Predigttext und Predigt zu Erntedank und Abschiedsgottesdienst von Pfarrfamilie Lorenz - 30. September 2018.

Den Gottesdienst hielt Pfarrer Thomas Lorenz.

Das Wochenlied: EG 321;

Titel: Nun danket alle Gott

Der Predigttext ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus:
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984,
durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung.
© 1999 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart.
Alle Rechte vorbehalten.
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der Genehmigung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.


Predigttext: Lukas 12, 15-21

Und er sprach zu ihnen: Seht zu und hütet euch vor aller Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.
Und er sagte ihnen ein Gleichnis und sprach: Es war ein reicher Mensch, dessen Feld hatte gut getragen.
Und er dachte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun? Ich habe nichts, wohin ich meine Früchte sammle.
Und sprach: Das will ich tun: Ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen und will darin sammeln all mein Korn und meine Vorräte
und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut!
Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast?
So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott.

Es gilt das gesprochene Wort!


Liebe Gemeinde!

Einmal im Jahr tun wir etwas, was wir sonst wahrscheinlich nie tun würden: Wir bringen unser Essen, das, wovon wir tagtäglich leben, hier hinein in die Kirche, und damit sagen wir: das gehört selbstverständlich hierher.


1.

Dass wir das alljährlich tun, hat eine zweifache Bedeutung.

Zum einen , wenn wir Brot und Trauben und Kartoffeln und Äpfel in unseren Gottesdienst bringen, dann heißt das: Diese gewöhnlichen Sachen, die wir täglich selbstverständlich kaufen und gebrauchen, sind keineswegs selbstverständlich. Heute werden wir daran erinnert, dass dies alles, woran wir oft kaum einen Gedanken verlieren, ein Geschenk Gottes ist. Sicher: Wir haben verdient und gekauft oder vielleicht sogar selber gepflanzt und geerntet - aber die Arbeitskraft und das Wachsen und Gedeihen, das haben wir nicht von uns. Das, was für unser Leben wirklich wichtig ist, das alles ist ein Geschenk.

Erntedankfest erinnert uns also daran, dass wir von der Gnade Gottes leben - auch dann, wenn wir essen und trinken. Gottes Gaben sind nicht immer auffällig. Aber es ist gut, dass wir Augen für seine Gaben bekommen - und ihm dafür danken.

An Gottes Geschenke: Essen und Trinken denken wir insbesondere beim Erntedankfest. Für Christen ist es aber auch wichtig, täglich zu danken. Jede Mahlzeit, die wir ohne Tischgebet zu uns nehmen, ist im Grunde ein Stück Undankbarkeit gegen Gott. Durch unser Schweigen bringen wir damit zum Ausdruck, dass wir für unsere Ernährung Gott nicht brauchen.

Das ist das Erste: Dankbarkeit für Essen und Trinken - und die eingeholte Ernte.
Gottes Gaben beschränken sich aber nicht auf das Materielle, auf das Sichtbare. Vielmehr beschenkt uns Gott überreich, "reichlich und täglich" "versorgt" er uns "mit allem, was not tut für Leib und Leben" (Luthers Erklärung zum 1. Glaubensartikel).

Und so ist auch nach 19 Jahren Dienst in einer Gemeinde etwas zu spüren von diesem nicht materiellen Segen, den Gott geschenkt hat, von der Versorgung, um die er sich gekümmert hat.

Seine Segensspuren sind es, die mich dankbar machen für die Zeit hier in der Gemeinde Eysölden. "Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat" (Psalm 103,2).

Seine Segensspuren in der Begegnung mit Menschen - "… vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat."

Seine Segensspuren, wo Menschen sich wieder neu auf Gott eingelassen haben, zum ersten Mal oder wieder neu ihr Vertrauen auf ihn gesetzt haben - "… vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat."

All das ist auch Ernte, die wir immer wieder haben einbringen dürfen …

Ja, am Ende eines Dienstes in einer Pfarrei fragt man sich: Was die Ernte ist, die man einbringen durfte?

Diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten.

Woran ist die Ernte zu messen? Lässt sie sich zählen, wiegen, beziffern?

Wohl kaum. Letztlich ist es am besten, es einfach Gott zu überlassen, bevor man anfängt, da zu sortieren.

Denn nicht immer ist das, was nach außen groß und wie eine gute Ernte wirkt, tatsächlich auch in Gottes Augen eine solche. Wie umgekehrt etwas, was auf den ersten Blick klein und eine schlechte Ernte ist, in Gottes Augen ganz wertvoll sein kann.

