Predigttext und Predigt zum 9. Sonntag nach Trinitatis - 29. Juli 2018.

Den Gottesdienst hielt Pfarrer Thomas Lorenz.

Das Wochenlied: EG 497;

Titel: Ich weiß, mein Gott

Der Predigttext ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus:
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984,
durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung.
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart.
Alle Rechte vorbehalten.
Ein Nachdruck des revidierten Textes der Lutherbibel sowie jede andere Verwertung
in elektronischer oder gedruckter Form oder jedem anderen Medium bedarf
der Genehmigung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.


Predigttext: Jeremia 1,4-10

Des Herrn Wort geschah zu mir:
Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete,
und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest,
und bestellte dich zum Propheten für die Völker.
Ich aber sprach:
Ach, Herr, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.
Der Herr sprach aber zu mir:
Sage nicht: "Ich bin zu jung", sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete.
Fürchte dich nicht vor ihnen;
denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der Herr.
Und der Herr streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an
und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.
Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche,
dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst
und bauen und pflanzen.

Es gilt das gesprochene Wort!


Liebe Gemeinde!

Wer war dieser Jeremia, den sich Gott als seinen Propheten ausersehen hat? Jeremia stammt aus dem Dorf Anatot, das etwa sieben Kilometer nordöstlich von Jerusalem liegt. Er stammt aus einer Priesterfamilie (Kap. 1,1) und kennt die religiös-geschichtlichen Traditionen seines Volkes. Jeremia könnte damals etwa 25 Jahre alt gewesen sein.

Schauen wir uns die Berufung Jeremias zum Dienst für Gott genauer an:


1. Der Anfang: Gott beruft


Jeremias Bericht über seine Berufung beginnt mit den Worten "Und des HERRN Wort geschah zu mir" (V. 4). Damit beschreibt er das geheimnisvolle Reden Gottes, das er vernommen hat. Damit wird deutlich, dass Jeremia sich das Prophetenamt nicht selbst ausgewählt hat. Von sich aus wäre er wohl nie auf diese Idee gekommen.

Es war vielmehr Gottes Idee. Ja, Gott hatte sich Jeremia schon zum Propheten ausersehen, als dieser noch gar nicht gezeugt und empfangen war. Wieder klingen die Worte geheimnisvoll: "Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest" (V. 5). Gottes Weg mit Jeremia hatte also schon lange vor dem Geschehen begonnen, das unser Predigttext schildert.

"Ich kannte dich", das ist nicht nur so zu verstehen, dass Gott von Jeremia gewusst hat - das sicher auch, schließlich ist Gott allwissend. In der Bibel heißt aber "(er)kennen", dass Gott in eine Beziehung zu Jeremia getreten ist, ihn in seinem Leben schon von Anfang an begleitet und führt.

Jeremia ist ein Teil des Ratschlusses Gottes. Damit gehört Jeremia nicht mehr sich selbst, sondern sein Lebensweg ist ein Teil der Geschichte Gottes mit seinen Menschen.

Gott spricht: "Ich … sonderte dich aus". Was Luther mit "aussondern " übersetzt, heißt im Urtext "ich habe dich geheiligt". Das heißt, Gott hat Jeremia aus den alltäglichen Beziehungen, Sachzwängen und Gepflogenheiten herausgenommen und ihn in ein besonderes Verhältnis zu sich gestellt. Dieses besondere Verhältnis zu Gott, dieses "geheiligt sein" bedeutet nicht, dass Jeremia sündlos wäre oder einen übernatürlichen Schutz genießen würde. Jeremia bleibt ein normaler Mensch mit Stärken und Schwächen. Er bleibt immer wieder angefochten und auf Gottes Hilfe angewiesen. Es heißt aber, dass er von nun an in einem besonderen Dienstverhältnis zu Gott steht. Im Rahmen dieses Dienstverhältnisses wird Jeremia berufen und gesandt, um eine Aufgabe zu erfüllen.

Wie wird er reagieren?


2. Die Auseinandersetzung: Jeremia will nicht

Die Erwählung Gottes führt Jeremia in eine heftige innere Auseinandersetzung.

Jeremia macht es sich sicher nicht leicht. Er ringt mit sich selbst, prüft sich und kommt zu dem Ergebnis: "Ach Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung" (V. 6).

Jeremia will nicht! Das ist typisch. Mose will Gottes Volk nicht aus Ägypten führen, weil er meint, er könne nicht reden. Und Jeremia hält sich für "zu jung". Kennen wir das nicht auch? Jemand will etwas von uns. Wir prüfen uns ehrlich und kommen zu dem Ergebnis, dass wir es uns nicht zutrauen, dass wir dafür "untauglich" sind. Vielleicht geht es auch gar nicht darum, dass wir uns etwas nicht zutrauen, sondern wir haben schlicht und einfach ganz andere Pläne für unsere Freizeit oder für unser Leben.

Eigentlich haben beide ja auch recht. Mose war in der Tat kein brillanter Redner, und Jeremia entspricht als Knabe/junger Mann (na'ar) tatsächlich nicht den gesellschaftlich-kulturellen Gepflogenheiten und Erwartungen seiner Zeit. Ihm fehlen die Erfahrung und Autorität des reifen Alters für öffentliche Auftritte. Ein junger Mann seines Alters muss sich in der Öffentlichkeit respektvoll zurückhalten. Alles andere gehört sich nicht.

Menschlich betrachtet, hat Jeremia recht. Er ist untauglich, ist der Falsche!

