Predigttext und Predigt zum 1. Sonntag nach Trinitatis - 3. Juni 2018.

Den Gottesdienst hielt Lektor Hans Knollmeyer.

Das Wochenlied: EG 124

Titel: Nun bitten wir den Heiligen Geist

Der Predigttext ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus:
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984,
durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung.
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart.
Alle Rechte vorbehalten.
Ein Nachdruck des revidierten Textes der Lutherbibel sowie jede andere Verwertung
in elektronischer oder gedruckter Form oder jedem anderen Medium bedarf
der Genehmigung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.


Predigttext: Jeremia 23,16-29

So spricht der Herr Zebaoth:
Hört nicht auf die Worte der Propheten, die euch weissagen!
Sie betrügen euch; denn sie verkünden euch Gesichte aus ihrem Herzen und nicht aus dem Mund des Herrn. Sie sagen denen, die des Herrn Wort verachten: Es wird euch wohlgehen - und allen, die nach ihrem verstockten Herzen wandeln, sagen sie: Es wird kein Unheil über euch kommen.
Aber wer hat im Rat des Herrn gestanden, dass er sein Wort gesehen und gehört hätte? Wer hat sein Wort vernommen und gehört?
Siehe, es wird ein Wetter des Herrn kommen voll Grimm und ein schreckliches Ungewitter auf den Kopf der Gottlosen niedergehen.
Und des Herrn Zorn wird nicht ablassen, bis er tue und ausrichte, was er im Sinn hat; zur letzten Zeit werdet ihr es klar erkennen.
Ich sandte die Propheten nicht, und doch laufen sie; ich redete nicht zu ihnen, und doch weissagen sie. Denn wenn sie in meinem Rat gestanden hätten, so hätten sie meine Worte meinem Volk gepredigt, um es von seinem bösen Wandel und von seinem bösen Tun zu bekehren. Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der Herr, und nicht auch ein Gott, der ferne ist? Meinst du, dass sich jemand so heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe? spricht der Herr.
Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt? spricht der Herr.
Ich höre es wohl, was die Propheten reden, die Lüge weissagen in meinem Namen und sprechen: Mir hat geträumt, mir hat geträumt. Wann wollen doch die Propheten aufhören, die Lüge weissagen und ihres Herzens Trug weissagen und wollen, dass mein Volk meinen Namen vergesse über ihren Träumen, die einer dem andern erzählt, wie auch ihre Väter meinen Namen vergaßen über dem Baal?
Ein Prophet, der Träume hat, der erzähle Träume;
wer aber mein Wort hat, der predige mein Wort recht.
Wie reimen sich Stroh und Weizen zusammen? spricht der Herr.
Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?

Es gilt das gesprochene Wort!