Denn wir können nicht tiefer blicken. Wir sehen immer nur das Vordergründige, die Oberfläche. Was sich dahinter und darunter befindet, können wir nur vermuten, aber nicht wissen. Gott aber weiß es! Und bei ihm wird das Kleine groß und das Große klein.


2.

Zweitens erinnert uns das Erntedankfest daran, dass alles, was wir jeden Tag gebrauchen, genießen, erleben, tun, eine geistliche Bedeutung hat. Nicht nur Kirche und Gottesdienst, Bibellesen und Beten sind geistlich, auch wenn wir dabei in besonderer Weise mit Jesus Christus zu tun haben und wir alle uns schon immer wieder fragen müssen, welchen Stellenwert dies in unserem Leben hat.

Doch auch vieles andere kann eine Gelegenheit sein, Gottes Güte und Liebe wahrzunehmen und Dankbarkeit zu lernen. Jeder Augenblick der Gesundheit, Kinder und Enkelkinder, die aufwachsen, die schönen Sommertage, die Schönheit der Landschaft, freundliche Gesichter anderer Menschen, Worte, die einen aufgerichtet haben, ein schönes Essen, eine Familienfeier daheim - das alles kann ein Hinweis auf den Geber aller guten Gaben sein. Das sind Erfahrungen, die unseren Blick von uns selbst weg auf Gott hin lenken, der uns liebt und sich um uns kümmert und in die Gemeinschaft mit sich ruft.


3.

So bedeutet das Erntedankfest, dass wir alles, was wir genießen, erleben, tun, als eine Gelegenheit ansehen sollen, mit Gott und seiner Liebe in Berührung zu kommen. In allem, was wir erleben, ist Gott verborgen. Ob wir ihn darin entdecken?

Das ist für uns freilich oft schwer zu begreifen. In der Regel machen wir eine saubere - und gefährliche - Trennung zwischen dem geistlichen und dem weltlichen Teil unseres Lebens. Eine solche Trennung kennt die Bibel aber nicht.

Gott, der uns ohne Bedingungen ganz liebt, will uns auch ganz haben, mit Geist, Seele und Leib, mit Haut und Haaren, mit allem, was wir sind und haben.

Der reiche Kornbauer (wie unser Bibelabschnitt in der Lutherbibel überschrieben ist) hat zweifellos an Gott geglaubt und nahm es sicherlich ernst mit den religiösen Pflichten. In dieser Hinsicht hätte man ihm nichts vorwerfen können. Und er wird es bei der wöchentlichen Kollekte an Großzügigkeit auch nicht haben fehlen lassen. Schließlich hat man auch Gründe zum Dank gegen Gott.

Und doch nennt ihn Gott einen "Narren" - verrückt!

Wieso denn eigentlich?

Sein Fehler ist, dass er sein Leben fein säuberlich in zwei Teile trennt: in einen geistlichen Teil, der Gott betrifft, und in einen weltlichen Teil, in dem er Gott gar nicht berücksichtigt, an ihn gar nicht denkt. Wenn es darum geht, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen und geschäftliche Entscheidungen zu treffen, da bleibt Gott ganz außen vor. Da gelten ja ganz andere Regeln und Maßstäbe als das, was man auf der Kanzel hört, das weiß doch jede und jeder. So denkt er jedenfalls.

Und darum nennt ihn Gott einen Narren. Denn jedes Menschenleben ist in seiner Gesamtheit ein Leben vor Gott. Er interessiert sich für mich, und nicht lediglich für einen frommen Teil von mir, der von meinem normalen Leben isoliert ist. Gottesdienst umfasst unser ganzes Leben und endet nicht hinter der Kirchentür.

Ich kann nicht den geistlichen von dem weltlichen Teil in mir trennen.

Ich kann nicht hier am Erntedankfest von Gottes Güte singen und den Rest der Woche so tun, als ob mein Erfolg im Leben nur meiner eigenen Klugheit und Tatkraft zuzuschreiben sei.

Ich kann nicht Gott für seine Großzügigkeit und für das Geld und das Eigentum, das er mir anvertraut hat, hier danken und am Montag damit so umgehen, als wäre es mir ausschließlich zum eigenen Vergnügen geschenkt.

Ich kann nicht heute am Tisch beten: "Alle guten Gaben, alles, was wir haben, kommt, o Gott, von dir" - und morgen so tun, als hinge alles doch von meiner eigenen Leistungsfähigkeit, meinem Einsatz und meiner Fantasie ab.

Wofür ich am Sonntag danke, das muss ich am Montag verantwortungsvoll vor Gott und auch für andere Menschen einsetzen.

