach geworden ist, weil er selbst ganz unten war und es ausgehalten hat. Und dann auferstanden ist.

Zur Botschaft vom Kreuz gehört die Botschaft von der Auferstehung: Das Leiden ist nicht das Ende. Im Kreuz Jesu liegt so viel Trost für Menschen, die leiden. Oder auch traurig sind, weil sie einen lieben Menschen begraben mussten. Weil Gott die Realitäten, die menschliche Weisheit auf den Kopf stellt. Menschlich gesehen war am Kreuz alles aus. Doch dann kam die Auferstehung.

Menschlich gesehen ist mit dem Tod alles aus. Christlich gesehen beginnt ein Leben in Gottes neuer Welt.

Menschlich gedacht ist das Kreuz unvernünftig - in Gottes Plänen und nach seiner Weisheit liegt darin bzw. hängt daran das Heil für die Welt.

Das wollen wir mitnehmen: Durch Jesus, den Gekreuzigten, können wir Gott erfahren. Wir sind in unserer Schwäche nicht allein. Unser Schmerz ist umfangen von der Hoffnung, die von seiner Auferstehung ausgeht.

Ist das denn möglich?

Ja, denn die Weisheit Gottes ist höher als alle menschliche Vernunft.

Das wollen wir mitnehmen: Wir dürfen mit unseren Schwächen leben. Niemand sitzt heute Morgen hier, der glatt durchs Leben gekommen ist. Niederlagen und Brüche gehören zu unserem Leben. Jesus kennt das selbst. Er war ganz Mensch mit allen menschlichen Tiefen bis zu seinem Tod am Kreuz.

Das wollen wir mitnehmen und können es nicht oft genug hören und sagen: Die Würde eines Menschen hängt nicht an seinem Erfolg, an seiner Leistungsfähigkeit oder an seinem Bankkonto. Keine menschliche Weisheit der Welt kann uns unsere Würde nehmen. Unsere Würde ist nicht abhängig von der Gunst anderer Menschen. Weil er bleibt, wenn alle gehen, weil er uns ansieht, wo alle wegschauen, sind wir stark, auch wenn wir schwach sind. "Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid: ich will euch erquicken."

Ist das denn möglich?

Ja, das ist möglich, denn die Weisheit Gottes ist höher als alle menschliche Vernunft.


( Paulus und wir )

Kommen wir noch einmal auf den Prediger Paulus zurück. Was seine Botschaft ausmacht, gilt auch für seine Verkündigung. Gemessen am Maßstab menschlicher Weisheit ist das Wort vom Kreuz unvernünftig. Gemessen an menschlicher Redekunst und medialer Kommunikationstechnik muss das Auftreten des Paulus schwach gewesen sein. Aber es hat gewirkt. Noch heute hören wir auf seine Worte. Gott hat nicht den glänzenden Starprediger geholt, sondern mit seinem theologisch zwar versierten, aber sprachlich unbeholfenen und menschlich ängstlichen Apostel Missionsgeschichte geschrieben. Überlege doch einmal, wer dich auf den Weg des Glaubens geführt hat.

War es die Predigt eines Strahlemanns, der ein rhetorisches Feuerwerk gezündet hat? Ich vermute, es war das Zeugnis eines Menschen, der Jesus in seinem Herzen hatte, das Zeugnis eines ganz normalen Menschen, der mit dir damals am Bett aus der Kinderbibel vorgelesen, das Gute-Nacht-Gebet gesprochen hat, die Mutter oder der Vater, die Oma oder der Opa. Vielleicht war es ein Kindergottesdienst-Mitarbeiter, der mit großen Mühen dafür sorgte, dass das Evangelium leuchtete, der für dich ein glaubwürdiges Lebenszeugnis war. Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Ist das denn möglich?

Ja, das ist möglich, denn die Weisheit Gottes ist höher als alle menschliche Vernunft. Sie allein kann unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren.

AMEN

Die Kirchengemeinde Eysölden wünscht eine gesegnete Woche!