Aber Gott sieht das anders. Er hat Jeremia bereits vor jeglicher Tauglichkeitsprüfung ausgewählt. Ja, sogar vor seiner Zeugung und Empfängnis hat sich Gott für Jeremia entschieden.

Gott beruft nicht den Tauglichen, sondern macht den Berufenen tauglich.

Ist es nicht verblüffend: Gott traut Jeremia mehr zu als dieser sich selbst.

Was meinst du? Traut Gott auch mir und dir mehr zu, als wir uns selbst zutrauen? Wen sehen wir, wenn wir in den Spiegel schauen? Wen sieht Gott, wenn er uns anschaut?

Gleichzeitig ist doch auch klar, dass Jeremias Widerstand absolut angemessen ist. Denn, wenn Gott ruft, ist jede menschliche Fähigkeit und Möglichkeit unzureichend.

Wer kann schon sagen: "Endlich meldest du dich, Gott. Ich bin genau derjenige, den du suchst!" Jede menschliche Zustimmung wäre Selbstüberschätzung, Hochmut und Vermessenheit.

Doch Gott gibt nicht nach. Er führt mit Jeremia eine Art Sehtraining durch. Jeremia soll nicht auf seine Jugend, nicht auf seine fehlende Tauglichkeit und nicht auf seine Furcht sehen, sondern auf Gott: Ich sende dich, wohin du gehen sollst; ich sage dir, was du predigen sollst; "ich bin bei dir". Gott macht Jeremia deutlich, dass er gar keine herausragende Persönlichkeit mit besonderen Fähigkeiten sein muss. Alter, Erfahrung, Weisheit und bestimmte Fähigkeiten sind keine Voraussetzungen für den Dienst, sondern können im Laufe des Dienstes wachsen. Die menschliche Logik ist nicht Gottes Logik. Es geht auch gar nicht darum, dass Gott Jeremia mit klugen Argumenten überzeugt. Jeremia wird vielmehr im Gehorsam erfahren, dass Gott zu seiner Zusage steht.

Jeremia erfährt ja auch nicht, was sein Auftrag konkret sein soll. Der Auftrag an sich bleibt im Dunkeln. Jeremia soll sich nicht an der vermeintlichen Realisierbarkeit eines konkreten Auftrags orientieren, sondern an Gott selbst und sich vollständig auf Gott einlassen. Im Dienst für Gott geht es zuerst um das Vertrauen in Gott und erst dann um den konkreten Auftrag.


3. Die Vergewisserung: Gott berührt


Wir hören von Jeremia nichts mehr. Jeremia wurde von Gott geradezu überwältigt.

Doch dann geschieht etwas im wahrsten Sinne des Wortes Berührendes:

"Und der Herr streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: ›Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.‹" (V. 9f.). Gott macht seine mündliche Zusage körperlich spürbar. In einer Zeichenhandlung berührt er den Mund Jeremias, das Organ des Predigens. Es ist ein Berufungsritus. Sehr menschlich und vorsichtig, geradezu zärtlich wird hier die Sprache. In Zeitlupe wird erzählt: "Und der Herr streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: ›Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.‹" Das ist keine kindlich-naive Gottesvorstellung, über die aufgeklärte Menschen nur schmunzeln könnten. Es ist vielmehr der Ausdruck der tiefen Erfahrung, dass Gott uns nahekommt, wenn wir ihn brauchen.

Als Jeremia an sich und an Gottes Auftrag zweifelt, muss er sich nicht in theologischen Auseinandersetzungen mit dem fernen, heiligen und aller menschlichen Vorstellung entzogenen Gott auseinandersetzen, sondern Gott berührt ihn, begegnet ihm zärtlich, fassbar und begreifbar "auf Augenhöhe". In der Auseinandersetzung mit sich selbst und mit Gott begegnet Gott dem Jeremia ganz menschlich. Die Gottesbegegnung wird für Jeremia sinnlich-körperlich erfahrbar und bekommt damit für ihn eine enorme seelsorgerlich-ermutigende Bedeutung:

Wenn Jeremia als Prophet, als Stimme Gottes seine eigene Stimme erheben wird, wird Gott ihm die Worte in den Mund legen (Kap. 15,19). Das versichert ihm die Berührung durch Gott. An diese berührende Begegnung kann sich der Prophet in Situationen des Zweifels und der Niedergeschlagenheit erinnern und sich aufrichten. Mit seinem Mund wird Jeremia seinen Dienst ausführen. Gott wird seine Worte in Jeremias Mund legen und sie "zu Feuer machen" (Kap. 5,14) bzw. "wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt" (Kap. 23,29).

Gottes Wort wirkt mächtig, gestaltet Geschichte und formt die Zukunft. Für diesen Dienst wird Jeremia berufen.

Was für eine Geschichte! Sie ist spannender als ein Krimi.


( Schluss )

Liebe Gemeinde, wir sind nicht Jeremia. Unser Leben, auch unser Dienst für Gott ist ganz anders als der des Jeremia. Und doch möchte ich von Jeremia lernen, dass Gott uns Menschen in seine Geschichte einbaut. Ja, dass er uns dabei sogar mehr zutraut, als wir selbst uns zutrauen. Gott traut uns zu, dass wir an unserem Ort in seinem Dienst mitwirken. Gott beruft auch heute in seinen Dienst. Dabei ist nicht wichtig, was wir können oder uns selbst zutrauen, sondern dass wir Gott vertrauen. Er gibt Kraft, Mut, Weisheit und lässt Fähigkeiten wachsen. Vertrauen wir ihm, wie es Jeremia tat, und seien wir gespannt, wie er uns führt!

AMEN.

Die Kirchengemeinde Eysölden wünscht eine gesegnete Woche!