Predigttext und Predigt zum Karfreitag - 30. März 2018.

Den Gottesdienst hielt Pfarrer Thomas Lorenz.

Das Wochenlied: EG 83;

Titel: Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld

Der Predigttext ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus:
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984,
durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung.
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart.
Alle Rechte vorbehalten.
Ein Nachdruck des revidierten Textes der Lutherbibel sowie jede andere Verwertung
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der Genehmigung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.


Predigttext: Hebräer 9,15.26b-28

Christus ist der Mittler des neuen Bundes, damit durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen.
Nun aber, am Ende der Welt, ist er ein für allemal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben. Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal wird er nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil.

Es gilt das gesprochene Wort!


Liebe Gemeinde!

Dünn und karg, knapp und spärlich wirken die Worte unseres heutigen Predigttextes zum Karfreitag. Da wird nicht mit dramatischen Worten jenes Geschehen damals vor den Toren der Stadt Jerusalem ausgemalt. Da wird nicht die Brutalität der Kreuzigung geschildert.

Dem Apostel, der den Hebräerbrief geschrieben hat, geht es nicht so sehr darum, dieses damalige Ereignis seiner Gemeinde und uns als geschichtliches Ereignis vor Augen zu führen.

Vielmehr will er etwas anderes deutlich machen, was im Zusammenhang mit dem Kreuzestod Jesu unbedingt zu bedenken ist. Denn wenn man das nicht tut, dann ist man geneigt, den Tod Jesu schlicht in die unzähligen Beispiele von Willkürjustiz einzureihen.

Der uns nicht mit Namen bekannte Verfasser des Hebräerbriefes will uns Antworten auf zwei Fragen geben, die uns unwillkürlich kommen, wenn wir das Geschehen von Karfreitag betrachten.

Da ist zum einen die Frage nach dem Grund, nach der Ursache für Jesu Sterben: "Was ist doch wohl die Ursach solcher Plagen? ..." (EG 81,3)

Und zum anderen geht es ihm um die Folgen und die Wirkung des Todes Jesu: "Das soll und will ich mir zunutz zu allen Zeiten machen ..." (EG 83,6).

Unser Predigttext ist also nicht ein Bericht über Vergangenes, sondern biblische Lehre im besten Sinn des Wortes, die damit einen unmittelbaren Zugang zu uns schafft, indem sie uns sagt, was wir mit dem Kreuzestod Jesu zu tun haben.

Sehen wir uns doch die Antworten näher an, die uns der Apostel gibt.
1. Jesus am Kreuz ist der Mittler des neuen Bundes. - Bei dem Wort "Mittler" denken wir vielleicht am ehesten an Ver-Mittler in der Politik. Oft kommt es vor, dass ganze Völker einander derart entfremdet sind, dass ihre Führer nicht mehr miteinander reden können. Sie können nur zueinander kommen, miteinander wieder ins Reine kommen, wenn jemand zwischen ihnen vermittelt. Der Ver-Mittler muss bei beiden Seiten Vertrauen finden, er muss unendlich viel Geduld haben, Strapazen auf sich nehmen, und er kann das alles nur, wenn er völlig hinter seiner Aufgabe steht.

Genau das aber ist mit dem biblischen Begriff "Mittler" nicht gemeint! Jesus ist nicht Mittler in dem Sinne, als dass er Friedensbedingungen zwischen Gott und Mensch aushandeln müsste. Nein, der neue Bund ist Gottes souveräne Neuordnung des Verhältnisses zwischen den Menschen und ihm, die er durch Frieden stiftet. Nötig allerdings ist einer, der Gottes Heilswillen und den Frieden, den er mit uns geschlossen hat, in unsere Wirklichkeit hinein "ver-mittelt", die von Sünde und Schuld, von Unfrieden und Tod gezeichnet ist.

Das ist es, was im ganzen Leben und Wirken Jesu geschieht, vor allem aber in seinem Tod. Durch ihn ist er Bürge und Garant des neuen Bundes geworden. Das trifft die Sache besser als das missverständliche Wort "Mittler". Jesus hat nicht nur etwas in diese Welt hineingebracht, sondern sich selbst. Er hat alle Dimensionen menschlichen Lebens durchlebt und durchlitten, auch Versuchungen, auch Schwäche, ja selbst den Tod. Er leidet mit uns an den Begrenzungen und Brüchen menschlicher Existenz, aber er tut es nicht nur als beispielhafter und vorbildhafter Dulder oder als Märtyrer für eine gute Sache, sondern als der, der die "Unheilswirklichkeit" von "unten" her auf sich nimmt, sie von "innen" her aufhebt.


