Predigttext und Predigt zu Christi Himmelfahrt - 10. Mai 2018.

Die Predigt hielt Pfarrer Thomas Lorenz.

Das Wochenlied: EG 123;

Titel: Jesus Christus herrscht als König

Der Predigttext ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus:
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984,
durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung.
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart.
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Predigttext: Epheser 1, 20b-23 und EG 123: "Jesus Christus herrscht als König"

Es gilt das gesprochene Wort!


Liebe Gemeinde!


I


Man könnte die Geschichte von Himmelfahrt als die Geschichte eines Abschieds erzählen. Wir haben es vorhin in der Lesung aus der Apostelgeschichte gehört. Und wie jeder Abschied so ist auch dieser Abschied schmerzlich.

Die Jünger müssen Jesus, den sie doch gerade erst aus dem Tod zurückbekommen haben, nun erneut und endgültig hergeben. Sie können Jesus nicht auf Erden festhalten, so gerne sie das auch täten. Aber es soll nicht sein, sie müssen ihn ziehen lassen. Jesus entschwindet vor ihren Augen und wird zusehends in den Himmel aufgenommen. Und nun sind die Jünger allein, zurückgelassen in dieser Welt ohne ihren Herrn und Meister. Nun müssen sie sich selbst zurechtfinden in dieser unwirtlichen Welt, in der einem viel Gegenwind ins Gesicht bläst, vor allem dann, wenn niemand mehr da ist, der Blinde sehend macht und mit wenigen Fischen und Broten unzählige Menschen speist. Wenn keiner da ist, der mit seinen Worten einen Sturm besänftigen kann und den Sündern vollmächtig die Vergebung zuspricht. Jetzt ist keiner mehr da, der auf das Wirken Gottes in unserer Welt hinweist, keiner, der uns beisteht in unserer Angst. Jetzt haben die Spötter wieder die Oberhand und können sagen: "Wo ist denn nun euer Gott?" Und die Jünger Jesu können nur mit den Achseln zucken und die Spötter können weiter ihren Spott pflegen nach dem Motto "Hab ich's doch gewusst!"

Eine deprimierende Geschichte wäre das, eine Geschichte, die zwar nicht wahr ist, aber die wir oft genug für wahr halten, weil wir uns einschüchtern lassen von der Wirklichkeit dieser Welt und unser Zutrauen in die Wirklichkeit Gottes schwindet und wir uns dann zurückziehen in unser Schneckenhaus und abwarten, bis die Welt wieder etwas freundlicher zu uns geworden ist.


II

Man könnte die Geschichte von Himmelfahrt aber auch ganz anders erzählen, nämlich so, wie das der Apostel Paulus im Brief an die Epheser im 1. Kapitel tut. Da klingt das ganz anders:

Epheser 1, 20b-23

Durch die Macht seiner Stärke hat Gott Christus von den Toten auferweckt und eingesetzt zu seiner Rechten im Himmel über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und alles, was sonst einen Namen hat, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen. Und alles hat er unter seine Füße getan und hat ihn gesetzt der Gemeinde zum Haupt über alles, welche sein Leib ist, nämlich die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt.

Liebe Gemeinde!

Nein, das ist nicht die Geschichte eines Abschieds, das ist die Geschichte einer Inthronisation, einer Königskrönung.

Auch wenn wir schon lange keine Monarchie mehr haben, was ein König ist, das wissen wir alle. Sei es aus den Märchen der Gebrüder Grimm oder aus den Boulevardblättern, die mit großem Interesse das Geschick der europäischen Königshäuser verfolgen. Sicher, diese Königshäuser sind nur noch ein schwacher Abglanz ehemaliger Größe und Würde. Und doch bekommt man zumindest eine Ahnung davon, was ein König und ein Königreich hier auf Erden bedeutet haben müssen.

Als es in Deutschland noch Fürstentümer und Königreiche gab, da hat ein württembergischer Pfarrer zu dieser Königskrönung aus dem Epheserbrief ein Lied geschrieben, das wir alle vielleicht als "das" Himmelfahrtslied überhaupt kennen. Es steht im Gesangbuch unter der Nummer 123.

