Predigt zum Gemeindefest - 8. Juli 2018.

Den Gottesdienst hielt Pfarrer Thomas Lorenz.

Der Predigttext ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus:
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984,
durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung.
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart.
Alle Rechte vorbehalten.
Ein Nachdruck des revidierten Textes der Lutherbibel sowie jede andere Verwertung
in elektronischer oder gedruckter Form oder jedem anderen Medium bedarf
der Genehmigung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.


Predigttext: Themenpredigt "D(T)ankstelle"


Es gilt das gesprochene Wort!


Liebe Gemeinde!

Tankstelle: … / Dankstelle: …

Wie oft schicken die Menschen Bittgebete zum Himmel? Und wie oft bedanken sie sich hinterher auch beim Gott für seine Hilfe?

Ist ein Verhältnis 1 zu 10 realistisch: ein Dankgebet auf zehn Bittgebete? Oder 1 zu 50: Ein Dankgebet auf 50 Stoßseufzer?

"Da unten auf dem blauen Planeten laufen lauter Beppo Brettschneiders herum": hat sich der etwas genervte Engel im Anspiel eben entrüstet. Was ist das für ein Gott, der sich trotz Undankbarkeit der Menschen nicht beleidigt in die Ecke zurückzieht? -

(1) "Dankbarkeit macht das Leben reich" -


hat der Theologe Dietrich Bonhoeffer einmal gesagt. Das heißt aber umgekehrt: Wer nicht mehr danken kann, ist letztlich ein armer Schlucker!

Wer "Danke!" sagt, der hat hinterher zwar auch nicht mehr als vorher. Aber er nimmt das, was er hat, viel bewusster wahr. Und er merkt, dass er reicher ist als vermutet.

Wer "Danke!" sagt, bei dem dreht sich nicht ständig alles darum, was er auch noch gerne hätte. Er freut sich zunächst einmal darüber, was er hat.

Wer "Danke!" sagt, bringt seine Wertschätzung damit zum Ausdruck. Er kann auch über kleine Dinge noch staunen.

Francis Bacon hat einmal gesagt: "Nicht die Glücklichen sind dankbar. Es sind die Dankbaren, die glücklich sind!" Das heißt: Die Dankbaren haben hinterher auch nicht mehr als vorher. Aber sie fühlen sich viel reicher, weil sie die vielen Dinge sehen, die sie bereits haben.

Und doch - liebe Gemeinde: Obwohl wir das alles wissen, fällt uns das Danken oft so schwer. Obwohl an diesem Punkt sicher alle zustimmen werden, vergessen wir es so oft, unseren Dank auch in Worte zu fassen. Und da sind die Älteren auch nicht viel besser als die Jüngeren! -

Da kommt der kleine Tim ganz begeistert von der ersten Englischstunde nach Hause und verkündet stolz: "Mami, stell dir vor, jetzt kann ich schon ‚Guten Tag', ,Auf Wiedersehen' und ,Danke schön' auf Englisch sagen!" - "Na prima", erwidert die Mutter, deren Begeisterung sich erkennbar in Grenzen hält: "Bisher konntest du das nicht mal in Deutsch sagen!"

Danke zu sagen, kann man lernen. Danke zu sagen, kann man sich angewöhnen. Deshalb erinnern wir unsere Kinder nicht ohne Grund immer wieder, das "Danke" nicht zu vergessen.

Und auch wenn bei Kindern das "Danke" manchmal doch etwas pflichtbewusst rüberkommt, so ändert sich mit der Zeit vermutlich doch das innere Empfinden: Durchs Danke sagen, entwickelt sich ein Gefühl der Dankbarkeit. Und bei uns Erwachsenen ist das ja nicht anders. Auf unsere Gefühle haben wir zwar keinen Einfluss: Keiner kann sich die Freude befehlen. Genauso wenig kann man sich dazu zwingen, ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit zu empfinden. Aber man kann sich das vornehmen, seinen Dank auch durch äußere Zeichen zum Ausdruck zu bringen. Man kann bewusst eine "Kultur der Dankbarkeit" pflegen: in der Kirchengemeinde oder in einem Büro, in einer Firma.

