Predigttext und Predigt zum 2. Sonntag nach Trinitatis - 10. Juni 2018.

Den Gottesdienst hielt Pfarrer Thomas Lorenz.

Das Wochenlied: EG 363;

Titel: Kommt her zu mir, spricht Gottes Sohn

Der Predigttext ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus:
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984,
durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung.
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart.
Alle Rechte vorbehalten.
Ein Nachdruck des revidierten Textes der Lutherbibel sowie jede andere Verwertung
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der Genehmigung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.


Predigttext: 1. Korinther 14,1-3.20-2 5 (wird während der Predigt verlesen)


Es gilt das gesprochene Wort!


Liebe Gemeinde!

Wir sind hier und heute ganz bewusst im Gottesdienst. Kein Kaffeekränzchen, kein Meeting, kein Konzert, keine Meditationsübung. Sondern: Gottesdienst!

Was aber macht einen Gottesdienst aus? Dazu zunächst eine grundlegende Beobachtung. Welches ist denn das Tunwort, das am besten zu "Gottesdienst" passt? Einen Gottesdienst … - da hinkommen? Dorthin gehen? Mit dabei sein? Leiten? Halten? Absitzen? … Nein! Gottesdienst - feiern!

Das zeigt den Grundton des Gottesdienstes. Wir beobachten schon seit ein paar Jahren in unserer kirchlichen Landschaft insgesamt eine Renaissance genau dieses Gottesdienstes. Keiner geht mehr davon aus, dass der Gottesdienst ein Auslaufmodell ist. Dass immer weniger Leute kommen. Sondern dass Gott diesen Gottesdienst erneuern kann. Dass er mir mit dem Gottesdienst dient.

Da steht uns noch einiges bevor in den nächsten Jahren, wenn wir gemeinsam entdecken, dass der Gottesdienst eine Gabe Gottes an mich ist. Und dass ich ihm dienen kann, indem ich im Gottesdienst dabei bin. Und das ist dann Feier!

Was für den Gottesdienst leitend und wichtig ist, war schon immer umstritten. Man hat gefragt, welche Formen richtig und wichtig sind, und was man weglassen müsste. Welche Elemente im Gottesdienst sind besonders was wert? Und worauf könnte man auch verzichten? Welche Instrumente gehören hinein und welche nicht?

Das haben die Leute schon vor knapp 2.000 Jahren Paulus gefragt. Und er hat
im 1. Korintherbrief darauf geantwortet. Und im 14. Kapitel aufgezeigt, was zu einer Gottesdienstfeier gehört. Hören wir auf Gottes Wort aus 1. Korinther 14:

Strebt nach der Liebe!
Bemüht euch um die Gaben des Geistes,
am meisten aber um die Gabe der prophetischen Rede!
Denn wer in Zungen redet, der redet nicht für Menschen, sondern für Gott; denn niemand versteht ihn, vielmehr redet er im Geist von Geheimnissen.
Wer aber prophetisch redet, der redet den Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung.
Liebe Brüder, seid nicht Kinder, wenn es ums Verstehen geht; sondern seid Kinder, wenn es um Böses geht; im Verstehen aber seid vollkommen.
Im Gesetz steht geschrieben (Jesaja 28,11-12):
"Ich will in andern Zungen und mit andern Lippen reden zu diesem Volk, und sie werden mich auch so nicht hören, spricht der Herr."
Darum ist die Zungenrede ein Zeichen nicht für die Gläubigen,
sondern für die Ungläubigen;
die prophetische Rede aber ein Zeichen nicht für die Ungläubigen,
sondern für die Gläubigen.
Wenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkäme und alle redeten in Zungen, es kämen aber Unkundige oder Ungläubige hinein, würden sie nicht sagen, ihr seid von Sinnen?
Wenn sie aber alle prophetisch redeten und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen geprüft und von allen überführt; was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist.

Hochinteressant, worauf die Bibel hier den Schwerpunkt legt. Wenn wir Gottesdienst feiern, wenn wir Jesus feiern, dann gehört dazu:


1. Feiert Jesus - verständlich

Hochinteressant, nicht wahr? Unser Gottesdienst misst sich nicht daran, wie spektakulär er ist, sondern wie verständlich.