2. Jesus am Kreuz ist der endgültige Erlöser. - In ihm wollte Gott die tödliche Macht der Sünde ein für alle Mal brechen. Hier ist es wichtig zu verstehen, was die Bibel mit Sünde meint. Die meisten verstehen darunter ja ein mehr oder weniger schlimmes Vergehen, ein Delikt.

Unsere Sprache hat längst aus dem Blick verloren, dass der biblische Begriff viel mehr meint als die einzelne schlechte Tat oder auch die Summe solcher Einzeltaten.

Das, was wir "Sünde" nennen, ist nur das äußere Symptom dessen, was die Bibel so bezeichnet. Nicht weil ein Mensch schlimme Dinge tut, ist er ein Sünder, sondern weil er ein Sünder ist, tut er sie. Die Sünden sind Auswirkungen der Grundsünde, der Trennung von Gott und der damit verbundenen falschen Lebensausrichtung.

Um es in einem Bild zu sagen: Ein Kind kann davon reden, dass der Wind dadurch entstehe, dass die Bäume sich bewegen. Es ist aber genau umgekehrt: Weil der Wind da ist, bewegen sich die Bäume. Ursache und Wirkung muss man genau unterscheiden.

Die Grund-Sünde ist der Bruch zwischen Mensch und Gott. Dieser Bruch ist die Ursache für das Zerbrechen und Misslingen menschlicher Gemeinschaft. Und aus diesem Zerbrechen wächst immer wieder neu der Teufelskreis von Gewalt und Leiden, Rebellion und Gewalt unter uns. In diesem Kreislauf von Schuld und Verhängnis liegt ein Zerstörungs- und Unheilspotential, das die Menschen immer wieder dadurch bewältigen wollen, dass sie Opfer und Sündenböcke suchen. Immer steht dahinter das Bemühen, Schuld und das, was sie an Unheil bewirkt, auf jemanden abzuwälzen und dadurch fortzuschaffen.

Unsere eigenen Bemühungen, Schuld zu bewältigen, sind eine reine Sisyphus-Arbeit. Ihr kennt Sisyphus? Die alten Griechen erzählten sich die Geschichte von Sisyphus, der von den Göttern dazu verurteilt war, einen schweren Stein einen Berg hinauf zu rollen. Immer, wenn er es fast geschafft hatte, rollte der Stein auf der anderen Seite wieder hinunter, und die Arbeit begann von vorn. Der französische Schriftsteller Albert Camus (1913-1960) hat daraus eine kleine Erzählung gemacht: "Der Mythos des Sisyphos". Am Ende steht der Satz: "Wir müssen uns Sisyphus als einen glücklichen Menschen vorstellen." Es ist der Versuch, die tragische Schuldverfallenheit des Menschen positiv zu deuten.

Unsere Mittel, mit Sünde und Schuld fertig zu werden, waren ungeeignet. Es waren nicht nur stümperhafte Versuche, die man durch viel Training zur Perfektion bringen könnte. Eine völlig andere Lösung musste her. Gott, der selbst die Maßstäbe für unser Leben gesetzt hat, weiß auch den Weg, wie Schuld bewältigt werden kann. Jesus wir mit unserer Schuld, mit unserer Sünde fertig - endgültig und ein für alle Mal.

Jesus ist die Brücke über den Abgrund der Trennung von Gott. Im Hochgebirge ist ein Vater mit seinem kleinen Sohn auf Bergtour. An einer Stelle hört der Weg plötzlich auf. Ein tiefer Felsspalt - gut einen Meter breit - versperrt den Weiterweg. War die ganze Anstrengung des Weges umsonst? Muss der Kleine umkehren? Denn mit seinen kurzen Beinen kann er die Kluft nicht ohne Gefahr überwinden. "Eine Brücke müsste jetzt da sein", ruft er. Der Vater lacht: "Eine Brücke - wozu? Die Brücke bin ich!" Stellt sich über den Spalt, ein Fuß auf jeder Seite, und hebt den Sohn hinüber.

Ist denn die Sache mit dem brutalen Tod des Gottessohnes, mit dem stellvertretenden blutigen Leiden und Sterben, heute noch verständlich? Könnte Gott nicht mit einem Federstrich unser belastetes Konto auslöschen? Nein, das kann er nicht, weil er sich selbst treu bleibt. Gott ist der Heilige, der mit Sünde partout nichts zu tun haben kann. Deshalb ist der Tod Jesu nötig.