Und da bin ich fest davon überzeugt: Durch Worte des Dankes oder durch bewusste Zeichen der Dankbarkeit anderen Menschen gegenüber, wird auch das Gefühl der Dankbarkeit wachsen. Eine Wertschätzung dessen, was man bereits hat. -


Jesus hat dazu einmal eine Geschichte erzählt. (Lukas 17, 11-19)

Und es begab sich, als er nach Jerusalem wanderte, dass er durch Samarien und Galiläa hin zog.
Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer; die standen von ferne
und erhoben ihre Stimme und sprachen: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser!
Und als er sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den Priestern! Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein.
Einer aber unter ihnen, als er sah, dass er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm. Und das war ein Samariter.
Jesus aber antwortete und sprach: Sind nicht die zehn rein geworden? Wo sind aber die neun?
Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde?
Und er sprach zu ihm: Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.


Liebe Gemeinde, eine dankbare Haltung ist kein Zufall. Das kann man sich vornehmen. Denn: "Dankbarkeit macht das Leben reich". All das haben jene Männer aus der biblischen Geschichte völlig vergessen. An der Tankstelle waren sie: haben Heilung und Segen und Neuanfang getankt. Doch die Dankstelle ließen sie links liegen. Nur einer hat daran gedacht, seinen Dank bewusst zu äußern - und das war auch noch ein Ausländer.

Dabei ging es ja nicht nur um 100 Euro oder um ein anderes Geschenk: Es ging um eine schreckliche Krankheit, die damals in den meisten Fällen tödlich endete. Jene zehn Männer wussten ganz genau: Die Lager außerhalb des Dorfes für die Leprakranken war ihre letzte Lebensstation: Es war nur eine Frage der Zeit, ob ihre Gliedmaßen schnell oder eher langsam verfaulten. Derart düster waren ihre Aussichten. Und von dieser furchtbaren Krankheit hat Jesus sie alle geheilt. Doch 90 Prozent haben vergessen, wie Danke auf Hebräisch heißt (todah übrigens …).

Sie hatten nur eines im Sinn, so schnell wie möglich in ihr altes Leben zurückzukehren. Ich bin sicher, dass sie an jenem Abend ausgelassen gefeiert haben. Wie sie Freudentränen des Glücks vergossen haben.

Doch Jesus war ihnen letztlich egal: Und das war ihr zweiter Fehler. Ihnen war nur die erfahrene Unterstützung wichtig. Jesus als Person und seine Botschaft war ihnen ziemlich egal.


Damit sind wir bei einem zweiten Punkt:


(2) Durch ihren Dank hätte eine Beziehung entstehen können.

Wer sich ausdrücklich bedankt, der zeigt nicht nur, dass ihm das Geschenk oder die erfahrene Hilfeleistung wertvoll ist. Er zeigt noch viel mehr, dass ihm auch der Geber wichtig ist.

Ehrliches Danken vertieft eine Beziehung. Man bringt zum Ausdruck: "Ich hole mir nicht nur mein Geschenk ab. Du bist mir auch als Person wichtig. Wir gehören doch zusammen."

Das war der zweite Fehler jener neun Geheilten: Die Person Jesu war ihnen
gleichgültig. Ihnen ging es lediglich um ihre Gesundheit. Dieser Wanderprediger und seine Lehren konnte ihnen gestohlen bleiben. -

Denn durch ihren Dank hätte eine Beziehung mit Jesus entstehen können. Das ist der entscheidende Punkt: Durch ein Zeichen des Dankes pflegt man auch die
Beziehung. Und darum ging es Jesus ja vor allem: Bei seinen Wundern hatte Jesus natürlich zunächst die ganz konkrete Not der Menschen im Blick. Und die war oft ja auch schrecklich.