Das haben manche Christen aller Zeiten nicht eingesehen. Sie haben besonderen Wert auf ein Element im Gottesdienst gelegt, obwohl es nicht so wichtig ist. Die Korinther damals auch: Die Zungenrede, oder auch genannt: Sprachengebet.

Was ist das?

Wenn da einer im persönlichen Gebet auf einmal unverständlich spricht, wenn sich Wortsilben ergeben, die keinen gemeinsamen verständlichen Sinn ergeben, aber durchaus nach einer Sprache klingen. Also viel mehr als das, was mal auf einer Jugendkonferenz im Norden passiert ist. Jungs kommen rein und platzen mitten hinein in eine gemeinsame Gebetsrunde. Und sie setzen sich dazu und beten nach einer Weile auch laut. In ihrem breitesten Schwäbisch loben sie Gott, danken und bitten. Doch mitten im Gebet kommt einer und tippt ihnen von hinten auf die Schulter und flüstert: "Entschuldigt, aber bei uns im Gottesdienst pflegen wir nicht in Zungen zu reden …"

Zungenrede? Alles nicht so heiß, wie es manchmal gekocht wird. Paulus jubelt nicht, und Paulus lästert nicht ab. Sondern: Das tut gut, gesteht Paulus zu. Das erbaut den Menschen, sagt Paulus. Ein Geheimnis, so nennt er es sogar. Aber nicht so wichtig im Gottesdienst.

"Warum nicht so wichtig?", fragen da manche. Es ist doch spektakulär, die Sprache des Himmels zu sprechen. Es ist doch was ganz Großes, quasi beim Beten außer sich zu sein. Bis heute denken manche Christen, es handle sich bei dieser Gabe um eine ganz besonders tolle. Nein, gerade nicht so wichtig, sagt die Bibel.

Warum?
Weil das Einzige, was diese Gabe im Gottesdienst anzeigen kann, für Nicht-Glaubende die Verstockung und Härte des eigenen Herzens ist. Weil man eben nichts versteht.

Aber, so argumentiert Paulus, viel wichtiger ist doch, dass sie hören und verstehen, was ihnen Gott sagen will. Daraus ergibt sich also noch eine grundsätzlichere Linie:

Im Gottesdienst zählt nicht, was mir guttut, sondern was alle so verstehen und was sie so bewegt, dass sie ihr Leben verändern auf Jesus hin.

Damit ist übrigens noch nicht gesagt, mit welchem Stil, welcher Musik und in welcher Sprache - Deutsch oder Englisch - es sein muss.

Bewegen und Jesus feiern, das ist das Ziel. Und das geschieht durch ein deutsches Lied, das ich am Ende der Predigt nachher von Herzen singe: "Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen".

Und das geschieht durch ein englisches Lied, bei dem mir der Schauer den Rücken runterläuft, wenn mir zugesungen wird: "Amazing grace, how sweet the sound", und ich erspüre regelrecht die süße Melodie der wunderbaren Gnade Gottes.

Entscheidend ist: Es wird für mich verständlich, sodass ich mich von Jesus verändern lasse.


2. Feiert Jesus - prophetisch

Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber um die Gabe der prophetischen Rede. Die ist am meisten gefragt.

Was beinhaltet sie?

"Wer aber prophetisch redet, der redet den Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung." Prophetische Rede ist also nicht, dass wir alle in die Rolle der großen Propheten des Alten Testaments treten und reden wie ein Elia und Jeremia, sondern es handelt sich um nicht mehr oder weniger als um gesagte Worte, die aufbauen, korrigieren und trösten. Das Wort der Bibel wird durch die, die diese Gabe haben, in den Alltag der Menschen hinein lebendig. Solche Worte bauen auf.

