Predigttext und Predigt zum 2. Sonntag nach Ostern: Miserikordias Domini - 15. April 2018.

Den Gottesdienst hielt Pfarrer Thomas Lorenz.

Das Wochenlied: EG 274;

Titel: Der Herr ist mein getreuer Hirt

Der Predigttext ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus:
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984,
durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung.
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart.
Alle Rechte vorbehalten.
Ein Nachdruck des revidierten Textes der Lutherbibel sowie jede andere Verwertung
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der Genehmigung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.


Predigttext: 1.Petrus 5,1-4

Die Ältesten unter euch ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi, der ich auch teilhabe an der Herrlichkeit, die offenbart werden soll:
Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist;
achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig,
wie es Gott gefällt;
nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund;
nicht als Herren über die Gemeinde,
sondern als Vorbilder der Herde.
So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte,
die unvergängliche Krone der Herrlichkeit empfangen.

Es gilt das gesprochene Wort!


Liebe Gemeinde!

( Drei Hindernisse )

Um unseren heutigen Bibelabschnitt richtig zu hören, ihn richtig zu verstehen und dann auch richtig anzuwenden, ist es sinnvoll, zunächst einmal drei vermeintliche Hindernisse aus dem Weg zu räumen.

Das erste: Unser Text beginnt mit den Worten "Ich ermahne euch". Sätze, die so beginnen, hören wir normalerweise nicht so gerne. Denn bei dem Wort "ermahnen" sehen wir gleich den erhobenen Zeigefinger, und wir haben den Verdacht: Da will uns einer mal gehörig die Meinung sagen und uns unter die Nase reiben, was wir wieder mal falsch gemacht haben. Doch damit hätten wir das Anliegen, das Petrus hier mit seiner Ermahnung verfolgt, kräftig missverstanden.

Es geht nicht um eine Zurechtweisung "von oben herab". Das griechische Wort, das hier im Urtext steht (parakalô), bedeutet ursprünglich so viel wie "mit jemandem reden, indem ich mich neben ihn stelle". Es geht also um eine Begegnung auf Augenhöhe, nicht um ein Abkanzeln von oben herab. Weil Christen füreinander Verantwortung tragen, ist es angemessen, wenn wir uns immer wieder einmal daran erinnern, dass alle Christen auf demselben Fundament des Glaubens stehen und dass dies Konsequenzen für ihre Lebensgestaltung hat.

So möchte ich euch bitten, liebe Gemeinde, dass wir uns heute früh bereitwillig und offen auf die Ermahnung des Petrus einlassen.

Das zweite Hindernis, das dem Verstehen und Anwenden des Predigttextes im Wege steht: Petrus richtet seine Ermahnungen an die "Ältesten". Mit dem biologischen Alter hat das zunächst nichts zu tun. "Älteste" (presbýteroi) waren diejenigen, die in der frühchristlichen Gemeinde Leitungsverantwortung wahrnahmen. Also die Gemeindeleiter, Pfarrer, Hirten … Sie sind in unserm Predigttext in besonderer Weise angesprochen.

Heißt das nun, dass alle anderen in der Gemeinde sich jetzt entspannt zurücklehnen können? So einfach, liebe Gemeinde, möchte ich euch heute früh nicht aus dem Kreis der Adressaten entlassen. Zwar richtet sich unser Text zuallererst tatsächlich an Menschen mit Leitungsverantwortung in der Gemeinde, aber darüber hinaus auch an die vielen anderen, die sich an anderer Stelle in der Gemeinde engagieren. Sei es in den Chören, in der Betreuung oder Begleitung von Gemeindekreisen, in der Mitgestaltung von Gemeindefesten bzw. der Unterstützung von Projekten und Initiativen. Zählt man das alles zusammen, dann ist es eine stattliche Zahl von Mitarbeitenden auch in unserer Gemeinde.

So sollen sich also bei dieser Predigt ruhig alle angesprochen sehen, die mit Ernst Christ sein wollen. Also, liebe Gemeinde: Jetzt bitte nicht weg-, sondern hinhören, was Gott euch heute früh durch den Predigttext sagen möchte.

Aber zuvor muss ich nun noch auf eine dritte Schwierigkeit zu sprechen kommen.

Petrus greift in seiner Ermahnung an die Ältesten auf ein Bild zurück, das damals allen vertraut war: das Bild vom Hirten und der Herde. An vielen Stellen finden wir dieses Bild wieder. "Der Herr ist mein Hirte", so beginnt der 23. Psalm, den wir als Introitus im Wechsel gesungen haben. Es ist wohl einer der uns vertrautesten Texte der ganzen Bibel. Und auch Jesus vergleicht sich mit dem guten Hirten. Und doch haben viele Menschen mit dem Bild vom Hirten und der Herde ein Problem. Es erscheint einfach nicht mehr zeitgemäß.