Und Jesus ist nicht irgendwer. Er ist zugleich Gott und Mensch. Nur weil er ganz Gott war, ganz ohne eigene Sünde, deshalb konnte er das Opfer bringen und uns mit dem Vater versöhnen. Aber nur weil er zugleich ganz Mensch war, konnte er die Sünde aller Welt aller Zeiten auf sich nehmen. Gott hat diesem Weg seines Sohnes nicht zugestimmt, weil er blutrünstig und grausam wäre, sondern weil es keine andere Möglichkeit gab. Auch wenn uns der Weg, den Gott hier wählte, unästhetisch, blutig, grausam, ja schier verrückt erscheint - es gab keinen anderen Weg, um uns Menschen ein für alle Mal der Sünde zu entreißen, jener verhängnisvollen Trennung von Gott, unserem Schöpfer. Und deshalb tun wir gut daran, von Herzen dankbar zu sein für das, was Jesus Christus für uns getan hat.


3. Jesus am Kreuz ist der kommende Herr. - Man sieht es ihm gewiss nicht an, wie er hilflos da hängt und am Ende jämmerlich erstickt. Aber unser Predigttext öffnet uns den Blick über Karfreitag hinaus, ja selbst über Ostern hinaus. Jesus hat sich ja nach seiner Auferstehung nicht beleidigt in den Himmel zurückgezogen und der Welt den Rücken gekehrt. Nein, er behält uns im Blick. Aber gar nicht so, wie es in dem Lied heißt, "from a distance", aus der Entfernung und unbeteiligt, sondern uns ganz nah durch seinen Geist.

Trotzdem aber hat der Karfreitag etwas Endgültiges. Karfreitag ist Entscheidungstag. Es gibt keine Wiederholung, kein "neues Spiel". Wenn Jesus am Ende der Zeit wiederkommt, dann nicht noch einmal in Schwachheit und Demut, sondern mit Macht und Herrlichkeit. Dann wirbt er nicht mehr um die Menschen. Dann fragt er, wer auf ihn gewartet hat - und denen erscheint er "zum Heil".

Doch nicht nur der Tod Jesu ist etwas Einmaliges. Der Apostel, der den Hebräerbrief geschrieben hat, verweist auf die Einmaligkeit menschlichen Lebens. Er meint das im doppelten Sinn des Wortes.

Jeder von uns ist als Person einmalig, einzigartig …

Und: Wir können unser Leben nur einmal leben: der Tod setzt hier eine klare Grenze. Gerade das macht unser Leben einmalig, einzigartig, unvergleichlich. Wir leben es in der Verantwortung vor Gott, dem wir im Gericht Rechenschaft schuldig sind. Dieser Einmaligkeit unseres Lebens entspricht die Einmaligkeit und Einzigartigkeit des Erlösungstodes Jesu Christi.

Man muss sich ja fragen, warum die Vorstellung der Reinkarnation, also der Wiederverkörperung, einer Wiedergeburt in aufeinander folgenden Lebensformen, auch bei uns so populär geworden ist. Was in den südostasiatischen Religionen ein Verhängnis beschreibt: immer wieder neu die Last des Lebens durchleiden zu müssen und möglichst bald ins Nirwana, ins "Nichts" zu kommen. Dieses Verhängnis missverstehen moderne Mitteleuropäer und Amerikaner als einen Fluchtweg aus der Begrenzung in eine einmalige irdische Existenz. In einer Gesellschaft, die alles bietet, meint man so noch etwas gefunden zu haben, wie man auch für gelingendes Leben mehrere Versuche starten könne.

Gottes Wort sagt in aller Klarheit: Das ist nicht möglich, und das ist nicht nötig. Wir können und müssen unseren Lebensweg nicht nachbessern, wenn wir unser Leben Gott in Jesus Christus anvertrauen. Und es braucht nicht immer wieder neue Anläufe zur Erlösung aus dem Zerbruch unseres Lebens. Diese Erlösung, die wir alle so dringend brauchen, ist ein für alle Mal auf Golgatha geschehen.

Ihr können und sollen wir uns getrost anvertrauen. Was wir noch erhoffen dürfen, wenn wir auf Jesu zweites Kommen warten, ist das Heil in der völligen und ungetrübten Gemeinschaft mit Gott. Zu wissen, welche Last von uns abgenommen ist und welches Ziel unser Leben hat, das macht uns fähig, mit "leichtem Gepäck" den Weg der Nachfolge zu gehen.

AMEN.

Die Kirchengemeinde Eysölden wünscht einen gesegneten Karsamstag!