Liebe Gemeinde,

mit falschen Propheten schlug sich nicht nur Jeremia herum. Schon 250 Jahre vor ihm musste sich Elia mit den Propheten des kanaanäischen Gottes Baal auseinandersetzen. In einer spektakulären Inszenierung auf dem Berg Karmel kommt es zum Showdown: zwei Opferaltäre sind nebeneinander aufgebaut. Erst flehen die Baals-Priester in immer rasender werdender Ekstase darum, dass Baal Feuer vom Himmel schicke - aber nichts passiert. Dann tritt Elia auf und spricht ein schlichtes Gebet. Daraufhin lässt Gott Feuer vom Himmel herabfallen, das das Brandopfer vollständig verzehrt. Damit erweist sich Jahwe als der wahre Gott, der über den Götzen Baal triumphiert. Im Anschluss werden die Baals Priester eigenhändig von Elia getötet.
In dem Oratorium "Elias" von Felix Mendelssohn-Bartholdy werden dem Baß, der den Elia verkörpert, nach dieser Bluttat in einer furiosen Arie die Worte in den Mund gelegt, mit denen unser heutiges Predigtwort endet: Ist nicht des Herrn Wort wie ein Feuer und wie ein Hammer, der Felsen zerschlägt?
Ein gewaltiger Gott wird hier beschworen, ja, ich möchte sagen: ein gewalttätiger.
Selten stehen solche Texte auf dem Predigtplan. Sie passen nicht so recht zu dem Bild eines barmherzigen, friedliebenden Gottes, das in unseren Köpfen vorherrscht.
Andererseits: Ich fühle mich manchmal so hilflos angesichts der Zustände auf der Erde, dass ich mir durchaus ein machtvolles Eingreifen Gottes in unser Weltgeschehen herbeisehne. Ich wünsche mir, dass Gott mit dem Hammer dreinschlägt und alle Bosheit, Gewalt, Ungerechtigkeit vernichtet. Ich möchte mit den Worten des Propheten Jesaja rufen: Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kund würde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten…
II.
Gewalt ist eine Realität - damals wie heute. Wenn wir von der Bibel erwarten, dass sie mit der Lebenswirklichkeit von uns Menschen zu tun hat, kann die Gewalt nicht ausgeblendet werden. Gewaltphantasien, die Unterdrückte gegen ihre Peiniger hegen, sind sogar eine Art Ventil, um die eigene, bedrückende Situation besser auszuhalten. Da tut es gut, Gott anzurufen und zu beschwören, seine Herrschaft mit Gewalt zu realisieren.
Wenn Sie sich einmal die Rachepsalmen ansehen: Da kommen Gelüste zum Vorschein, die man von gläubigen Menschen so wohl nicht erwarten würde:
Darum wird dich … Gott für immer zerstören, dich zerschlagen und aus deinem Zelte reißen und aus dem Lande der Lebendigen ausrotten.
So droht der Beter des 52. Psalms seinen Feinden.
Und die Geschichten, in denen Gott selbst unfassbar brutal vorgeht? Wo er seine Schöpfung fast vernichtet? In den Erzählungen von der Sintflut, von der Zerstörung von Sodom und Gomorrha, um nur zwei zu nennen?
Abgesehen davon, dass jede einzelne dieser Geschichten einer genaueren Betrachtung bedarf: Sie weisen uns darauf hin, dass ein Gottesbild, das auf Liebe, Barmherzigkeit und Vergebung beschränkt ist, nicht vollständig ist - und auch zu glatt und harmlos wäre. Gott bleibt immer auch der dunkle, rätselhafte und unergründliche Gott.
Vielleicht denken Sie, Geschichten, die von Gewalt sprechen, seien doch ein Problem des Alten Testaments. Nein, das Buch, das am meisten von Gewalt durchzogen ist, ist das jüngste und letzte Buch des Neuen Testaments: die Offenbarung des Johannes. Es wurde geschrieben, um verfolgte Christen im Römischen Reich zu trösten und ihnen den endgültigen Sieg Christi über das Böse in Bildern vor Augen zu malen, gegen die so mancher Horrorfilm harmlos anmutet. Da gibt es Kämpfe mit Drachen und Schlangen, es fließt unfassbar viel Blut; alles gipfelt in einer finalen Schlacht, an deren Ende die besiegten Feinde in einem Pfuhl aus Feuer und Schwefel landen. An solchen Visionen richten sich die bedrängten Gläubigen auf.
III.
Rache an den Feinden - diesen Wunsch hegte auch der Prophet Jeremia im siebten Jahrhundert vor Christus. Er geriet mit seiner Verkündigung vielfach in Konflikte. Die Könige in Juda wollten nicht auf seine Warnungen hören, die er im Namen Gottes verkündete. Sie hörten lieber auf die am Hof beschäftigten Propheten, die den Herrschern nach dem Mund redeten.
Mit ihnen geht Jeremia scharf ins Gericht. Er wirft ihnen vor, dass sie das Volk verführen, obwohl sie nicht von Gott gesandt sind. Sie können Gottes Willen gar nicht kennen! Sie geben ihre Träume als Botschaften Gottes aus, und das Volk fällt auch noch darauf herein: Es nimmt die Lügen, die die Propheten im Namen Gottes erzählen, für die Wahrheit. Deshalb wird die Lügenpropheten Gottes Zorn treffen und sie vernichten. Dieser Zorn ergießt sich als entfesselte Naturgewalt: Siehe, es wird ein Wetter des Herrn kommen voll Grimm und ein schreckliches Ungewitter auf den Kopf der Gottlosen niedergehen. Gottes Wort wird alle, die es verleugnen, niederbrennen und zerschlagen.
Ganz anders die wahren Propheten. Sie sind in Gottes Pläne eingeweiht und scheuen sich nicht, unbequeme Wahrheiten zu verkündigen. Sie verwechseln nicht ihre eigenen Wunschträume mit Gottes Wort. Ihnen geht es immer darum, Gott und seinen Willen in den Vordergrund zu stellen.
Was Jeremia hier beschreibt, das trifft alles auf ihn selbst zu. Er sieht sich als wahren, mit göttlicher Autorität ausgestatteten Propheten. Aber so eine Botschaft will niemand hören, er wird geschmäht und verachtet. Kein Wunder, dass auch er sich danach sehnt, dass Gott machtvoll ins Geschehen eingreift:
Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der Herr,
und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?