Da schnauft eine Mutter in der Hektik des Alltags einmal durch, gönnt es sich, zum Frauenfrühstück zu gehen. Und eine andere, die auch mit im Frauenfrühstück sitzt, nimmt ihre Sorgen auf, spricht davon, dass es ihr genau so geht, dass sie im Alltag oft keinen Blick für das Wesentliche hat und sich getrieben fühlt von den Anforderungen. Und dann zitiert sie das Wort, das ihr weitergeholfen hat: "Gott spricht: Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte." Es gibt einen Ort, bei Gott, wo nicht das Getriebensein und die Leistung zählen, sondern der Vorschuss der Güte. Und wie die Frau das hört von der anderen, baut es sie auf. Prophetische Rede.

Solche Worte korrigieren auch, ermahnen und trösten. In diesem Sinne kann hoffentlich auch jede Predigt prophetische Rede sein. Das Wort Gottes so ausgelegt, dass Leute getröstet werden. Und oft genug fragt sich der Pfarrer: "Ist es wahr? Habe ich diese Gabe? Ist es nicht belanglos, trostlos, und werden die Leute dadurch nicht eher immun als offen für Gottes Wort?"

Gott sei Dank, dass sein Wort selbst uns das Herz öffnet, uns trifft und bewegt - so wie heute die Frage: Wie feiere ich Gottesdienst? Das ist prophetische Rede.

Und doch gibt es etwas noch Wichtigeres für den Gottesdienst.


3. Feiert Jesus - liebevoll

Strebt nach der Liebe! Mit ihr beginnt Paulus das ganze Kapitel über den Gottesdienst.

Und direkt vorher hat er über sie ein eigenes ganzes Kapitel geschrieben. Wie sie ist und dass, wenn sie nicht dabei ist, alles nichts ist.

Nicht umsonst hat er es so begonnen: "Wenn ich in Menschen- oder Engelszungen redete und hätte sie nicht, es wäre nichts. Wenn ich prophetisch reden könnte und hätte sie nicht, es wäre nichts." Aller Gottesdienst ist nichts ohne diese Liebe!

Wie rät er: "Strebt nach der Liebe!" Wörtlich: "Verfolgt die Liebe!" Sucht nach ihr! Wartet nicht, bis sie in das Sofa fällt! Streckt euch nach ihr aus! Und zwar nicht irgendeine Liebe, sondern die Liebe Gottes, die im Neuen Testament so bedeutsam ist, dass sie ein eigenes Wort bekommen hat: Im Griechischen gibt es so viele Worte für Liebe, wie ja auch in unserer Mediengesellschaft so unendlich viele Worte und Bilder über die Liebe gemacht werden, ohne dass sie wirklich gemeint und herbeigerufen ist.

Nein, diese Liebe ist nicht - so ein griechisches Wort für Liebe - éros, die Begierde, Lust, Verlangen.

Nein, diese Liebe ist nicht so ein weiteres griechisches Wort für Liebe - philía , die Freundschaft, die zwischenmenschliche Liebe, als ob der Gottesdienst damit steht und fällt, dass man sich bemühen muss, einander gernzuhaben.

Die Liebe, die alles erst zu etwas macht, ist griechisch gesprochen die agápä. Nach der streckt euch aus: nach der Gottesliebe. Nach der unbedingten, uns in jeder Hinsicht gnädigen, barmherzigen Liebe. Nach der Liebe, die Jesus dazu geführt hat, für seine Feinde zu bitten, einen Mörder zu begnadigen und seine Mutter und seinen Freund kurz vor dem Tod noch zueinanderzubringen. Diese Liebe, die so viel riskiert hat, dass sie ihr ganzes Leben und Blut als Lösegeld eingesetzt hat, um uns aus dem Machtbereich des Bösen loszukaufen und uns frei zu machen von aller Schuld, allen Bindungen, aller Sucht und allem zerstörerischen Selbstbezug.

Diese Liebe ist es, die den Gottesdienst zur Feier macht. Und ich wünsche uns so sehr, dass sie uns jeden Sonntag begegnet. Angefangen von dem Eindruck, hier willkommen zu sein und gerne gesehen zu werden. Bis hin zu dem Eindruck im Herzen durch Gottesdienst und Predigt: "Ja, Jesus liebt mich, denn die Bibel sagt mir's so!" Das macht den Gottesdienst aus. Und dann auch meinen Alltag.

AMEN.

Die Kirchengemeinde Eysölden wünscht eine gesegnete Woche!