Predigttext und Predigt zum 5. Sonntag in der Passionszeit: Judika - 18. März 2018.

Den Gottesdienst hielt Pfarrer Thomas Lorenz.

Das Wochenlied: EG 76;

Titel: O Mensch, bewein dein Sünde groß

Der Predigttext ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus:
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984,
durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung.
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart.
Alle Rechte vorbehalten.
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Predigttext: 4.Mose 21,4-9

Die Israeliten brachen auf von dem Berge Hor in Richtung auf das Schilfmeer, um das Land der Edomiter zu umgehen.
Und das Volk wurde verdrossen auf dem Wege und redete wider Gott und wider Mose: Warum hast du uns aus Ägypten geführt, dass wir sterben in der Wüste? Denn es ist kein Brot noch Wasser hier, und uns ekelt vor dieser mageren Speise.
Da sandte der Herr feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben.
Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündigt, dass wir wider den Herrn und wider dich geredet haben. Bitte den Herrn, dass er die Schlangen von uns nehme.
Und Mose bat für das Volk.
Da sprach der Herr zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben.
Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie hoch auf. Und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben.

Es gilt das gesprochene Wort!


Liebe Gemeinde!

I.

Noch immer ist das Zischeln der Schlangen zu hören. Vor allem nachts, wenn die Sonne längst untergegangen ist. Und mit den Schlangen bleibt die Angst. Viele sind in den letzten Tagen an ihren Bissen gestorben. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es die Nächsten erwischt.

Dabei hatten sie Hoffnung gehabt, dass Mose Gott würde umstimmen können. Sie hatten ihre Schuld bekannt. Und er hatte Gott gebeten, diese Plage zu beenden. So, wie er damals in Ägypten auf die Bitte des Pharaos vor Gott getreten war, um darum zu bitten, dass er die Plagen beendet - und so war es dann geschehen.

Aber hier und heute war nichts davon zu sehen. Tagsüber die Schlangenspuren im Sand, das Zucken ihrer Körper, das aus dem Augenwinkel zu sehen ist, und nachts dieses zischelnde Geräusch, das einem den Schlaf raubt.

II.

Als Hoffnung blieb nur noch die metallene Schlange, die Mose aufgestellt hatte.

Würde dieses Zeichen die Schlangen vertreiben? Offensichtlich nicht! Hat sie eine Kraft, die das Gift der Schlangen in den Griff bekommt? Oder war die Aufforderung, auf Gottes Geheiß nach einem Schlangenbiss dieses Bild anzuschauen, nur Hohn? Schaut euch nur an, was euch den Tod bringt - die Schlangen!

Schaut dem Tod ins Gesicht! Macht euch nichts vor! Es gibt keine Rettung. So scheint es jedenfalls. Überall Schlangen, jetzt sogar noch hoch aufgerichtet, für jeden sichtbar, unverwüstlich aus Metall.


III.

"Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben" (V. 8).

Diese Schlange wurde dann im Jerusalemer Tempel aufbewahrt und verehrt, bis König Hiskia sie zerstörte. Warum tat er das? -

Der "Schlangenkult" hatte sich verselbständigt … Deshalb wollte er diesem falschen "Gottesdienst" (Götzendienst!) ein Ende bereiten (2. Könige 18,4). Wenn sich das Bild aus dem Zusammenhang von Bild, Verheißung und Vertrauen löst und gewissermaßen für sich genommen als Heilsmittel verstanden wird, dann wird nicht mehr der lebendige Gott verehrt, sondern ein Gegenstand, ein Götze. (…)

IV.

Auch wenn diese Erzählung schon Jahrtausende alt ist, ist vielen von uns vielleicht vertraut, was hier berichtet wird.

Wir stecken fest in einem Problem, haben womöglich auch schon eingesehen, dass wir uns selbst in diese verfahrene Lage gebracht haben, und bereuen, was wir gesagt und getan haben.

Wir haben Gott gebeten, ja vielleicht sogar angefleht, er möge wieder gut machen, was wir angerichtet haben. Und was passiert? Nichts. Alles bleibt, wie es ist. Die Probleme werden nicht weniger. Es ist, als hätte sich gar nichts verändert, als hätte Gott seine Ohren auf Durchzug gestellt.

Es hilft nichts: Die Nöte und Sorgen sind nicht zu übersehen. Es scheint hoffnungslos zu sein. Wohin man auch schaut: Kein Ausweg zu sehen. Ganz im Gegenteil.

V.

In dieser biblischen Geschichte greift Gott helfend und heilend ein, indem er die Menschen in Not auf das Bild von der Schlange schauen lässt. Ja, es ist eine Zumutung. Jetzt auch noch im Fieber das anschauen zu müssen, was die Krankheit erst hervorgerufen hat.

Aber so bringt Gott seine Hilfe an seine Leute. Nicht vorbei an den Problemen, sondern mitten durch sie hindurch. Er verspricht, dass er die rettet, die seinem Wort glauben und dieses Bild anschauen. Dieser Glaube an Gottes Wort ist es, der die Not überwindet, nicht die eherne Schlange als solche.

Und doch ist es auch eine Konfrontation mit der eigenen Schuld. Die Israeliten müssen das Bild von Gottes Strafe anschauen, um in demselben Moment von ihr befreit zu werden.

VI.

Vom Evangelisten Johannes wird die Erhöhung der Schlange mit dem Kreuz Jesu verglichen. Und tatsächlich lässt sich bei genauem Hinsehen eine ganze Reihe von Parallelen entdecken. Wer auf das Kreuz Jesu schaut, wird ja auch mit seinem eigenen Versagen und seiner eigenen Sünde konfrontiert.