Auf diese rhetorische Frage kann es nur eine Antwort geben: Ja, so ist es! Gottes Macht erfüllt Himmel und Erde, er, der Schöpfer, ist Herr über die Naturgewalten und bedient sich ihrer, um zu richten und zu strafen.
IV.
Im Neuen Testament heißt es von Jesus, dass er das fleischgewordene Wort Gottes sei. Von ihm haben wir ein anderes Bild. Er ist wie ein guter Hirte, er ist ein Heiler und Tröster, einer, der die Botschaft von Gottes Liebe und Barmherzigkeit verkündigt und lebt. Judas, der Jesus mit seinem Verrat provozieren will, sich seiner Verhaftung zu entziehen und endlich mit Gewalt gegen die Römer vorzugehen, wird enttäuscht. Jesus geht seinen Weg konsequent zu Ende - bis ans Kreuz. Seine Macht liegt in der Ohnmacht.
Doch auch Jesus zeigt sich manchmal von einer anderen Seite, wenn er etwa sagt:
Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert.
Oder wenn er wütend die Händler aus dem Tempel vertreibt.
Ja, wenn Menschen sich entscheiden, Jesus nachzufolgen, kann das zu Widerstand und Trennung in der eigenen Familie führen. Und Jesu Toleranz kommt an eine Grenze, wenn Menschen aus dem Haus Gottes einen Konsumtempel machen.
Dennoch, der Kern der Verkündigung Jesu ist die Botschaft von Vergebung, Frieden und Liebe.
Er vergleicht das Wort Gottes mit einem Senfkorn, das im Verborgenen wächst. Das weckt ganz andere Assoziationen als die Bilder Unwetter, Feuer und Hammer! Da braucht es Geduld, Vertrauen und Gelassenheit. Man muss warten können. Und an der Hoffnung festhalten, dass sich das Reich Gottes ausbreitet. Auch wenn wir manchmal gerne hätten, dass es spektakulärer und schneller damit voran geht.
Ob im Alten oder im Neuen Testament: Immer wieder scheint die Sehnsucht der Menschen durch, Gott möge doch schneller, kräftiger, gewaltiger eingreifen. Aber meist geht Gott einen anderen Weg.
In der Elia-Erzählung wird kurz nach der Schilderung des Gottesurteils über die Baals-Priester erzählt, dass Gott sich dem Elia zeigen will.
Im Oratorium "Elias" singt der Chor: "Der Herr ging vorüber, und ein starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging vor dem Herrn her, aber der Herr war nicht im Sturmwind. Der Herr ging vorüber, und die Erde erbebte und das Meer erbrauste, aber der Herr war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer, aber der Herr war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. Und in dem Säuseln nahte sich der Herr."
In der Bergpredigt preist Jesus die Friedfertigen und die Sanftmütigen selig. Und am Kreuz bittet er für seine Mörder: Vater, vergib ihnen, den sie wissen nicht, was sie tun.
Amen.

Die Kirchengemeinde Eysölden wünscht eine gesegnete Woche!