Lasst uns zunächst die ersten vier Strophen dieses Liedes singen.

Lied: "Jesus Christus herrscht als König", Str. 1-4

1. Jesus Christus herrscht als König,
alles wird ihm untertänig,
alles legt ihm Gott zu Fuß.
Aller Zunge soll bekennen,
Jesus sei der Herr zu nennen,
dem man Ehre geben muss.

2. Fürstentümer und Gewalten,
Mächte, die die Thronwacht halten,
geben ihm die Herrlichkeit;
alle Herrschaft dort im Himmel,
hier im irdischen Getümmel
ist zu seinem Dienst bereit.

3. Gott ist Herr, der Herr ist Einer,
und demselben gleichet keiner,
nur der Sohn, der ist ihm gleich;
dessen Stuhl ist unumstößlich,
dessen Leben unauflöslich,
dessen Reich ein ewig Reich.

4. Gleicher Macht und gleicher Ehren
sitzt er unter lichten Chören
über allen Cherubim;
in der Welt und Himmel Enden
hat er alles in den Händen,
denn der Vater gab es ihm.


III


Paulus und Philipp Friedrich Hiller, so hieß der württembergische Pfarrer, beginnen ihre Hymnen nicht mit dem irdischen Jammertal und auch nicht mit einer Klage über unsere Armseligkeit und Verlassenheit.

Beide setzen vielmehr ganz oben an, höher geht es nicht, nämlich im himmlischen Thronsaal. Das ist nicht nur atemberaubend, das ist auch notwendig. Gerade dann, wenn wir nur auf uns schauen, wenn wir nur den Zustand unserer Kirche im Blick haben, wenn wir feststellen müssen, dass die Kirchenbänke immer leerer werden, das Desinteresse am christlichen Glauben immer größer wird. Wenn es uns nicht gelingt, unseren Glauben in dieser Welt so zu vertreten, dass die Menschen, mit denen wir zu tun haben, zumindest ins Nachdenken darüber geraten, ob da nicht am Ende doch etwas dran ist am Glauben. Wenn wir uns tatsächlich verlassen vorkommen und wir am liebsten den Kopf in den Sand stecken würden, bis die Lage wieder besser wird. Wenn uns also die Wirklichkeit dieser Welt so mächtig vorkommt, dass uns die Wirklichkeit Gottes dagegen zu verschwinden droht.

Ja, dann haben wir es bitter notwendig, dass wir unseren Blick nach oben ausrichten und dorthin blicken, wo regiert wird.

Am Tag vor seinem Tod 1968 hat der Schweizer Theologe Karl Barth in einem Gespräch mit seinem Freund Eduard Thurneysen gemeint: "Ja, die Weltlage ist dunkel". Aber er fügte hinzu: "Nur ja die Ohren nicht hängen lassen! Nie! Denn es wird regiert, nicht in Moskau oder in Washington oder in Peking, sondern es wird regiert, und zwar hier auf Erden, aber ganz von oben, vom Himmel her. Gott sitzt im Regimente. Darum fürchte ich mich nicht."

Also: kein deprimierender Abschied für uns hier unten, über den wir traurig sein müssten, sondern eine triumphale Ankunft für Jesus Christus dort oben, über die wir uns freuen und jubilieren dürfen.

Deshalb aber auch Herrschaft über alle Welt. Und deshalb auch nicht Vergangenheit, kein "es war einmal", wie es in den Märchenbüchern der Gebrüder Grimm von den Königreichen erzählt wird, sondern ein "hier und heute", Gottes Gegenwart in aller Welt. Das ist der Grundton, den unser Bibeltext und das Lied anstimmen.

IV


Und doch steckt da auch eine Spannung in so viel Triumph, die wir nicht einfach übergehen dürfen. Denn durch Christi Himmelfahrt gilt es ja erst recht: der da oben und wir hier unten.