Aber es ging ihm noch um viel mehr: Er wollte die Menschen zurückholen in eine lebendige Beziehung zu ihrem Schöpfer. Er wollte ihnen deutlich machen: "Eure Krankheit oder euer Hunger oder eure anderen Sorgen sind nur ein Teil eures Problems. Das größte Problem ist, dass ihr Gott aus den Augen verloren habt. Das größte Problem ist, dass ihr nicht mehr wisst, wo ihr hingehört und wozu ihr überhaupt da seid!"

Man darf das nicht falsch verstehen: Jesus hatte keine Hintergedanken, als er den Menschen geholfen hat. Er hat ihnen nicht deshalb geholfen, um hinterher um so besser seine Botschaft verkaufen zu können. So sicher nicht! Aber er hat immer wieder versucht, den Menschen die Augen zu öffnen: "Die äußere Not, die euch so bedrängend erscheint - eure Krankheit, euer Hunger oder der Stress in den Beziehungen - ist gar nicht das Schlimmste. Das Schlimmste ist, dass ihr euch vom Schöpfer entfremdet habt!"

Das war der zweite Fehler jener neun Geheilten. Und ich glaube, auch an diesem Punkt verhalten wir uns heute oft ziemlich ähnlich. So oft werden Stoßgebete zum Himmel geschickt: "Lieber Gott, du musst mir jetzt unbedingt helfen, damit ich im Bewerbergespräch eine gute Figur abgebe!" -"Lieber Gott, du musst mir jetzt unbedingt helfen, damit ich schnell wieder gesund werde!"

Und dann geht dieses Stoßgebet sogar noch in Erfüllung: Man bekommt die ersehnte Stelle. Oder man wird - vielleicht gegen alle Prognosen - wieder gesund. Aber an ein Dankgebet verschwenden viele hinterher keinen einzigen Gedanken. Man holt sich den Segen ab - aber für den Geber dieses Segens interessiert man sich nicht.

Die Oma, die ihrem Enkel 50 Euro schenkt - Indem sich der Enkel bedankt,
indem er sich Zeit nimmt für seine Oma, wächst auch die Verbundenheit. Man redet miteinander. Man freut sich miteinander. Man spürt, dass man zusammengehört. Und man zeigt seiner Oma: "Du bist mir als Person wichtig - nicht nur deine 50 Euro!"

Vielleicht kennt ihr den Witz von jener Oma, die neben dem Aldi-Parkplatz beerdigt werden wollte. Die Enkel sind natürlich entsetzt über diesen Vorschlag und sagen zu ihr: "Oma, du bekommst natürlich ein schönes Grab auf dem Friedhof, und wir kommen dann auch regelmäßig und pflegen dein Grab." Doch die Oma besteht darauf: "Nein, nein, ich will einmal neben dem Aldi-Parkplatz beerdigt werden. Dann kommt ihr zumindest einmal in der Woche bei mir vorbei - wenn es bei Aldi wieder die Sonderangebote gibt!"

So soll es gerade nicht sein: Indem wir uns bedanken, wird auch die Beziehung enger: zwischen den Enkeln und ihrer Oma - zwischen den Menschen und Gott.
Nun kommt zum Schluss noch ein dritter Aspekt ins Spiel - der dritte Fehler jener neun undankbaren Gesellen:

Jesus hat ihnen neu das Leben geschenkt. Und vermutlich werden sie jenes Datum wie ihren zweiten Geburtstag gefeiert haben.


(3) Aber sie gingen wieder zurück in ihr altes Leben vor ihrer Krankheit.

Und vermutlich waren sie schon bald wieder im alten Trott wie eh und je. Durch die Begegnung mit Jesus hätte ihr Leben eine ganz neue Ausrichtung bekommen können.