Dass Jesus Christus am Kreuz gestorben ist, ist ja nicht ein peinlicher Justizirrtum gewesen, kein Versehen. Sondern er musste sterben, um die Sünde der Welt und damit auch deine und meine Sünde auszuräumen. Und so konfrontiert mich der Blick aufs Kreuz immer wieder auch mit meinem eigenen Versagen, so wie die eherne Schlange die Israeliten an die Folgen ihres Murrens erinnert hatte.

Und zugleich ist das Kreuz wie die Schlange ein scheinbar schwaches Gegenmittel gegen all das, was uns beschwert: Schuld, Krankheit, Probleme, Hoffnungslosigkeit - ja, selbst den Tod.

Es gibt religiöse Angebote, die weit Spektakuläreres versprechen: sofortige Heilung, Reichtum und Erfolg, Glück und Zufriedenheit. Dagegen sieht das Kreuz Christi und der Glauben daran, dass Gott gerade dadurch Heil und Leben schafft, ziemlich blass aus. Und scheint es nicht manchmal sogar so zu sein, dass es denjenigen, die nicht glauben, besser geht als denjenigen, die glauben?

VII.

Ja, so mag es uns scheinen. So, wie die Israeliten wahrscheinlich ebenfalls enttäuscht waren, dass die Schlangenplage nicht von jetzt auf gleich vorbei war.

Aber Gott rettet eben nicht an den Problemen dieser Welt und unseres Lebens vorbei - sondern durch sie hindurch. Er lässt uns am Kreuz und auch vielfach in unserem Leben dem Tod ins Auge sehen. Aber dabei belässt er's nicht.

Die Israeliten hat er gerade so vor dem tödlichen Gift der Schlangen gerettet. Und uns rettet er auf ähnliche Weise durch alle Probleme und Hoffnungslosigkeiten, ja durch den Tod hindurch ins Leben. Wer auf das Todeszeichen des Kreuzes schaut und glaubt, dass Gott damit Heil und ewiges Leben in die Welt gebracht hat, der wird es erfahren. Vielleicht nicht jetzt sofort, dafür aber umso dauerhafter - um nicht zu sagen "ewig"!

VIII.

Nun hatten die Israeliten, so scheint es, aber einen großen Vorteil. Sie konnten die eherne Schlange sehen. Und sie hatten einen Mose an ihrer Seite, der für sie einstand und auch dann noch gebetet hat, als ihnen Mut und Hoffnung zum Beten verloren gegangen waren. Und wir?

Das mit Gottes Heilszeichen hat ja nicht aufgehört. Wann immer wir das Abendmahl feiern, begegnen wir einem solchen Bild. Auch da ist das Besondere nicht das Brot und der Wein. Sondern dass Gott auch an diese Gaben sein Versprechen geknüpft hat: Wann immer ihr das in Jesu Namen esst und trinkt, esst und trinkt ihr Christi Leib und Blut. So werdet ihr im Glauben verbunden mit dem, der den Tod längst schon hinter sich hat. Und wer so im Glauben an Gottes Versprechen mit Christus vereint ist, den wird er ebenfalls durch alle Angst, durch alle Not, durch alle Krankheit und auch durch den Tod hindurch zu sich ins Leben ziehen.

Deswegen hat der Kirchenvater Irenäus von Lyon (~ 135-200) das Abendmahl einmal "ein Heilmittel zur Unsterblichkeit" genannt. Man hat Irenäus oft ein magisches Missverständnis unterstellt (…). Aber er meint es sicher nicht so, dass das Abendmahl an sich Unsterblichkeit verleiht; er meint vielmehr, dass das Abendmahl der Gemeinde Anteil an Christus gibt und mit Christus der Tod überwunden ist.

Und auch die Gelegenheiten, bei denen uns Sündenvergebung in Gottes Namen zugesprochen wird, sind solche Heilsmomente. (Beichte, Einzelbeichte, Formen der gemeindlichen Beichte, Rüstgebet, Formen der Offenen Schuld, die entsprechende Vater-unser-Bitte und der Friedensgruß, den Martin Luther auch als Form absolvierenden Handelns verstehen konnte; die Fürbitte eines anderen auch als Möglichkeit der Rettung aus Schuldverstricktheit …).

Und dann sind da noch die anderen in der Gemeinde. Die können und sollen für dich zu einem Mose werden - und du umgekehrt für sie. Es ist eine wichtige Aufgabe, für die zu beten, denen selbst die Worte fehlen, weil sie nicht oder nicht mehr glauben können. Und dass auf solchem Gebet eine Verheißung liegt, zeigt
nicht zuletzt diese Erzählung.

IX.

Vor uns liegt eine neue Woche. Giftige Schlangen werden uns hoffentlich nicht begegnen. Aber vieles von dem, was den Alltag mühsam macht, und vielleicht auch manches, was das Herz schwer macht und uns Lebenskraft raubt.

Aber in dem allem sind wir begleitet, getragen und gehalten von Gott, bei dem nicht die Strafandrohung das letzte Wort ist, sondern seine Liebe.

Er begleitet uns durch die neue Woche und lässt uns mit dem, was uns umtreibt, nicht allein. Und wenn wir auch glauben mögen, dass sich sein Handeln nicht greifen lässt, so ist er doch verlässlich. Durch alle Probleme, alle Angst und durch den Tod führt er uns hindurch. Denn wer das Kreuz Jesu ansieht und an den Gekreuzigten glaubt, hat Leben - selbst dann, wenn er einmal stirbt.

AMEN.

Die Kirchengemeinde Eysölden wünscht eine gesegnete Woche!