Jesus Christus ist aufgestiegen, aber ist er damit nicht auch abgehoben? Das mit dem Esel, das war einmal, als er alle Königsinsignien weit von sich weisend nach Jerusalem eingeritten ist. Gibt sich aber so ein Himmelskönig überhaupt noch mit dem einfachen Fußvolk ab? Kommt so einer überhaupt noch heraus aus seinem Himmelspalast und von seinem goldenen Thron herunter? Ist er nun also doch der ferne Gott, der unnahbare Gott, geworden? Interessiert ihn überhaupt noch die irdische Wirklichkeit, in der nicht alles goldverziert und weichgepolstert ist? Sieht er noch die Sünde, Krankheit und Armut, die ganze Not und das Leid menschlicher Existenz?

Wenn unser Lied mit der vierten Strophe enden würde, dann könnte man solches vermuten. Aber das Lied geht weiter und Pfarrer Hiller hat eine erstaunliche Bewegung in das Lied eingebaut. Er setzt ganz oben an und geht dann den Weg von oben nach unten. Also gerade nicht so, wie wir uns die Bewegung von Himmelfahrt denken: von uns weg nach oben, sondern von oben zu uns nach unten.

Doch das sehen wir selbst, wenn wir die nächsten Strophen des Liedes singen.

Lied: "Jesus Christus herrscht als König", Str. 5-7

5. Nur in ihm, o Wundergaben,
können wir Erlösung haben,
die Erlösung durch sein Blut.
Hört's: das Leben ist erschienen,
und ein ewiges Versühnen
kommt in Jesus uns zugut.

6. Jesus Christus ist der Eine,
der gegründet die Gemeine,
die ihn ehrt als teures Haupt.
Er hat sie mit Blut erkaufet,
mit dem Geiste sie getaufet,
und sie lebet, weil sie glaubt.

7. Gebt, ihr Sünder, ihm die Herzen,
klagt, ihr Kranken, ihm die Schmerzen,
sagt, ihr Armen, ihm die Not.
Wunden müssen Wunden heilen,
Heilsöl weiß er auszuteilen,
Reichtum schenkt er nach dem Tod.


V


Jesus Christus herrscht als König! - aber merken wir auch tatsächlich etwas von dieser Herrschaft? Oder nehmen wir den Mund nicht ein bisschen zu voll?

Stimmt's wirklich? Oder müssen wir es uns so lange theologisch zurechtbiegen, damit wir in den Kontroversen einiger-maßen bestehen und aus den Anfechtungen einigermaßen heil herauskommen?

Jesus herrscht - aber wo bitteschön wird etwas von dieser seiner Herrschaft sichtbar in dieser Welt? Oder herrschen nicht doch viele andere Mächte, die uns tausendmal eindrücklicher sind als die Herrschaft Christi?

Wer hat in dieser Welt wirklich die Macht inne? Sind es die Politiker, die in Washington, Moskau, Berlin oder Peking sitzen? Sind es die allgegenwärtigen Medien, die auf uns einströmen und denen wir uns nicht entziehen können? Sind es am Ende doch die großen international tätigen Konzerne, die sich alles zur Steigerung ihres Profits erlauben können? Und wir sind als kleines Rädchen im Getriebe irgendwo hineingespannt zwischen die große Politik, die Medien und die Wirtschaft, sehen uns vielfältig konfrontiert mit Ansprüchen und Anforderungen, die an uns herangetragen werden, sind den Einflüssen hilflos ausgeliefert.



VI


Dass Jesus Christus als König herrscht, das können wir nicht beweisen, das ist leider nicht so sichtbar, wie wir das gerne hätten. Christen leben nicht im Schauen, sondern noch im Glauben.

Aber es gibt in dieser Welt schon Orte, an denen die Königsherrschaft bereits heute zeichenhaft begonnen hat. Davon singen die Strophen fünf bis acht unseres Liedes und sagen:

Die Königsherrschaft Christi beginnt nicht irgendwo in der Welt, sie beginnt auch nicht einfach mit und in "der" Kirche. Nein, sie beginnt genau dort, wo sich Menschen der Königsherrschaft Christi unterstellen. Sie beginnt dort, wo Menschen die Herrschaft Christi über ihr Leben akzeptieren.