Sie hätten endlich die Bestimmung ihres Lebens finden können: die Antwort auf die Frage, weshalb wir auf dieser Erde sind. Sie hätten endlich danach fragen können, was nach dem Willen Gottes das Wichtigste ist im Leben.

Doch nichts davon: Nach der Begegnung mit Jesus stürmten sie davon - in ihr altes, kleines, bescheidenes Leben. Manfred Siebald hat das in seinem Lied wunderbar formuliert:

"Stürzten sich ins volle Leben, holten, was sie konnten nach - doch nur einer kam mit seinem Dank zurück."

Das Entscheidende, auf das alles ankommt, steht in unserem Text nur bei dem Samariter - Vers 15: "Einer aber unter ihnen, als er sah, dass er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm."

Zwei einschneidende Dinge: Er kehrt um - das heißt: Er gibt seinem Leben eine neue Richtung. Und er fällt auf die Knie - er gibt zu verstehen, dass in Zukunft Jesus der Herr in seinem Leben sein soll.

Umkehren und auf die Knie gehen: Das sind nicht nur äußerliche Gesten. Das ist zugleich ein ganz tiefes Bekenntnis: "Jesus, ich möchte in Zukunft für dich leben. Jesus, von jetzt an sollst du in meinem Leben den Ton angeben. In Zukunft soll sich nicht alles wieder nur um mein eigenes Glück drehen. Ich will vor allem danach fragen, wo du mich haben willst!"

Umkehren und auf die Knie fallen. Nicht im ewig alten Trott weitermachen, sondern das Steuer um 180 Grad herumreißen: Das war der Unterschied zu den neun anderen. Und bezeichnenderweise sagt Jesus nur zu ihm diesen bedeutsamen Satz: "Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen."

Auch die anderen hatten Jesus etwas zugetraut. Das wollen wir hier nicht kleinreden. Immerhin sind sie zu den Priestern losgelaufen, als sie noch krank waren. Sie trauten Jesus etwas zu. Aber in einem ganz tiefen Sinn hat nur jener Samariter den Glauben entdeckt: Bei ihm hatte der Glaube Konsequenzen. -

Manche erinnern sich vielleicht noch an die 33 verschütteten Bergleute in Chile 2010, die so gut ausging. Bei den 11 jungen Fußballern und ihrem Trainer, die in der Tham-Luang-Höhle in Thailand eingeschlossen sind, wissen wir noch nicht, ob es gut ausgeht. Beten wir darum, dass die Rettungsaktion auch wirklich klappt. Ich frage mich allerdings, wie es für die jungen Leute weitergeht: Werden Sie wirklich ein neues Leben anfangen - oder genauso weiterleben wie vorher? Wird sich an ihrem Lebensstil etwas ändern - oder geht es weiter wie immer? -

Liebe Gemeinde, ich habe euch heute auf eine kleine Gedankenreise mitgenommen: Ich hoffe, du bist nicht vorzeitig ausgestiegen.

Zunächst ging es um eine "Kultur der Dankbarkeit": Nicht einmal dazu waren jene neun Männer im Stande.

Ihr zweiter Fehler: Es ging ihnen lediglich um die Heilung. Der "Heiland" - also derjenige, der sie heil gemacht hatte - war ihnen egal. Sie nutzten die Möglichkeit nicht, dass aus der Dankbarkeit heraus eine Beziehung zu ihm hätte entstehen können.

Und schließlich ihr dritter Fehler: Sie stürmten zurück in ihr altes kleines Leben. Dabei hätte ihr Leben durch die Begegnung mit Jesus eine ganz neue Richtung bekommen können. -

Jener Samariter hatte es kapiert: Er hat nicht nur danke gesagt. Er ist auch dem begegnet, der unser Leben unendlich reich machen kann. Es lohnt sich auch für uns, liebe Gemeinde, wenn wir diese beiden Dinge tun: Umkehren und vor Gott auf die Knie gehen.

AMEN.

Die Kirchengemeinde Eysölden wünscht eine gesegnete Woche!