Predigttext und Predigt zum Sonntag vor der Passionszeit: Estomihi - 11. März 2018.

Den Gottesdienst hielt Pfarrer Thomas Lorenz.

Das Wochenlied: EG 396;

Titel: Jesu, meine Freude

Der Predigttext ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus:
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984,
durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung.
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart.
Alle Rechte vorbehalten.
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Predigttext: Philipper 1,15-21

Ich lasse euch aber wissen, liebe Brüder: Wie es um mich steht, das ist nur mehr zur Förderung des Evangeliums geraten. Denn dass ich meine Fesseln für Christus trage, das ist im ganzen Prätorium und bei allen andern offenbar geworden, und die meisten Brüder in dem Herrn haben durch meine Gefangenschaft Zuversicht gewonnen und sind um so kühner geworden, das Wort zu reden ohne Scheu.
Einige zwar predigen Christus aus Neid und Streitsucht, einige aber auch in guter Absicht: diese aus Liebe, denn sie wissen, dass ich zur Verteidigung des Evangeliums hier liege; jene aber verkündigen Christus aus Eigennutz und nicht lauter, denn sie möchten mir Trübsal bereiten in meiner Gefangenschaft.
Was tut's aber?
Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darüber.
Aber ich werde mich auch weiterhin freuen;
denn ich weiß, dass mir dies zum Heil ausgehen wird durch euer Gebet und durch den Beistand des Geistes Jesu Christi, wie ich sehnlich warte und hoffe, dass ich in keinem Stück zuschanden werde, sondern dass frei und offen, wie allezeit so auch jetzt, Christus verherrlicht werde an meinem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod.
Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.


Es gilt das gesprochene Wort!



Hast du schon einmal einen Brief aus dem Gefängnis bekommen? Solche Briefe sind oft Bittbriefe. Sie enthalten oft Beschwerden, Klagen und Unschuldsbeteuerungen.

Es gibt aber auch ganz andere Briefe (Brief Bonhoeffers an seine Braut Maria, Brautbriefe 64):

"Liebste Maria! Wir wollen doch bei allem täglichen Hoffen und Bitten um ein baldiges Wiedersehen und Zusammensein keinen Tag vergessen, Gott für das unendlich Viele zu danken, das er uns gegeben hat und noch täglich gibt. Dann werden alle unsere Gedanken und Pläne klarer und ruhiger werden und wir werden unser persönliches Schicksal leicht und willig auf uns nehmen."


Auch der Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Philippi, den er im Gefängnis schreibt (Rom?), ist ein solcher ganz anderer Brief. Er ist erstaunlicherweise von einer tiefen Freude geprägt.

Nicht um das persönliche Befinden des Paulus geht es zuerst, sondern um die Frage, wie das Evangelium vorankommt und zum Ziel kommt.


(1) Das Evangelium kommt voran, weil Christus verkündigt wird

Seine Gefangenschaft hat zum Fortschritt des Evangeliums beigetragen - schreibt Paulus an die Philipper. Die Christen (in Rom) sind dadurch ermutigt worden, das Evangelium frei und öffentlich zu verkündigen. Allerdings - nicht alle predigen das Wort Gottes aus lauteren Motiven und in Freundschaft zum Apostel Paulus. Das ist nur bei einigen der Fall, die sich in Liebe mit ihm verbunden wissen. Bei den anderen geht es wohl um ein Konkurrenzverhältnis zum Apostel Paulus.

Vielleicht bestreiten sie, dass Paulus sich als Zeuge Jesu im Gefängnis befindet. "Wer weiß, warum er einsitzt, irgendetwas muss er doch wohl verbrochen haben." So oder ähnlich reden sie über Paulus. Vielleicht sind sie auch der Meinung, dass Gefängnis und Leiden zur Vollmacht eines wahren Apostels nicht passen. Müsste Gott einem richtigen Apostel nicht helfen und ihn vor solchen Dingen bewahren? Sie wollen nicht begreifen, dass Paulus in Krankheit, Leiden und Gefangenschaft das Kreuz seines Herrn Jesus Christus trägt.

Wenn man so schlechtgemacht wird, dann schmerzt das - auch einen Apostel.

Doch Gott schenkt Paulus die Kraft, über diesen Dingen zu stehen: "Was soll's? Hauptsache, dass Christus verkündigt wird, selbst wenn es aus zweifelhaften Motiven geschieht. Ich freue mich, dass Menschen Jesus bekannt gemacht wird." - So sieht es Paulus. Gott kann auch auf krummen Linien gerade schreiben.

Auch in unseren Gemeinden und zwischen den Konfessionen und Kirchen gibt es viel kleinliche Rivalität. Müssten wir nicht angesichts der Herausforderung durch den Unglauben in unserem Land ganz anders zusammenstehen, damit das Evangelium vorankommt?

"Was soll's, Hauptsache, Christus wird verkündigt" - schreibt Paulus in großer Souveränität.

Bei Martin Luther entdecke ich etwas von dieser gelassenen Souveränität.

Er schreibt einmal: "Während ich hier zusammen mit meinen Freunden mein gut wittenbergisch Bier trinke, geht das Evangelium wie ein Platzregen über die Erde." Hauptsache, Gott ist am Wirken durch sein Wort.


(2) Paulus ist überzeugt, dass auch sein persönliches Schicksal dem Fortschritt des Evangeliums dient

"Ich weiß, dass mir dies alles zum Heil ausgehen wird und dass ich nicht zuschanden werde", schreibt Paulus. Nicht zuschanden werden, das meint: Den Glauben bewahren und in Gottes Gericht Gnade und Annahme erfahren.

Ein erstaunliches Vertrauen ist das mitten in der Situation der Gefangenschaft. Ich denke, dieses Vertrauen erwächst aus der Hilfe, die Paulus erfährt.