Wer möchte von uns schon gerne mit einem Schaf verglichen werden? Und wer lässt sich schon gerne von andern sagen, wo es in seinem Leben langgehen soll? Aber eben das ist u. a. die Aufgabe des Hirten. Also: Für viele riecht das Bild vom Hirten und der Herde zu sehr nach Unselbständigkeit und Unmündigkeit.

Und trotzdem: Das Bild mag zwar nicht mehr so recht in unsere Zeit passen; die damit zum Ausdruck gebrachte Sache ist aber so aktuell wie eh und je. Denn auch heute sind immer wieder Führung und Leitung im Leben gefragt. Ob in der Politik, in einem Unternehmen - oder eben auch in der Kirche. Bei aller Betonung unserer Autonomie und Mündigkeit sind wir doch immer wieder auf Orientierung durch andere angewiesen; darauf, dass wir "auf grüner Weide" mit dem Lebensnotwendigen für Leib und Seele versorgt werden und als Gemeinde im Frieden beieinanderbleiben. Und eben darin bestehen die wesentlichen Aufgaben des Hirten. Zuallererst hat Jesus darin seinen Auftrag als unser aller Hirte gesehen.

Aber dann hat er auch seine Jünger aufgefordert, sich an ihm ein Beispiel zu nehmen und für das Wohlergehen der Gemeinde zu sorgen. Wir sollen sozusagen Unterhirten des einen großen Erzhirten Jesus sein.


( Drei Prüfsteine )

Nach diesen Überlegungen können wir uns nun im Einzelnen den Ausführungen des Petrus zuwenden. Er legt uns dabei drei Prüfsteine vor, an denen wir unser Verhalten als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Gemeinde messen sollen.

Diese Prüfsteine haben es in sich und beziehen sich vor allem auf die Motive, also Beweggründe, für unser Engagement. Es geht also um die Frage, warum und wie wir etwas tun; was uns dabei antreibt.

Anhand von drei Gegensatzpaaren erläutert Petrus, wie wir die Gemeinde "weiden", d. h. in rechter Weise als Christen aufeinander achthaben und füreinander sorgen sollen.


Erstens: Wir sollen in der Gemeinde "nicht gezwungen, sondern freiwillig" mitarbeiten.

Könnte es sein, dass es lediglich die Überredungskunst eines Mitarbeiters oder des Pfarrers war, der sich dazu brachte, eine bestimmte Aufgabe in der Gemeinde übernehmen?

Wenn es so wäre, dann gilt dir die erste Mahnung des Apostels: "Tu deine Arbeit in der Gemeinde nicht gezwungen, sondern freiwillig!" Also nicht aus bloßem Pflichtgefühl heraus als ungeliebte Last, sondern gerne, weil du darin gewiss sein kannst, dass Gott dich gerade an dieser Stelle gebrauchen will. Gott sucht eben keine Lückenbüßer, die sich von andern in eine Rolle hineindrängen lassen, sondern Mitarbeiter, die sich mit ihrer Zeit, Kraft und ihren Begabungen aus freien Stücken gerne für andere einsetzen.

Zweitens: Setzt euch für die Gemeinde ein, "nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund!" Heute fragen wir sehr schnell bei jeder Sache, wo unser persönliches Engagement gefragt ist: "Was habe ich davon? Was bringt mir das?" Wenn wir uns in der Gemeinde einsetzen, dann muss doch auch etwas für uns selbst dabei herausspringen. Zwar wird die ehrenamtliche Arbeit in der Gemeinde nicht mit Geld honoriert, aber Anerkennung, Wertschätzung und Erfolg sollten wir dabei doch als Lohn einstreichen. Bedenklich wird's, wenn wir genau darauf aus sind und der entscheidende Beweggrund für unsere Mitarbeit darin liegt, dabei selbst auf unsere Kosten zu kommen. Das wäre dann genau der "schändliche Gewinn", vor dem der Apostel warnt. Stattdessen ermutigt er uns, unsere Arbeit in der Gemeinde "von Herzensgrund", also mit "Herzblut" zu tun.

Wenn wir von einer Sache innerlich zutiefst berührt sind, dann werden wir uns dafür einsetzen - egal, ob wir dabei erfolgreich sind und Anerkennung von andern einheimsen können oder nicht.