Unser ganzes Leben vom ersten Atemzug bis uns Gott aus diesem Leben ruft, soll ein Leben für ihn sein, ein Leben, das ganz von seiner Güte abhängig ist, ein Leben, das diese Güte weiter vermittelt an andere Menschen. "Frömmigkeit ist der Entschluss, die Abhängigkeit von Gott als Glück zu bezeichnen" (Hermann Bezzel).

Wer Gott im Leben gar nicht oder nur gelegentlich berücksichtigt, ist ein Narr, sagt Gott. Ein solcher Mensch rechnet in seinem Leben nicht mehr mit Gott - und das ist wirklich eine große Dummheit.


4.

Wie stellt sich dann Gott unser Leben vor? Er stellt sich uns so vor, dass wir mit ihm in unserem Alltag rechnen. Jede Erfahrung ist eine Herausforderung an uns, daran zu denken, dass wir Christen sind: Wie wir in der Ehe und in der Familie miteinander umgehen; wie wir uns auf der Arbeitsstelle begegnen; ob wir die Umwelt pflegen oder ausbeuten, ob wir sie schätzen oder verunreinigen; wie wir die Zeitung lesen, fernsehen, im Internet surfen, soziale Medien nutzen; wie wir uns anderen Menschen gegenüber verhalten, die uns vielleicht in unserer Ruhe stören oder sogar schroff und unfreundlich sind; wie wir unsere Finanzen verwalten, zu Recht oder zu Unrecht - hinter dem allem steht Gott, der uns herausfordert, ihm zu danken, ihn zu loben, seine Gebote mitzubedenken, ihm zu vertrauen - und verantwortlich mit seinen Geschenken umzugehen.

Jedes Ereignis meines Lebens ist eine offene Tür, die zu Gott führen kann, eine Herausforderung, meinen Glauben, meine Liebe, meine christliche Hoffnung in den tagtäglichen Erfahrungen anzuwenden.

Ein geistliches Leben ist ein Leben in dauernder Tuchfühlung mit Gott. Wenn wir zum Heiligen Abendmahl gehen, kommen wir in die engste Berührung mit Gott, die denkbar ist, weil wir den Leib und das Blut seines Sohnes empfangen.

Wenn wir aber nachher diese Kirche verlassen, ist der Kontakt nicht abgebrochen. Im Gegenteil. Jesus Christus will in uns weiterwirken, uns in unserem Alltag stärken, uns dort begleiten und erneuern; und wir werden mit dem Segen in den Alltag entlassen, um dort eine andere Art Gottesdienst zu feiern.

Am Erntedankfest erinnern wir uns also daran, dass sich Gott für unser alltägliches, normales Leben interessiert mit den ganz alltäglichen Freuden, Schwierigkeiten, Erlebnissen, Zweifeln und Sorgen - und gerade dort will er, dass wir ihm begegnen, nicht nur in Sternstunden wie dieser. Er lässt sich nicht abschieben in irgendeine fromme Ecke, die nur am Sonntagmorgen existiert.


5.

Und nun schließlich das Entscheidende: Dass sich Gott für jede kleine Einzelheit in unserem Leben interessiert, ist ein Zeichen seiner Gnade, es ist die Gabe heute; und alles, was hier so liebevoll zusammengestellt ist, ist ein Zeichen dieser Gnade. Dass Gott sich nicht in eine fromme Ecke verbannen lässt, sondern überall und dauernd und in jeder Lebenssituation um uns besorgt ist, das ist seine Gnade, liebe Gemeinde.

Wie schrecklich wäre das, wenn wir die Woche über alleine zurechtkommen müssten! Wie entsetzlich, wenn sich Gott nur um unsere Seelen kümmerte und uns alles andere überließe!

Als aber Gott Mensch wurde, da hat er sich endgültig dazu verpflichtet, jeden Augenblick unseres Lebens bei uns zu sein. Und das heißt: Ganz gleich, was du gerade durchmachst, ganz gleich, welche private Sorgen du im Moment hast, du kannst dich darauf verlassen, dass Gott da ist und nach dem Entscheidenden sieht, genauso, wie er dich bisher mit Nahrung und mit allem Entscheidenden versorgt hat.

Die Ernte: das ist ein Zeichen für den überall und immer fürsorglichen Gott! Ihn feiern wir heute. Setzen wir doch das Vertrauen auf ihn und leben wir mit ihm, ob hier in Eysölden oder Offenbau mit seinen Gemeindeteilen oder in Wassermungenau oder wo auch immer.

Gott sei Dank!

AMEN.

Die Kirchengemeinde Eysölden wünscht eine gesegnete Woche!