Das ist ein Brocken, den wir erst einmal zu verdauen haben, denn dass die Herrschaft Jesus Christi auch die Herrschaft über mein Leben bedeutet, das stellen wir im Regelfall ganz nach hinten. Wenn wir es schon nicht ganz verschweigen, so sagen wir es doch zumindest ganz leise, damit wir bloß niemanden verschrecken. Dass Jesus Christus herrscht, das würde nämlich bedeuten, dass er auch etwas in meinem Leben zu sagen hat, dass er ein Mitspracherecht bei allen meinen Entscheidungen hat. Wir verschweigen das lieber, weil wir genau wissen, dass das eine Kränkung für uns Menschen ist, die wir mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen stehen, die wir uns nicht hineinreinreden lassen wollen in unser Leben.

Die Herrschaft Jesu Christi über mein Leben anzuerkennen, das heißt aber nun gerade nicht, den Verstand an der Garderobe abzugeben, auch nicht in ein buckelndes Dienergehabe zu verfallen und schon gar nicht, dass ich vom christlichen Glauben versklavt werde, um fortan irgendwelche merkwürdigen Dinge zu machen, die ich nur deshalb mache, weil ich in Angst vor diesem Himmelskönig lebe, aber in Wirklichkeit gar nicht machen würde.

Das genaue Gegenteil ist der Fall. Die Herrschaft Christi beginnt nämlich genau dort, wo Sünder ihm die Herzen, wo Kranke ihm die Schmerzen, wo Arme ihm die Not geben, die sie haben. Die Herrschaft Christi beginnt dort, wo die Angst weicht und ich erhobenen Hauptes als Glied an seinem Leib in Freiheit lebe.


VII


Wo aber immer das geschieht, wird ein Stück Welt in den Herrschaftsbereich Gottes umgewandelt. Wo immer das geschieht, eröffnet Gott eine diplomatische Vertretung in dieser Welt und wir werden automatisch zu Botschaftern für dieses unbekannte Land der Königsherrschaft Gottes, zu dem alle Zuflucht finden dürfen, die danach suchen.

Und das ist der Grund, warum sich Christen zu Gottesdienst und Gebet versammeln, weil sich hier ein Stück der himmlischen Gottesherrschaft ereignet und die Trennwände zwischen dieser und unserer Welt etwas dünner werden, transparenter auf Gott hin, und wir zusammen mit den himmlischen Heerscharen Gottesdienst feiern.

Es wäre nicht auszudenken für diese Welt, wenn wir das nicht täten, wenn wir uns anstecken ließen von der Trauer des Abschieds und nicht erfüllt wären von der Freude über den Triumph, den Himmelfahrt bedeutet.

AMEN.

Lasst uns nun noch die letzten vier Strophen von "Jesus Christus herrscht als König" singen.


Lied: "Jesus Christus herrscht als König", Str. 8-11


8. Zwar auch Kreuz drückt Christi Glieder
hier auf kurze Zeiten nieder,
und das Leiden geht zuvor.
Nur Geduld, es folgen Freuden;
nichts kann sie von Jesus scheiden,
und ihr Haupt zieht sie empor.

9. Ihnen steht der Himmel offen,
welcher über alles Hoffen,
über alles Wünschen ist.
Die geheiligte Gemeine
weiß, dass eine Zeit erscheine,
da sie ihren König grüßt.

10. Jauchz ihm, Menge heilger Knechte,
rühmt, vollendete Gerechte
und du Schar, die Palmen trägt,
und ihr Zeugen mit der Krone
und du Chor vor seinem Throne,
der die Gottesharfen schlägt.

11. Ich auch auf der tiefsten Stufen,
ich will glauben, reden, rufen,
ob ich schon noch Pilgrim bin:
Jesus Christus herrscht als König,
alles sei ihm untertänig;
ehret, liebet, lobet ihn.

Die Kirchengemeinde Eysölden wünscht einen gesegneten Feiertag!