"Ich weiß, dass mir dies zum Heil ausgehen wird durch euer Gebet"
- schreibt er den Philippern.

Da ist also zunächst die Fürbitte der Gemeinde. Fürbitte trägt.

Das Gebet ist eine Macht, die die Not wenden kann. Ein Freund hat es mir nach einer durchgestandenen lebensbedrohlichen Krise gesagt: "Ich habe gespürt, dass für mich gebetet wurde." Die Fürbitte anderer Christen hilft uns in Zeiten des Leids und der Traurigkeit.

Eine weitere Hilfe ist der Beistand des Heiligen Geistes. "Ich weiß, dass mir dies zum Heil ausgehen wird durch den Beistand des Geistes Jesu Christi." Der Heilige Geist schenkt Paulus die rechten Worte, wenn er seinen Glauben vor den Richtern verantworten muss. So wie es Jesus selber versprochen hat: "Und wenn sie euch hinführen und überantworten werden um meinetwillen, so sorgt euch nicht vorher, was ihr reden sollt; sondern was euch in jener Stunde gegeben wird, das redet. Denn ihr seid's nicht, die da reden, sondern der Heilige Geist" (Markus 13,11).

Dazu kommt das andere: Der Heilige Geist bewahrt Paulus im Glauben und in der Zuversicht.

Durch den Heiligen Geist ist Jesus uns nahe. Er lässt uns spüren, dass Jesus lebt und dass wir geborgen sind im Glauben an ihn. Wir erfahren: In den Belastungen und Nöten unseres Alltags sind wir nicht alleingelassen. "Es kann mir nichts geschehen, als was er hat ersehen und was mir selig ist" (Paul Fleming [1633] 1642 - EG 368,3). So erfährt Paulus den Beistand des Heiligen Geistes.

Paulus schaut mit Vertrauen, Sehnsucht und Hoffnung in die Zukunft. Er rechnet fest damit, dass Christus durch seinen Dienst, durch sein Leben und sein Sterben verherrlicht wird. Dass Christus groß gemacht wird, das ist das letzte Ziel des Evangeliums. Das ist auch die Bestimmung unseres Christenlebens.

Im Epheserbrief formuliert Paulus dieses Ziel mit den Worten: Er hat uns bestimmt, damit wir zum Lob seiner Herrlichkeit leben (1,12), zum Lob seiner herrlichen Gnade (1,6).


(3) "Damit Christus verherrlicht werde an meinem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod"

Und dann redet Paulus vom Leben und Sterben und bezeichnet das Sterben als Gewinn. Hat Paulus Todessehnsucht? Sieht er den Tod als Freund und Befreier an? In der griechischen Tradition finden sich solche Gedanken. Sophokles lässt Antigone sagen:

Sterbe ich vor meiner Zeit, nenn ich es noch Gewinn.
Wes Leben voller Unheil ist, wie meines,
trägt der nicht, wenn er stirbt, Gewinn davon?

Sterben als Gewinn, weil es Befreiung vom Übel und vom Leiden ist, so
äußert sich in der griechischen Literatur die Todessehnsucht.

Auch in unserer Tradition findet sich die Vorstellung vom Tod als Freund. Ich finde sie in einem Gedicht von Matthias Claudius, wo der Tod zu einem Mädchen sagt:

Gib deine Hand, du schön und zart Gebild!
Bin Freund, und komme nicht, zu strafen.
Sei gutes Muts! Ich bin nicht wild.
Sollst sanft in meinen Armen schlafen.


Nein, so redet Paulus nicht über den Tod. Das wäre eine große Verharmlosung. Er redet ganz anders vom Tod. Er bezeichnet den Tod als den letzten Feind des Menschen: "Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod" (1. Korinther 15,26). Er weiß, dass der Tod das Band der Liebe zwischen Menschen zerreißt, dass er Pläne zunichtemacht und menschliches Glück zerstört.

Wie kann Paulus den Tod dann als Gewinn bezeichnen? Was Paulus vorher sagt, ist der Schlüssel: Christus ist mein Leben. Mit Haut und Haar gehört Paulus diesem Christus, das ist der tiefste Grund der Freude. Und diese Lebensverbindung mit Jesus bleibt, auch über den Tod hinaus. "Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn", schreibt Paulus im Römerbrief (14,8). Dem Tod ist seine letzte Macht genommen, Jesus schenkt Leben über den Tod hinaus.

Sterben wird mir nur dann Gewinn, wenn Christus mein Leben ist. Erst von Christus her bekommt der Tod eine andere Qualität und wird zum Übergang in ein Leben in der letzten Geborgenheit bei ihm. Nach dieser endgültigen Gemeinschaft mit Christus sehnt sich der Apostel Paulus.

Diese Hoffnung ist in einem Lied im Gesangbuch ausgedrückt: "Mit Freud fahr ich von dannen zu Christ, dem Bruder mein, auf dass ich zu ihm komme und ewig bei ihm sei" (EG 516,2). Von dieser Hoffnung sprechen auch die letzten Worte, die von Dietrich Bonhoeffer überliefert sind: "Das ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens."

"Damit Christus verherrlicht werde, es sei durch Leben oder durch Tod." Im ewigen Leben mit Christus kommt Paulus an sein Ziel. Deshalb hat für Paulus die Frage nach dem Ausgang seiner Gefangenschaft nicht das letzte Gewicht.

Etwas von dieser Einstellung entdecke ich in einer Traueranzeige. Da heißt es über einen Verstorbenen, der im Glauben an Jesus Christus gelebt hat: "Er hätte noch so viel für Gott tun können, aber Gott sah sein Leben für vollendet an."

AMEN.

Die Kirchengemeinde Eysölden wünscht eine gesegnete Woche!