Und schließlich drittens: Spielt euch " nicht als Herren der Gemeinde" auf, sondern "werdet Vorbilder der Herde!" Hinter dem Etikett "Dienst für die Gemeinde" verbirgt sich nicht selten in unseren Gemeinden handfestes Streben nach Macht und Einfluss. Unser alter Adam möchte am liebsten die erste Geige spielen und den Ton angeben. Dieses Streben steckt in uns allen drin; man muss deswegen kein ausgewiesener Machtmensch oder ehrgeiziger Streber sein. Aber wir brauchen heute in der Gemeinde vor allem Christenmenschen, die sich nicht zu schade sind, die zweite Geige zu spielen und d. h. für Aufgaben bereit zu sein, die meist unbemerkt und ohne viel Aufhebens wahrgenommen werden. Sie sind die wirklichen Helden in unseren Gemeinden!

Der große Komponist und Dirigent Leonard Bernstein wurde einmal gefragt, welches Instrument im Orchester am wenigsten gern gespielt werde. Bernstein antwortete darauf ohne Zögern: "Es ist die zweite Geige. Jeder möchte furchtbar gern die erste Geige spielen, und es gibt nur sehr wenige Musiker, die mit derselben Begeisterung auch die zweite Geige spielen." Und dann fügte er hinzu: "Alle streben nur nach der Stellung des ersten Geigers, und nur wenige verstehen, wie wichtig der zweite Geiger ist. Die berühmtesten Orchester der Welt sind die, die die besten zweiten Geiger haben. Ausgezeichnete erste Geiger haben sie alle, aber ohne einen hervorragenden zweiten Geiger gibt es keine wirkliche Harmonie."

Ich denke, diese Aussagen Bernsteins lassen sich ohne Weiteres auch auf unser Zusammenspiel in der Gemeinde übertragen. Bist du bereit, in der Gemeinde die "zweite Geige" zu spielen und sich für eine eher unauffällige, aber zugleich unverzichtbare Aufgabe zur Verfügung zu stellen?


( Vorbild sein )

Nun ergänzt Petrus die Mahnung mit dem Hinweis: "Seid Vorbilder der Herde!" Vorbild - das ist nach unserm Verständnis ein sehr anspruchsvolles Wort, und wir schrecken wohl alle ein wenig davor zurück, uns in der Rolle eines Vorbilds für andere zu sehen. Unser Problem ist oft, dass wir das Vorbild auf einen Sockel gestellt haben, der für uns normale Christen unerreichbar erscheint. Wir meinen dann, ein Vorbild müsste ein in jeder Hinsicht tadelloser, konsequent lebender Christ sein.

Es kann uns helfen, wenn wir einmal der Bedeutung des griechischen Wortes nachspüren, das bei der Übersetzung des biblischen Urtextes ins Deutsche mit "Vorbild" wiedergegeben wurde. Es ist das Wort týpos, das ursprünglich so viel bedeutet wie Stempel, Form oder auch Abdruck. Es geht bei týpos darum, jemanden oder etwas in Form zu bringen, zu prägen bzw. einen Stempel zu hinterlassen. Im übertragenen Sinn ist týpos bzw. "Vorbild" dann einer, dessen Leben einen ganz bestimmten Stempel trägt und von einem andern geprägt bzw. in Form gebracht wurde. Noch deutlicher gesagt: Christen sind dann ein Vorbild für andere, wenn Jesus ihrem Leben seinen Stempel aufdrücken konnte und er für andere erkennbar ihr Handeln prägt.

Wir müssen also nicht aus uns heraus kraft eigener Anstrengung Vorbild für andere sein. Das würde am Ende doch nur zu krampfhafter Selbstdarstellung führen. Vielmehr kommt es darauf an, dass wir unser Leben von Jesus prägen lassen, dass er uns seinen Stempel aufdrückt und wir so in unserm Leben etwas widerspiegeln von seiner Güte und Dienstbereitschaft. Andere Menschen sollen uns abspüren, dass wir nicht von Jesus losgekommen sind und er Weg und Ziel unseres Lebens bestimmt.

Nicht gerade wenig also, was uns der Apostel heute früh mit diesem Predigttext zumutet. Aber dafür stellt er den Jesusleuten auch eine großartige Belohnung in Aussicht. Denn - so schreibt er - bei der Wiederkunft Jesu, wenn Gottes Reich endgültig über alle Widersacher triumphieren wird, werden die, die sich darauf einlassen, einmal "die unvergängliche Krone der Herrlichkeit empfangen". Wenn das nicht heute alle unsere Arbeit und Mühe in der Gemeinde lohnt!

AMEN.

Die Kirchengemeinde Eysölden wünscht eine gesegnete Woche!